Kein Warten auf Godot in krückenhaften Seinserfahrungen

Krückengänge

Ohne die Krücken unterschiedlicher Natur würde ich es nicht oder kaum schaffen, alleine zur Nachuntersuchung auf die Unfallambulanz der Universitätsklinik Innsbruck zu kommen. Die wichtigsten Krücken sind mir derzeit wohl Zweibeiner, die mich physisch und seelisch unterstützen. Dann gibt es aber auch jene zwei Unterarmgehstützen, die seit einer Woche meinen winzig gewordenen Bewegungsradius bestimmen. Ich glaubte ursprünglich, dass das Gehen mit ihnen leichter sei. Meinen verletzten eingegipsten Fuß darf ich nicht einsetzen. Mein Gewicht ist also auf den zwei knallgelben Gummistöpseln sowie dem gesunden Bein einerseits und auf den Unterarmstützen andererseits verteilt. Damit ist eine Art Dreipunktgehen möglich. Oder genauer: Ein Dreipunkthüpfen. Das Balancehalten fällt mir nicht leicht. Keinesfalls darf ich auf das kaputte Bein stürzen. Gleich am ersten Krückentag nach dem Unfall bin ich tatsächlich schon einmal umgefallen und lag wie ein kafkaesker Käfer am Boden und kam kaum mehr auf. Die Folge war ein neuerliches Röntgen und Untersuchen auf der Klinik.

Eine Woche später nun: Unverletzt eine Dreierstelle in festem Felsen zu klettern oder eine 5c-Route in der Kletterhalle erscheinen mir leichter, als jetzt mit den Krücken und dem intakten Bein eine kleine Schwelle zu überwinden, ohne dass ich dabei das Gleichgewicht verliere. Der Weg vom Eingang der Klinik bis zum Wartebereich dünkt mir weiter als eine 1000-Höhenmeter-Skitour. So bin ich dankbar für die Hilfe und Unterstützung, die ich für meinen eingeschränkten Bewegungsradius bekomme. Ich hätte noch Angst, in einen Bus zu steigen oder dass eine Gehsteigkante zu hoch sein könnte. In diesen Tagen einer gewissen Hilflosigkeit erfahre ich selbst, was es bedeutet, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, um von A nach B zu kommen und um das Rundherum im Leben zu schaffen, vor allem aber erfahre ich wieder neu, dass seelische und körperliche Unterstützung sich jeweils wechselseitig verstärken.

Warteräume

Warten. Im Wartebereich der Unfall-Ambulanz bei der Nachbehandlung. Gleich morgens. Warten. Der Mann mir gegenüber hat einen überdimensional wirkenden eingegipsten Mittelfinger, den er wohl nur verletzungsbedingt nach oben streckt. Es wirkt wie ein Szenenbild in einem absurden Theater. Schade, dass nicht irgendeiner der Kriegsherren oder FPÖ-Granden ihm gegenübersitzt. Warten. Zwischendrin immer wieder Aufrufe. „zur Röntgenkontrolle … Röntgen 1 … zur Gipsabnahme … zur Nachbehandlung … Raum …1“. Ich warte auf meinen Aufruf. Mein philosophisches Bewusstsein nimmt den Erzählfaden von Samuel Bekett in „Warten auf Godot“ auf. Das verkürzt mein Warten und gibt ihm eine philosophische Bedeutsamkeit. Wie umgehen mit der Absurdität im Leben? Viktor Frankl würde es wohl anders formulieren: Jedes Leiden in jedem Augenblick schenkt einen beIsonderen Sinn. Mir gegenüber wartet eine Frau. Ihr Arm ist vom Handgelenk bis zur Schulter eingegipst. Ich bin in einem System von wartenden Verunfallten. Mein Name wird aufgerufen. Der Raum mit der Gipsabnahme ist gefühlt meilenweit entfernt. Aber ich schaffe es. Eine junge Pflegerin nimmt meinen Spaltengips ab. In ihrem Leben und Arbeiten liegt so viel Sinn. Die massive Schere wirkt fast bedrohlich. Wie ein Symbol in einem absurden Theater. Die behandelnde Frau wirkt beruhigend. Den ganzen Tag wird sie hier sein, nur im Kunstlicht, mit blauen Desinfektionshandschuhen den Menschen ihre Gipse abnehmen, während draußen die Sonne scheint und der Tag lichtvoll-warm ist. Ich bin ihr dankbar. Mein Gips löst sich nicht so leicht. Hoffentlich wird sie nicht zu sehr mein schmerzendes Bein nach links oder rechts bewegen, denke ich mir. Danke, Godot, hätte ich am liebsten gesagt. Sie hätte mich nicht verstanden. Nun sehe ich die Schwellungen rund um mein Sprunggelenk. Sie verstärken meine Angst, dass die gerissenen Bandstrukturen nicht so schnell heilen werden. Mit meinem wackeligen Krückengang bewege ich mich gipslos noch unsicherer zurück zu meinem Warteplatz inmitten der Wartenden. Dort wartet Godot auf mich. Eine Frau, die mit ihrem Vater wartet, begleitet mich zum Platz. Zur Sicherheit, falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte. In dieser Wartezeit im Warteraum sind alle Beteiligten zu einer wartenden Gemeinschaft geworden. Alle sind freundlich. Gebrochene Arme. Gebrochene Beine. Gebrochene Finger. Warten. Ich mag meinen Fuß, der nun gipsfrei ist, gar nicht ansehen und ziehe mir umständlich den Socken darüber. Ein anderer wartender Mann sitzt mit blauem Gips in einem Rollstuhl und wird geschoben. Geschobenwerden würde ich mir nun fast für mich wünschen. Mein Name wird wieder aufgerufen. Um den Fuß zu röntgen, soll ich nun darauf stehen. Kaum komme ich auf das Podest. Den Fuß will ich nicht wirklich belasten. Die Röntgenfrau ist freundlich. Nur kurz belaste ich das Bein. Elektromagnetische Strahlen sausen durch. Ich krückle – so ein Wort müsste erfunden werden – mich zurück zum Wartestuhl im Warteraum der Wartenden. Erfolg. Habe es geschafft. Warten auf die Begutachtung durch den Arzt. Mir gegenüber sitzt ein volltätowierter schwer beeinträchtigter Mann in seinem Elektro-Rollstuhl. Warten. Podcasthören. Nach vielen Aufrufen nun mein Name. Ich krückle zum Arzt. Er ist jung. Ich sehe mir mit ihm das Röntgenbild an. Seiner Diagnose muss ich vertrauen. Ich bräuchte keine Operation. Der Knochen – die gebrochene Fibula – würde von alleine heilen. Es stünde nicht so schlecht. Auch die Bänder – jenes am Knöchel sei sicher gerissen – würden wieder zusammenwachsen. Was ich nun bräuchte: Nur Ruhe. Ruhe. Ruhe. Thrombosespritzen. Ich krückle zurück in den Warteraum. Kurz denke ich mir: In dieser Zeit des Wartens hätte ich schon 1500 Höhenmeter bei einer Skitour hinter mir. Ich nehme jetzt nicht im Sonnenschein auf einem Gipfel Platz, sondern auf dem blauen Wartestuhl im Kunstlicht. Warten. Warteraumbild. Der Anteil der wartenden Menschen mit Migrationshintergrund ist auffällig hoch. Das stört mich nicht. Die Mutter mit ihrem verletzten Kind würde sich eine Privatpraxis wohl nicht leisten können. Es ist gut, ein Gesundheitssystem zu haben, das allen Menschen offen ist und in dem alle gleichbehandelt werden. Warten. Ich werde in den Gipsraum aufgerufen. „Welche Farbe?“, werde ich gefragt. Am liebsten hätte ich gesagt „knallrot“. Aber die Gipsbastlerin fragt mich nicht nach der politischen Gesinnung und ich lasse sie selbst für blau entscheiden. Zwei Pflegerinnen gipsen routiniert meinen Knöchel-Unterschenkel ein. Sie machen es vertrauenswürdig freundlich, während sie über das Mittagessen reden. Ich zähle schon nicht mehr, wie viele Godots mir heute schon unerwartet erwartet begegnet sind. Wieder ein Raum nur mit Kunstlicht. Mit dem Gips fühle ich mein Bein nun mehr in Sicherheit, auch wenn es sich sehr eingesperrt anfühlt. So krückle ich jetzt mit mehr Sicherheit zurück in den Warteraum. Warten.  Pflegepersonal in Grün, Pflegepersonal in Weiß, Pflegepersonal in Hellblau und manchmal wohl auch Ärzte in Weiß gehen vorbei. Es ist Mittagszeit geworden. Warten. Wieder werde ich zum Röntgen aufgerufen. Wieder röntgen, die gleiche Frau ist für mich da. Nun noch freundlicher. Ich stelle mir vor, wie die elektromagnetischen Strahlen durch mein Fußgelenk sausen. Ein älterer Herr hält mir die Tür in den Wartebereich auf. Irgendwie sind die Wartenden eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Der Mann mit dem großen Mittelfinger wird aufgerufen. Mit erhobenem Mittelfinger geht er in den Röntgenraum. Die Gegenüberfrau kann mit dem gebrochenen Arm eingegipst nun heimgehen. Der junge Mann neben mir wartet. Sein linker Arm ist eingegipst. Rechtshändig kann er sein Smartphone bedienen. Warten.

Geistsprünge in Wartezeit

In meine Kopfhörer kommen die Nachrichten. Wieder gab es trotz der angekündigten Waffenruhe in Nahost israelische Angriffe auf den Südlibanon und auf Beirut. Hunderte Menschen wurden getötet und verletzt. Meine Gedanken sind in dieser Weltgegend. In Gaza, wo die Krankenhäuser und Kliniken systematisch zerstört wurden. Die verletzten Menschen dort – und meist sind sie so viel schlimmer verletzt – haben nicht jene professionell-klinische Betreuung, wie ich sie habe. Wieder gab es in der Nacht Bombenangriffe auf zivile Einrichtungen in Gaza. ich habe die beste Versorgung bei relativ kleiner Verletzung. In Gaza gibt es keine Krankenhäuser mehr für die Tausenden Schwerverletzten mit ihren abgetrennten Gliedmaßen. Ohne Medikamente hüpfen Verletzte mit ihren Krücken durch die Flüchtlingscamps, liegen mit Schmerzen in den notdürftigen Zelten – und wenn die Bomben kommen, können sie wohl nicht mehr fliehen.

Wieder werde ich aufgerufen. Ein letztes Mal. Längst ist Mittagszeit. Der Arzt meint nun, dass der Unterschenkel und das Fußgelenk gut im Gips lägen. Er stellt mir noch Rezepte aus. Gegen die Schmerzen. Für die Thrombosespritzen. Mit Physiotherapie sollte ich erst nach der Heilung beginnen. In zwei Wochen gibt es eine Nachkontrolle. Dann heißt es wieder: Dankbares Warten. Dankbar für all die Menschen, die auf ihre Weise für andere Menschen da sind. Ein großes organisiertes kollektives Ich-bin-für-dich-da, damit du Heilung erfährst.

Kommentare

  1. Lieber Klaus, es tut mir leid dass Du humpeln musst. Ich weiss nicht wie Dir was passiert ist was Dich von den Bergen trennt. Ich wûnsche Dir gute Besserung und baldige Genesung.Liebe Grûsse aus Angers.

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