
Der junge Revolutionär Janik wirft nicht die Bombe auf die Kutsche des Großfürsten Sergej. Alles ist für dieses Attentat vorbereitet. Seit Wochen geplant. Seine Kampfgefährtinnen und Kampfgefährten waren bereit, ihr Leben dafür hinzugeben. Janik hat so viele Gründe, den verhassten Repräsentanten des zaristischen Systems zu töten, das für Ausbeutung und Unterdrückung des russischen Volkes steht. Janik träumt von einem gerechten Russland, in dem kein Kind mehr an Hunger sterben wird. Die Ermordung des Großfürsten wäre ein Tyrannenmord am Beginn einer großen Sozialrevolution. Janik aber tötet nicht, als die Kutsche an ihm vorbeifährt. Die ungezündete Bombe bleibt in seinen Händen. Da sind noch zwei Kinder auf der Kutsche. Die Nichten des Großfürsten. Unschuldige Kinder töten, das wollte Janik nicht.
Als Albert Camus bereits Ende der 40er Jahre sein Drama „Die Gerechten“ schrieb, wusste er noch nicht, dass 80 Jahre später bei dem US-Angriff auf den Iran gleich am ersten Tag eine Grundschule in der iranischen Stadt Minab Ziel von US-Raketen werden würde. Mehr als 100 Kinder sollen dabei getötet worden sein. Ein „gerechter Krieg“, argumentierte J.D. Vance. Papst Leo widersprach. Bis zu 50.000 Kinder sollen seit dem Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 im Gazastreifen von den israelischen Streitkräften getötet oder schwer verwundet worden sein. Für den Kriegsverbrecher Netanjahu eine gerechte Sache. Der französische Philosoph und Literaturnobelpreisträger wusste von all dem noch nichts. Auch nicht davon, dass das Töten von Kindern anders geworden ist. Janik musste noch, so wird es im Drama eindrucksvoll dargestellt, in die Gesichter der Kinder blicken, die auf der Kutsche neben dem Despoten saßen. Das hielt ihn ab, die Bombe zu werfen. Das Töten heute erfolgt anders. KI-gesteuerte Raketen werden mit Drohnen in Gebäude gesteuert, in denen die Bomben explodieren und die Leiber zerfetzt werden. Eine ganze Familie wird ausgelöscht, um einen vermeintlichen Terroristen zu töten. Die Mörder sehen nicht mehr in die Augen der Kinder.
Albert Camus hat zugleich gewusst, dass all dies geschehen wird, was gewesen ist und heute ist und morgen sein wird. Wie benützt ein Mensch, der geworfen ist in eine Welt voller Gewalt und Ausbeutung, seine radikale Freiheit? Wird er zum „Mensch in der Revolte“, der wie im Stück in der Figur des Stepan dargestellt, hasserfüllt bereit ist, jedes Töten hinzunehmen, jeden Mord in Kauf zu nehmen – von Kollateralschäden wird heute gesprochen, wenn Tausende im Krieg sterben –, um im Dienst der Revolution die Tyrannen zu töten? Oder bewahrt sich der revoltierende Mensch sein Gewissen und seine Liebe. Ist seine Waffe die Poesie oder die Bombe? Gewalt wird nur immer neue Gewalt nach sich ziehen, das wollte Camus mit seinem Drama uns sagen.
Die Inszenierung in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters verknüpft genial die immer gleiche Fragestellung nach der Legitimation von Gewalt für eine gerechte Sache. Schon Albert Camus bezog sich in seinem Drama auf ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1905, als es einer sozialrevolutionären Zelle gelang, den Großfürsten zu töten. An dem Anschlagsort wurde in seinem Gedenken ein Kreuz errichtet. Zu Beginn des sowjetischen Systems wurde es entfernt. 2017 wurde es von Putin wieder errichtet. Putin hofiert den Großfürsten und benützt dafür das Kreuz. In seinen Augen führt er mit dem Segen des russischen Patriarchen eine gerechte „Militäroperation“ in der Ukraine. Die ukrainischenMachthaber wiederum, so ihre Rechtfertigung, führen unterstützt von EU und Nato einen „gerechten Krieg“ gegen die russische Invasion. In mehr als vier Kriegsjahren sind auf beiden Seiten fast eine halbe Million Menschen getötet oder schwer verwundet worden. Wir müssen so viele Todesdrohnen produzieren, dass die Russen mit der Mobilisierung gar nicht nachkommen, meinte kürzlich der ukrainische Staatspräsident. Geld dafür bekam er zuhauf von der EU. König Charles III. hält im US-Kongress eine Rede und spricht von den christlichen Werten. J.D. Vance und Marco Rubio hinter ihm stehen auf und applaudieren. Sie sind ja katholisch. Charles spricht von der Notwendigkeit die Ukraine zu verteidigen und findet kein Wort für einen Waffenstillstand und für die Suche nach einer diplomatischen Lösung. Er bekräftigt die transatlantische Zusammenarbeit im Rahmen der NATO und findet keine Worte gegen die drohende Selbstauslöschung der Menschheit durch die atomaren Raketen. Die Welt ist in Ordnung – König Charles und King Trump toasten sich zu.
Im Bühnenbild der Inszenierung in den Kammerspielen hängt über der Szene ein strahlend weißer Kubus, aus dem es Asche und Müll regnet. Er bewegt sich bedrohlich auf und ab. Unschuldig weiß wie das Rednerpult am Ende des Stückes, in dem wie ein Putin-Trump-Epigone das Töten und Morden legitimiert, so weiß wie die Hemden der Gäste beim glamourösen Staatsbankett im Weißen Haus, zu dem der US-Präsident geladen hatte. Das Blut der Getöteten und Verwundeten: weißgewaschen.
Die Regisseurin hat am Landestheater die bleibend gewaltkritische Botschaft von Camus noch zusätzlich unterstrichen mit einem Bezug zu einem aktuellen Fall, bei dem ein junger Mann in den USA einen Mordanschlag auf einen CEO der US-Gesundheitsbehörde verübte. Das Milliardenunternehmen, so der Attentäter, sei verantwortlich für den Tod von Abertausenden Menschen, denen eine medizinische Versorgung vorenthalten würde. Um diesen Unrechtszustand aufzuzeigen, begehe er den Terrorakt. Gegenwärtig sitzt er dafür im Gefängnis. So wie Janik im Stück von Albert Camus. Janik erhielt dafür die Todesstrafe. So wie 45 Menschen, die zuletzt in den USA hingerichtet worden sind. Eine „gerechte“ Strafe, argumentiert das System. Extrem grausam ist ein Sterben mit der Giftspritze, so die dramatische Inszenierung im Theater in Innsbruck. Auf der kleinen Bühne einer Kleinstadt dieser Welt wird reales Welttheater gespielt. Das Morden und Töten in der Welt gehen weiter. Jene, die töten, geben vor, „die Gerechten“ zu sein, egal auf welcher Seite immer, doch werden sie zu Mördern. Die Kriegstauglichkeit wird erhöht. Milliarden werden in Aufrüstung gesteckt, während in den Budgets im Sozial- und Umweltbereich gekürzt wird. Man rechtfertigt sein eigenes umweltschädliches Verhalten mit Unwissen oder eigener Bequemlichkeit, mit Ausreden oder unwissenschaftlichen Schwurbeleien und zerstört damit die Existenzgrundlagen der Menschheit. Es ist nicht gerecht, die Freiheit auf diese Weise zu nützen, würde uns Albert Camus heute wohl sagen. Janik und Dora, die beiden Hauptfiguren im Stück „Die Gerechten“, sollen ihre Liebe in einer Welt leben können, die gerecht geworden ist, weil jedes Morden und Töten und jede umweltfeindliche Rücksichtslosigkeit aus ihr gewichen sind.
Symbolbild: Collage – Banksymotiv und Ausschnitt aus dem Titelbild von der Broschüre zum Stück „Die Gerechten“