Künstliche Intelligenz „entwaffnen“! Die erste Sozialenzyklika von Papst Leo XIV.

„Um Konflikte zu bewältigen, verfügt die Menschheit über Mittel, die weitaus wirksamer sind und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel den Dialog, die Diplomatie und die Vergebung. Der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut, die stets verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hat.“ (Magnifica humanitas, 192)

In der Tradition der Sozialenzykliken: persönliche Vorbemerkung

Die Katholische Soziallehre und damit die Sozialenzykliken der Päpste waren im Zentrum meines Doktoratsstudiums. Die Prinzipien der kirchlichen Soziallehre – Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität, Personwürde, Nachhaltigkeit und Option für die Armen waren zugleich Gegenstand meiner Lehrertätigkeit und stets geeignet, um gegenwärtige politische Vorgänge kritisch in den Blick zu nehmen. Mein Forschungsinteresse war es, die Soziallehre der Kirche in Beziehung zu setzen zur Programmatik der grün-alternativen Parteien. Seit meiner Promotion sind etliche Sozialenzykliken veröffentlicht worden und der „Launch“ einer neuen ist von Papst Leo XIV. zu Pfingsten 2026 erfolgt. Leo XIV. will – wie schon sein gewählter Papstname zeigt – bewusst an Leo XIII. anknüpfen, der vor 135 Jahren die erste Sozialenzyklika geschrieben hatte und damit diese Tradition der Soziallehre gründete. Mir ist vor allem der Blick auf die spezifisch friedenspolitische Botschaft wichtig.

Generell wird mit der neuen Sozialenzyklika einmal mehr deutlich und festgeschrieben, dass die Kirche nicht eine weltabgewandte Gemeinschaft mit verklärtem Jenseitsblick ist. Im Gegenteil: Papst Leo sieht sowohl die Nöte der Menschen und die Gefahren, die die ganze Schöpfung bedrohen, sinnbildlich dargestellt als „Turmbau zu Babel“,  als auch sieht er das Potential zur Rettung des Planeten und des Aufbaus einer „Stadt Gottes“ auf der Erde, die mit der großartigen Menschlichkeit (magnifica humanitas) zu tun hat.

Die Positionierung von Papst Leo XIV. gegen Krieg und Aufrüstung

Papst Leo hatte 50 Tage vor der Veröffentlichung erneut gegen die aktuelle Kriegspolitik und den Aufrüstungswahn Stellung genommen. „Unbewaffnet entwaffnender Frieden“ war der Leitgedanke in seiner Friedensbotschaft zu Beginn des Jahres 2026. Während seiner Afrikareise im April 2026 griff er immer wieder Themen des Friedens auf. In Bamenda sagte er unter anderem: „Die Kriegsherren tun so, als ob sie nicht wüssten, dass ein Augenblick genügt, um zu zerstören, dass aber oft ein ganzes Leben nicht ausreicht, um wiederaufzubauen. … Sie tun so, als sähen sie nicht, dass Milliarden von Dollars verbraucht werden, um zu töten und zu verwüsten, dass man jedoch nicht die Mittel findet, um zu heilen, zu erziehen und wiederaufzurichten.“ Die Enzyklika Mangifca humanitas stellt die friedenspolitischen Positionierung des Papstes nun in einen größeren Zusammenhang und gibt ihr eine theoretische Fundierung vor allem unter dem Aspekt, welche Bedeutung bei all dem die KI hat.

Entwaffnung! Die Entmilitarisierung der KI

„Schließlich möchte ich einen Begriff benutzen, der mir am Herzen liegt: ‚entwaffnen‘. KI zu entwaffnen bedeutet, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist. (…) Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen zu beherrscht. (…) KI ist bereits eine Umwelt, die uns umgibt, und eine Macht, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Daher reicht es nicht aus, sie zu regulieren: Sie muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden.“ (110)

Gerade der Blick auf die aktuelle Kriegsführung, sei es in den Kriegen in der Ukraine oder im Nahen Osten, zeigt die zunehmende Bedeutsamkeit der KI im Führen von Kriegen. Wer sich mit Themen des Friedens und der Kritik an Kriegen auseinandersetzt, kommt um die Einschätzung der KI für diese Bereiche nicht herum. Schon der UN-Generalsekretär António Guterres sprach mehrmals davon, KI als Werkzeug für Sicherheit und Fortschritt einzusetzen, anstatt neue Bedrohungen zu schaffen. Der Papst kann mit seiner Sozialenzyklika an solchen Gedanken anknüpfen, dass nicht eine Black Box eines Algorithmus über den Einsatz von Waffen entscheidet, sondern stets demokratisch legitimierte Entscheidungsträger auf der Basis von humanitärem Recht und Menschenrechtsgesetzen sowie ethischen Prinzipien.  Verantwortlich handeln bedeutet, wie Jean Paul Sartre es lange vor der KI nannte, „der unbestrittene Urheber eines Ereignisses oder einer Sache zu sein“. In einer Studie der Deutschen Bundeswehr wird ein bekannter Generalleutnant Baudissin, wie folgt zitiert: „Je tödlicher und weitreichender die Waffenwirkung wird, umso notwendiger wird es, dass Menschen hinter den Waffen stehen, die wissen, was sie tun.“ Das Bundeswehr-Papier verknüpft dieses Zitat aus dem Jahr 1954(!) unter den Vorzeichen der KI. Dazu heißt es: „Maßgeblich für die Befehlsausführung ist ein gewissensgeleiteter, pflichtbewusster und verantwortungsvoller Gehorsam. Leitinstanz ist das individuelle Gewissen, das nicht durch KI ersetzt werden darf.“ (Rainer Simon und Thomas Purper: Künstliche Intelligenz im Militär: Ethische Implikationen und die Rolle der Inneren Führung, 496)

Eine Kampfdrohne würde nicht fliegen, würde nicht töten, gäbe es keine KI. Eine Rakete mit tödlichem Sprengstoff könnte ihr Ziel nicht finden, gäbe es keine KI. Moderne Kriegsführung und moderne Waffentechnologien bauen auf der KI auf. Das heißt letztlich: Wenn die KI aus den Waffen genommen werden würde, gäbe es keine Drohnen und würden keine Deepstrikes mit Raketen in feindlichem Gebiet erfolgen. Die Kampfflugzeuge blieben auf dem Boden. Wer wirklich die KI aus Aufrüstung und Kriegsführung nimmt bzw. KI als Instrument der Kriegsführung verbietet, will all die modernen Waffen nicht. Ohne KI keine Tomahawks und keine Hyperschallraketen. Ohne KI keine hybride Kriegsführung. Daher ist die Forderung, die KI zu entwaffnen, wohl der stärkste Impuls für eine radikale Entwaffnung. Hier wird jenes Stichwort so deutlich, von dem Papst Leo XIV. vom Beginn seines Pontifikats immer sprach. „Unbewaffnet entwaffnend“, so lässt sich die friedenspolitische Botschaft des Papstes in zwei Worten zusammenfassen – und das trifft auch auf die neue Enzyklika „Magnifica humanitas“ zu.

KI muss entwaffnet werden. Das klingt gut. Doch wie soll das geschehen? Eine erste praktikable Interpretation lautet: Der Einsatz von KI in der Kriegsführung muss stets unter menschlicher Kontrolle bleiben. Das heißt beispielsweise, dass nicht eine KI entscheiden darf, ob nun eine Rakete gezündet wird und welches Ziel damit erreicht wird, sondern dass eine ethisch verantwortliche Person darüber zu entscheiden hat. Eine zweite Interpretation setzt tiefer an und will die KI in der Kriegsführung überhaupt verurteilen. Das freilich ist völlig unrealistisch. Die KI lässt sich nicht mehr von all der Technologie trennen, beginnend von der Produktion bis zu dem Einsatz der modernen Waffen. Wir können die KI, so der Papst, nicht mehr aus der Welt schaffen, müssen aber lernen, sie verantwortlich einzusetzen und uns von ihr nicht beherrschen zu lassen.

Die Absage an den „Gerechten Krieg“

Angesichts der modernen Kriegsführung unter dem Vorzeichen der KI verschärft Papst Leo in „Magnifca humanitas“ die Absage an den Gerechten Krieg. Dabei können die Kriterien des Gerechten Krieges durchaus ihre Geltung haben, weil gerade ihre Anwendung jeden Krieg heute als ungerecht definieren würden. Wörtlich heißt es in der Enzyklika: „Heute erleben wir im öffentlichen Diskurs und bei den Entscheidungen zur Aufrüstung jedoch einen echten Paradigmenwechsel, mit einer besorgniserregenden Rehabilitierung des Krieges als Instrument der internationalen Politik, während gerade jene ethischen Kriterien, die seinen Einsatz begrenzen, ausgehöhlt werden.“ (190) Der Papst schreibt dann über die kulturellen Vorbereitungen eines Krieges durch Polarisierungen, vereinfachende Narrative, Freund-Feind-Logik, Desinformation und Angst. Gewalt werde dann als notwendig, unvermeidlich oder gar als „sauber“ dargestellt. Und dann findet sich jener Satz, den ich als Leitzitat für meine Ausführung schon vorangestellt habe und der hier nochmals wiederholt werden soll: „Um Konflikte zu bewältigen, verfügt die Menschheit über Mittel, die weitaus wirksamer sind und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel den Dialog, die Diplomatie und die Vergebung. Der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut, die stets verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hat.“

Von dieser Grundhaltung her kritisiert die Enzyklika dann das Wachstum der Rüstungsindustrie, die zu noch mehr Unsicherheit und zu einer Führbarkeit von Kriegen führe. Konkret wird der Atomwaffenverbotsvertrag aus dem Jahr 2021 als Chance gesehen, der aber durch die atomare Entwicklung gerade in Frage gestellt würde. Vor allem aber wird dann wieder auf die Gefahren KI-gestützter Waffensysteme eingegangen, die den Krieg führbarer und zugleich grausamer machen.

Nehemia 2.0: Bauplan für eine Stadt des Friedens

Im ersten Kapitel der Enzyklika stellt der Papst die Katastrophe des Turmbaus von Babel dem Neuaufbau von Jerusalem unter dem Propheten Nehemia gegenüber. Dieser hatte alle Bewohner Stadt gleichberechtigt ermutigt, gemeinsam Jerusalem wieder aufzubauen. Zum Bau der neuen Stadt des Friedens setzt die Enzyklika auf den Multilateralismus, der dem nationalistischen Geist entgegengesetzt wird; auf das Völkerrecht, das im Widerspruch steht zum Faust“recht“ des Stärkeren; auf die Realität des Friedens, die dem Narrativ von der Realität des Krieges widerspricht. So kann die „Zivilisation der Liebe“ entstehen, wo sich Gerechtigkeit und Friede küssen (215), wo ein gesunder Realismus gepflegt wird, wo miteinander geredet wird, wo die „Methode des Krieges durch die Methode des Friedens ersetzt wird: die Methode der Verhandlung, der Begegnung, der Übereinstimmung: also die wahrhaft menschliche Methode.“ (221)

Philosophisch-theologische Fundierungen

Die Enzyklika von Leo XIV. erschien gleichzeitig mit jenen Wettkämpfen, die als „enhanced games“ in Las Vegas ausgetragen wurden. Dabei sollen, gesponsert von Tech-Giganten wie Peter Thiel, „verbesserte Menschen“ bisherige Leistungen übertreffen.  Ausdrücklich setzt sich demgegenüber die Enzyklika vom Transhumanismus und Posthumanismus ab. Demgegenüber baut sie auf der Anerkennung der Begrenztheit auf, die als Chance für vielfältige Beziehungen gesehen wird, als Ort, wo sich Liebe und Solidarität entfalten können. Der Weg, den die Enzyklika in den Blick nimmt, ist der christliche Humanismus, für den es Vorbilder der gewaltfreien Veränderung gibt. Konkret nennt der Papst in seiner Enzyklika Männer und Frauen sowie Bewegungen, die auf gewaltfreiem Weg zu einer Verbesserung der Welt beigetragen haben: Die Bürgerrechtsbewegung in den USA und M.L.King, die Anti-Apartheid-Bewegung unter Nelson Mandela, sowie etliche Frauen und Männer, die stets auf der Seite der Verarmten und Unterprivilegierten standen.

Nein zum Krieg

Die Worte von Leo XIV. sprechen für sich und sie sind so notwendig in einer Welt der Kriege und der Aufrüstung: „Lasst uns zusammenkommen, lasst uns miteinander sprechen, lasst uns verhandeln! Krieg ist niemals unvermeidlich. Die Waffen können und müssen zum Schweigen gebracht werden, denn sie lösen keine Probleme, sondern verschärfen sie nur. Geschichte schreiben die Friedensstifter, nicht die, die Leid säen. Die Anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können. Erteilen wir den manichäischen Vorstellungen eine Absage, die so typisch sind für diese Narrative der Gewalt, die die Welt in Gute und Böse teilen!“ (222)

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