Der blaue Planet brennt rot

Der Atlantik bei Biarritz fühlte sich nicht kalt an. Glühend heiß war der Sand, so heiß, dass ich barfüßig kaum darauf gehen konnte. Es fühlte sich an, als ginge man auf einer Herdplatte. Es war erst Mitte Juni 2026. In einigen Bergdörfern in den Pyrenäen hatte es 40-Grad plus. Die Luft über den Bergen flimmerte. Der Asphalt der Straßen war an manchen Stellen weich geworden. Die Alufelge meines Rades erhitzte sich bei den Abfahrten und musste zwischendurch in Bächen und Brunnen gekühlt werden, um ein Platzen des Schlauches zu verhindern. Dort, wo wir mit unseren Rennrädern noch vor kurzem waren, brannten dann die Wälder. Auch auf der anderen Seite der Pyrenäenkette, am Mittelmeer, fühlte sich das salzige Wasser nicht wirklich kalt an. Kamen wir auf unserer zwanzigtägigen Radreise von Biarritz über die Pyrenäen, das Rhone-Tal hinauf, entlang der Schweizer Seen und deren Voralpen bis Feldkirch an eine der Nationalstraßen, so war auch stets ersichtlich, warum der Planet brennt: Wie unersättliche fossile Treibstofffresser tragen Millionen Fahrzeuge zu jenen Emissionen bei, die den Klimawandel befeuern.
Etwas später nach der langen Radtour, die auch ein ökologisches Statement sein sollte, war ich in der noch verbliebenen Gletscherwelt der Hohen Tauern: Zwischen den Zacken der Steigeisen rann das Schmelzwasser des schwitzenden Obersulzbach-Kees. Dort leben zumindest keine Menschen, deren Existenz bedroht ist – anders als auf den griechischen Inseln, denen unter diesen Wetterextremen das Wasser ausgeht, anders als in den Gebieten, wo es keine kühlenden Nächte mehr gibt und die Felder längst vertrocknet sind.
Man – und ich schreibe von man – kauft sich Kühlanlagen, wo es möglich ist, kauft sich Ventilatoren, um die warme Luft in Schwingung zu bringen, setzt sich ins Auto und lässt die Klimaanlage arbeiten. Man – so man es sich leisten kann – setzt sich in eine klimatisierte Abflughalle eines Flughafens, verbringt den Urlaub in klimatisierten Hotels und speist in klimatisierten Restaurants und wagt sich in den Randzeiten an den Strand eines erwärmten Meeres, in dem in diesem Jahr bereits Hunderte Flüchtlinge auf ihrem verzweifelten Exodus aus den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Ländern Afrikas ertrunken sind. Zugleich verkündet der Innenminister der Alpenrepublik stolz, dass die Asylanträge noch nie so niedrig waren; zugleich schmiedet die EU einen Asyl- und Migrationspakt, der kaum mehr eine Aufnahme von Flüchtlingen in die Länder der EU ermöglichen wird. Man lässt sich ablenken von sportlichen Großereignissen, den Widersprüchlichkeiten eines deutschen Gesundheitsministers a.D. oder den Macho-Aussagen eines machttrunkenen Wirtschaftskammerpräsidenten in der Bundeshauptstadt. Die letztlich meist unerfüllt bleibende Jagd nach eigenem Glück schiebt die Wirklichkeiten von Katastrophen aus dem Bewusstsein. Sie nähren aber den Grundspiegel der Traurigkeit und Verzweiflung in mir – und wenn ich dann entsprechende Nachrichten höre, wenn ich den Autolärm vor meiner Wohnung höre und aus dem Küchenfenster die Parkflächen sehe, dann spüre ich die Tränen und die Wut in mir und zugleich die Hoffnung auf eine andere Welt.
Brandstifter an der Macht
Das Bundesministerium für Umwelt, Land- und Forstwirtschaft ruft zum Wassersparen auf und gibt in Inseraten Tipps dazu. Duschen statt baden, Kurzspülung bei Klogängen – und zugleich wird so mancher private Pool mit kostbarem Trinkwasser befüllt und werden die Autos vom Staub mit Wasserfontänen abgespritzt. Neue Straßen werden geplant und alte werden ausgebaut: Es rolle der automobile Verkehr! Das Dieselprivileg bleibt. Die Frächterlobby jubelt. An der CO-2-Bepreisung wird gekratzt und man ärgert sich an den Tankstellen über die kriegsbedingten Steigerungen der Spritpreise und ruft nach einer Spritpreisbremse.
Kriegstreibereien
Ein dummdreister Kriegsherr treibt die Welt an den Rand des Abgrunds. Fanatische Kriegsherren reagieren auf Angriff mit Gegenangriff. Aug um Aug. Rakete gegen Rakete. Zahn um Zahn. Drohne gegen Drohne. Man schwört Rache und kennt nicht mehr die diplomatische Sprache von Versöhnung und Ausgleich. Der russische Angriffskrieg findet bereits im fünften Jahr statt. Haus um Haus wird gekämpft. Abnützungskrieg. Eine Viertelmillion Menschen sind auf beiden Seiten der Front bereits ermordet, verstümmelt, verletzt worden – und das Sterben geht weiter. Noch mehr Waffen werden geliefert mit noch besserer Reichweite. Man will den Sieg – doch gibt es diesen nicht und wird es nicht geben. Gegen jedes Völkerrecht bombardiert die kriegsführende Weltmacht USA zivile Ziele im Iran und lässt das Mullah-Regime Gegenschläge auf zivile Ziele in den Nachbarstaaten durchführen. Die EU spendet Milliarden für die militärischen Interessen der Ukraine. In neue Waffen werden sie gesteckt. Deutschland will stärkste Militärnation in Europa werden. Die Kriegshysterie zeigt auch hierzulande ihre Spuren. Die Wehrpflicht soll ausgeweitet werden. Das Wehrbudget wird sukzessive verdoppelt. Milliardenaufträge gehen an Rüstungsfirmen. Die Verteidigungsministerin Klaudia Tanner wird von der meistgelesenen Tageszeitung als „Klassenbeste“ der Regierung hochgejubelt. Neutralitätsbestimmungen im Kriegsmaterialiengesetz werden in Frage gestellt. Das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung wird in der EU missachtet. Kriegsdienstverweigerer aus der Ukraine bekommen keinen Asylstatus mehr – und werden in die Kill-zones der Kriegsfront oder ins Gefängnis mit mehrjährigen Haftstrafen zurückgeschickt.
Dystopische Gegenwärtigkeit
Ich schreibe nicht von einer Dystopie in ferner Zukunft, sondern von der Gegenwart. Was die Klimaforschung längst voraussagte, ist gegenwärtig geworden. Die Kipppunte sind erreicht. Was die Friedensforschung lehrt, wird nicht beachtet. Aufrüstung und Kriegsstrategien bringen keinen Frieden, sondern die Welt an den Abgrund. So drehen sich meine Gedanken, während sich die Kurbel des Rades dreht und sich drehen die Zahnkränze und bringen die Räder in Bewegung. Dann auch kreisen meine Gedanken um jenen Film über Ingeborg Bachmann, den ich soeben sah, drehen sich die Gedanken um jenes Gedicht, so als brächte es 70 Jahre nach seiner Entstehung die heutige Wirklichkeit in Worte:
„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.“
Bild: Wöchentliche Fahrt Imst-Piller-Prutz-Landeck