Rätikon-Blickwinkel 2: Von einem See, der zum Pumpspeichersee wurde, und einer bunten Bergwelt ringsherum

Lünersee. Es ist ein Name mit Klang. Sowohl für den Tourismus wie für die Energiewirtschaft – und beides spielt hier zusammen. 2019 wurde der Lünersee in einem Fernsehvoting als schönster Platz Österreichs gekürt. Eine Seilbahn führt vom Tal zur Krone des Staudamms. Die illwerke nützen den Lünersee zur Energiegewinnung und managen auch die Douglasshütte. Sie ist mit der Bergstation verbunden. Tagsüber wimmelt es von Tagestouristen, nachts sind noch die bergaffinen Hüttengäste da. So wie wir. Drei Tage an diesem See zu sein bedeutet: Ihn und die Landschaft rundherum zu allen Tageszeiten und aus verschiedensten Perspektiven zu erleben. Goldgelb leuchten die Felsen in der Morgensonne. Von den Anhöhen aus hat der See eine kräftig türkis-grüne Farbe. Ringsherum wird das Türkisgrün umrahmt von einem weißen Band von Kalkgeröll. Der See wird gespeist aus unterirdischen Rohren, in denen das Wasser aus benachbarten Bächen abgeleitet worden war – oder es wurde eben hinaufgepumpt. So ist der Lünersee zu einem großen Reservoir für saubere Energie geworden.

Unsere Gipfelziele waren bunt wie die Alpenblumenwiesen und abwechslungsreich wie die stolzen Felswände. Am ersten Tag ging es vom See weglos auf den Rossberg. Die felsdurchsetzten Grashänge waren nicht nach meinem Geschmack. Dafür war der Weiterweg hinunter zum Schweizertor fast lieblich. Tatsächlich bewegten wir uns nun auf Schweizer Gebiet und hatten vorsorglich das Roaming auf unseren Smartphones deaktiviert. Ich staunte über die großartigen Felstürme mit senkrechten Flanken und den Gesteinsschichten in unterschiedlichen Farben und Formen – so als hätte sich hier ein großartiger Künstler ausgetobt. Die Steilstufe hinunter vom Schweizertor wurde klettersteigartig mit Ketten und Stahlbügeln erleichtert. Über ein weiteres Joch ging es zurück zum See und nun am anderen Ufert zur Douglasshütte. Am zweiten Tag war die Besteigung des höchsten Gipfels des Rätikons, der Schesaplana, so etwas wie ein Pflichtprogramm. Zum Glück waren wir früh dran. Das machte die Übernachtung auf der Douglasshütte möglich. Der Steig hinauf zum Gipfel ist problemlos. Am Gipfel (2964 Meter) wehte ein kräftig-kühler Wind. Ich blickte hinüber zu den Resten des einstigen Brandnergletschers und hinunter in die grünen Ebenen von Liechtenstein. Als wir schon beim Abstieg waren, wirkte der Steig, als wäre er eine Ameisenstraße. Die Ameisen waren all die Menschen, die auf diesen Gipfel wollten. Die Totalphütte bot sich für uns an, um dort eine Rast vor dem finalen Abstieg zu machen. Gerade fanden wir noch einen Platz auf der Terrasse. In unserem Rücken war die imposante Felswand der Hüttenspitze mit extremen Kletterrouten darin. Am dritten und letzten Tag war der Klettersteig auf den Saulakopf das Tagesziel. Da ich momentan nicht in bester Verfassung bin, hatte ich schon einen gewissen Stress mit dem Wissen, dass es ein langer Steig mit etlichen D-Abschnitten sein würde. Die Gruppe allerdings war motivierend – und in Gemeinschaft lassen sich Ziele erreichen, die ich sonst momentan nicht auf meiner To-Do-Liste habe. Die Route führte anfangs auf dem Saulajochsteig in einer langen Querung zum Saulajoch, wo in einem lieblichen Gelände Vögel ihr Zuhause hatten und bunte Blumen blühten, bis es dann zunächst eine überhängende Felspassage überwunden werden musste und die Klammern und Tritte und das Stahlseil keine Ende zu nehmen schien. Mächtig ragte gegenüber die matterhornähnliche Zimba hervor. Gemeinsam Ziele zu erreichen, sich wechselseitig zu ermuntern, sich auszutauschen und sich miteinander an einer großartigen Bergwelt zu freuen, das war wohl wieder die wichtigste Dimension bei dieser Tour meiner Alpenvereinssektion, die von den beiden Tourenführenden achtsam vorbereitet und durchgeführt wurde.

Fotocredit: M

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