
Nicht beginnen will ich mein schreibendes Reflektieren mit den alpin-sportlichen Aspekten unserer dreitägigen anspruchsvollen und gelungenen Alpenvereins-Tour in den Rätikon. Darüber will ich später schreiben. Zunächst drängt sich mir einmal mehr der Zustand des Planeten Erde auf. Die von der Wissenschaft seit langem prognostizierten Folgen der Erderhitzung aufgrund des menschengemachten Klimawandels werden in besonderer Weise sichtbar in den hohen Gebirgsregionen. Am zweiten Tag unserer bergsteigerischen Aktivitäten rund um die Douglasshütte stiegen wir vom Lünersee über die Totalphütte auf den höchsten Gipfel des Rätikon, die Schesaplana. Von diesem mächtigen Berg ging mein Blick hinunter zu den kläglichen Toteisresten des Brandner Gletschers. Er ist einer jener 1200 Gletscher der Schweiz, die in den letzten Jahren komplett verloren gegangen sind. Rund um die wenigen Eisflecken des einstigen Brandner Gletscher sind nur mehr Gesteinswüste, Geröll und Moränen. Ein grüner Wasserfleck lässt erinnern an einen einstigen Gletschersee. Noch zu Beginn der 80er Jahre hatte die Eismasse eine Dimension, dass man dort ein Sommerskigebiet errichten wollte. Und noch etwas früher soll die Fohrenburg-Brauerei sich das Eis aus dem Gletscher genommen haben, um damit ihre Getränke zu kühlen. Verschiedene Organisationen in Vorarlberg – darunter auch der Alpenverein – hatten ebendort am Rande der Gletscherreste im Juli 2023 ein symbolisches Gletscher-Begräbnis durchgeführt. Auch Vertreter der Kirchen hatten an dieser Trauerfeier teilgenommen. Man wies einmal mehr auf die Folgen des menschengemachten Klimawandels hin, die zu Hitze, zu einem Abschmelzen der Gletscher, zu Unwetterkapriolen, zu enormen gesundheitlichen Belastungen, zu einem Verlust an Biodiversität und einem Mangel an Lebensqualität führen. Bei dieser symbolischen Begräbnisfeier waren auch jene Umweltinitiativen dabei, die gegen den weiteren Ausbau von Straßenprojekten in Vorarlberg sind. Die „Tunnelspinne“ in Feldkirch ist so ein Projekt, das nur noch mehr den Individualverkehr steigern wird. Der Brandner Gletscher ist tot. Viele werden noch folgen. Und sicher ist dies unmittelbar eine kleinere Katastrophe als die brennenden Wälder von Griechenland über Italien bis Portugal, als die Dürre mit den Ernteausfällen, als das Sterben von Menschen in den Hitzewellen. Der verschwundene Gletscher ist dennoch auch ein Zeichen, dass alle – und wirklich alle – Maßnahmen auf individueller, sozialökonomischer und politischer Ebene gesetzt werden müssen, damit die Treibhausgasemissionen radikal reduziert werden. Man wüsste, was zu tun wäre. Dennoch ist jene Partei weiterhin im Aufwind, die selbst in diesem Sommer der Extreme noch den Klimawandel leugnet und freie Fahrt für freie Bürger propagiert. Aber auch der Umweltminister will nur von einem „Ausnahmesommer“ sprechen und der Wirtschaftsminister sekundiert die fehlende Klimapolitik mit der Aussage, dass eine „Klimahysterie“ (sic!) nicht zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führen dürfe. Niemand aber ist gezwungen, diese populistisch motivierten Dummheiten und Verdrängungen zu akzeptieren und frei, im eigenen Verhalten möglichst klimaneutral zu leben. Wenn ich an den Massenverkehr denke, der sich in dieser Urlaubszeit in alle Richtungen ausgebreitet hat, dann drängt sich mir ein Vierzeiler von Bertold Brecht auf.
hinter den Trommeln
trotten die Kälber
das Fell für die Trommeln
liefern sie selber
Foto: Blick von der Schesaplana Richtung ehemaligem Brandner Gletscher – Richtung Südwest. Foto von M.Meister