Rennradelnd und sinnierend über die Piller Höhe

Diese Radfahrt ist mir sehr vertraut. Ausgangspunkt: Der Bahnhof Imst-Pitztal mit seiner Steinfassade und dem holzverkleideten Giebel – ein denkmalgeschütztes Gebäude aus der Zeit, als 1883 die Arlbergstrecke gebaut wurde. Heute wirkt der Bahnhof wie ein Bestandteil einer historisch orientierten Modelleisenbahnanlage. Man kann beim Anblick weit in die Geschichte zurück tauchen. Die Gegenwart: Die Pitztaler Brücke überspannt das Inntal. Sie wird gerade renoviert. Frühmorgenpendlerverkehr und Frühmorgen-LKW-Verkehr und beginnender Ausflugsverkehr herrscht schon auf der Pitztaler Landesstraße. Am Ortseingang von Arzl wird man auf einem Schild von Benni und Marlies Reich – den bekannten Stars des Pitztales – begrüßt.  Im Haufendorf sind die Häuser nahe beieinander. Viel Platz ist ja nicht. Die Pitze fließt als Wildbach weit unten in der Klamm aus Kalkgestein geformt. Schmelzwasser aus den Gletschern am Ende des Tales. Genau vor einer Woche war ich auf den schmelzenden Eisgebilden der Ötztaler Alpen. Das Kriegerdenkmal (sic!) ist mitten im Zentrum von Arzl. Es erinnert an drei Kriege: Den sogenannten Befreiungskrieg 1809 und die beiden Weltkriege. Über die Widerstandsgruppe gegen den Hitlerwahn, die es in Arzl gegeben haben soll, habe ich nie etwas gefunden. Meine Gedanken sind bei den Kriegen im Heute, worüber ich gerade einen Artikel fertigstellen sollte. Leicht verunsichert fahre ich von Imst bis Wenns ganz am rechten Fahrbahnrand und atme die stinkend-giftigen Emissionen aus den Verbrennermotoren ein. Ich mag es, wenn es dann ab Wenns steiler hinaufgeht, die Straße enger wird, die sich entlang der Weiler und Höfe hinaufschlängelt. Die Heustadeln auf den Wiesen überdauern die Zeit, auch wenn sie aufgrund der Silageballen-Kultur ihre ursprüngliche Funktion verloren haben wie die ungenützten Heumandln, die in oder vor den Stadeln abgestellt sind. Lautlos gleite ich hinauf. Schon beginnt aber der Motorrad-Wahn. Lärmend kommen die Maschinen von oben, lärmend überholen sie mich, immer wieder gleich mehrere hintereinander, wie eine Horde. Sie legen sich in die engen Kurven, sie geben selbst beim Hinunterfahren noch Gas, um dann wieder zu bremsen, filmen ihr Tun so manches Mal mit den GoPro-Kameras auf den Helmen. Ich frage mich wieder und wieder: Ist den Motorradfahrern bewusst, dass sie mit ihren Spaßfahrten Teil der Zerstörungskultur sind, die den Klimawandel befeuert? Warum gilt das vieldiskutierte Verbrenner-Aus nicht auch für Motorräder? Ihr Kraftstoffverbrauch beträgt im Durchschnitt dem eines sparsamen Autos. Entsprechend ist der CO-2-Ausstoß. Klimatologen und Glaziologen könnten die Rechnung präsentieren: 100 Kilometer entsprechen 1,5 kg geschmolzener Eismasse. Ich spüre in mir eine Wut über die mutwillige Zerstörung der Schöpfung, über die Rücksichtslosigkeit der Zeitgenossen in ihrem narzisstischen Tun. Meine Empathie reicht zu den Menschen in Nepal, die vor kurzem zu Tausenden ihr Hab und Gut verloren, weil auch dort die klimabedingten Folgen katastrophale Ausmaße angenommen hat. Dann wieder freue ich mich am Weiher bei Fuchsmoos mit seinem dunklen Moorgewässer, an den Kurven hinauf zum Sattel auf 1559 Meter, dem Weitblick am Gachen-Blick und der Panoramafahrt über Puschlin, Kaunerberg und Kauns hinunter ins Kaunertal. Morgens wirken die mächtigen Gipfel des Kaunergrats wie ein Gebirge des Himalayas und meine Gedanken sind wieder bei den dortigen Naturkatastrophen. Der hiesige Pfroslkopf am Glockturmkamm hat längst keine Gletscherfläche mehr. Als Kind konnte ich dort noch vom Gipfel weit hinunter rutschen. Der Gletscher am Hohen Riffler ist zu einem kläglichen Toteisfeld geworden, das es wohl nicht mehr lange geben wird. „Bikers welcome“ steht auf einem Schild bei einem Gasthaus. Gerne würde ich dort mit den „Bikern“ der Höllenmaschinen reden: über die „zeitraubende Geschwindigkeit“, von der Illich – er wurde vor 100 Jahren geboren – bereits vor 60 Jahren schrieb, über die Chancen und unser aller Beitrag, den Klimawandel zu begrenzen, über die Menschen und Tiere entlang der Passstraßen Tirols, die täglich neu einem Lärmterror ausgesetzt sind. Gerne würde ich auch den Kategorischen Imperativ von Kant ins Gespräch bringen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Ich wäre mit meinen Interventionen wohl eine Spaßbremse einer hedonistisch orientierten Spaßgesellschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.