Eintauchen in majestätische Räume und alte Volksgeschichten. Die Schranzkapelle in Kauns und ihre bleibend friedenspolitische Bedeutung

Bei meiner wöchentlichen Rennradfahrt von Imst über die Pillerhöhe gibt es stets jene Blickwinkel, die mich besonders freuen, die das Herz weit machen angesichts der Schönheit der Natur oder mir von alten Geschichten erzählen. Bei der Abfahrt ins Inntal im „Obern Gricht“ staune ich jedes Mal über die majestätischen Gipfel des Kaunergrats – Gsallkopf, Verpeilspitze, Rofelewand oder Dristkogel. Sie waren in meiner Jugend erreichbare Ziele. Manchmal versinke ich beim meditativen Treten in Erinnerungen oder denke an uralte Geschichten wie jene vom Wildschütz, wenn ich an der Schranzkapelle bei Kauns vorbeifahre. Diesmal ist es wieder die „Schranzkapelle“, die mir Aufmerksamkeit schenkt.

Die Kapelle steht am nördlichen Ortseingang von Kauns. Die Blätter der hochragenden Pyramidenpappeln zwischen Straße und Kapelle sind jetzt herbstlich gelb gefärbt. Als ich noch ein Kind war und mit meiner Oma zu der kleinen Kapelle ging – sie stand damals noch auf der anderen Seite der Straße, hatte sie mir jene Geschichte erzählt, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Die Geschichte geht aus von dem großen Christuskruzifix, das nun am Hochaltar der Kapelle angebracht ist. Mit offenen Augen hängt der Gemarterte am Kreuz. Markant ist die Seitenwunde an der linken Brust. Knapp daneben befindet sich ein kräftiger roter Punkt. Tatsächlich sieht es aus wie ein Einschussloch. Und hier setzt die Geschichte an.

Sie erzählt von der extremen Armut, in der die Bauernfamilien im 16. Jahrhundert zur Zeit von Kaiser Maximilian lebten und der Bedeutung, die auch die Volksreligion damals hatte. Man glaubte an Christus und zugleich an den großen Gegenspieler, den Teufel. Ein Bauer wurde von den adeligen Rittern auf der nahen Burg Bernegg als Jäger angestellt. Aufgrund seiner Leidenschaft für die Jagd soll er tagelang mit seiner Flinte unterwegs gewesen sein und ließ dabei seine Frau mit den Kindern allein mit den ganzen Arbeit am Hof zurück. Sie erzählt auch, dass die Kaunertaler aufgrund der Armut in fremden Ländern als Soldaten dienten. So war auch der Bauer, der zum Wildschütz wurde, vor seiner Hochzeit als Landsknecht unterwegs, wo er seine Schießkunst erlernte. Bei einer seiner Jagden begegnete ihm einmal im Gebirge der Teufel als Jäger „Grünrock“, der seinerseits den Rittern auf der Burg Laudegg diente. Zunächst will sich der Wildschütz nicht auf dessen Geschäfte einlassen. Der Pfarrer von Kauns ermutigt ihn dazu, bei seiner Arbeit als Bauer und seiner Verantwortung für die Familie zu bleiben. Der Wildschütz allerdings kann aufgrund seiner Abhängigkeit von den Herrschaften in Bernegg nicht von seinem alten Leben als Jäger lassen. In Prutz trifft er wieder auf den „Grünrock“. Dieser verspricht ihm, dass er seine Schießkunst zurückerlange, wenn er auf das Holzkreuz schieße, das am Dorfrand von Kauns steht. Ebendies tut er zu einem mit Grünrock vereinbarten Zeitpunkt. Im Dorf wird gerade die Sonntagsmesse gefeiert. Der Grünrock gibt das Zeichen, die Wandlung wird in der Kauner Kirche gefeiert und der Wildschütz schießt in diesem Augenblick auf das Kreuz. Zugleich beginnt das Bauernhaus von ihm zu brennen. Frau und Kinder können noch den Flammen entkommen. Der Wildschütz springt in das brennende Haus und verbrennt selbst darin. Ein Ölgemälde an der Rückwand der Schranzkapelle stellt dieses Ereignis dar.

Was ist wohl die Moral von der Geschichte? Es ist die alte Geschichte von Herrschaft und Knechtschaft, von Ordnung und Unterordnung, von Verführung und Abhängigkeit, von falschen Versprechungen, mit der der „Teufel“ die Menschen verführt. Es ist die Geschichte von Verstrickungen, denen man aufgrund von Armut und Herrschaftsverhältnissen nur unschwer entkommen kann. Gewalt, zu der der Teufel motiviert – symbolisiert durch den Schuss auf das Herz Jesu – ist jedoch ein Weg, der nur weiter ins Verderben führt. Und damit wohl bin ich im Heute: Bei den Gewaltexzessen auf den Straßen in Paris oder bei den wechselseitigen Drohnenangriffen im Kriegsgeschehen zwischen der Ukraine und Russland oder bei den Bemühungen der Militärs in Österreich, dass möglichst alle jungen Männern in Österreich das Schießhandwerk erlernen. Das Einschussloch im Kreuz in der Schranzkapelle zu Kauns könnte die bleibende Botschaft sein: Legt weg die Waffen! Hört auf mit dem Schießen. Dort, wo auf Menschen gezielt wird, wird das Heiligste getroffen. Gewalt ist nicht der Weg.

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