
Jedes Jahr ist es eine andere Figur im System der Gestalten der Weihnachtsgeschichten, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. 2025 ist es der Wirt bzw. der Herbergsbesitzer. Diese Figur hat in den großen Krippen einen Platz am Rande gefunden und fehlt meist nicht in den traditionellen Krippenspielen. Als Krippenfigur wird der Wirt mit abwehrenden Händen dargestellt, der sich dem jungen Paar in den Weg stellt. Der Herbergsbesitzer von Betlehem, bei dem die hochschwangere Maria mit ihrem Partner Josef nach der beschwerlichen Reise von Nazaret anklopft, hat eine schlechtes Image verpasst bekommen. Der Wirt– so die tendenziöse Ausschmückung der lukanischen Geburtsgeschichte – weist das „traute Paar“ schroff ab. Im Lied „Wer klopfet an …“ werden dem Wirt die bekannten Worte in den Mund gelegt: „Nein, o nein, du kommst nicht rein …“ Würde ich heute noch, wie vor vielen Jahren bei den Familienchristmetten in meiner ehemaligen Pfarrgemeinde, die Weihnachtsgeschichte „spielen“ lassen, so würde ich dem Wirten nicht mehr diese negative Rolle geben, die mehr dem noch unbekehrten Scrooge aus der Erzählung von Charles Dickens oder dem griesgrämigen Grinch eines US-amerikanischen Filmklassikers entspricht.
Auch wenn die Weihnachtslegende im Lukasevangelium nicht wie ein historischer Bericht zu lesen ist, sondern wie eine tiefe Symbolgeschichte, so enthält sie dennoch auch jede Menge sozialgeschichtliche und soziokulturelle Bezüge, deren Beachtung auch für die Weihnachtslegende bedeutsam sein könnte. War der Wirt tatsächlich unsolidarisch und hartherzig? Nein, sagt uns die historisch-kritische Exegese. In Palästina zur Zeit Jesu lebten die Menschen in einem einfachen Haus, das aus zwei Teilen bestand. Zum einen gab es den Wohnbereich der Familie, meist nur aus einem Raum bestehend, der zugleich verbunden war mit den Haustieren. Deswegen befand sich darin auch eine Krippe. Zum anderen war ein kleiner Raum daran gebaut, der an Gäste oder Durchreisende gegen Bezahlung vermietet werden konnte, also eine Art Airbnb. Im Falle der Weihnachtsgeschichte waren aber nun alle Herbergen schon belegt. Ein Reservieren mit booking.com war damals nicht üblich. Der besagte Wirt muss sich aber mit Josef und seiner schwangeren Verlobten solidarisch gezeigt haben. Beide durften in seinem privaten Wohnbereich Quartier finden. Nirgendwo im Evangelium ist die Rede von einem Stall auf den Feldern draußen und von einem Wirt, der hartherzig sich weigerte, das Paar Jesu aufzunehmen. Die Geburt Jesu findet also in einer Situation von Solidarität und Barmherzigkeit statt. Keineswegs kann also diese Leseart eine absurde antijüdische Interpretation legitimieren, wonach ein Jude die heilige Familie abgelehnt hätte.
Der solidarische Gastwirt passt hingegen ganz zu dem, was Weihnachten als Anbruch des messianischen Friedensreiches wirklich sein will. Die Befreiung beginnt da, wo Menschen einander Barmherzigkeit erweisen und gerade in Notsituationen einander beistehen. So ereignet sich göttliche Gegenwärtigkeit. Da werden nicht Mauern gegenüber Notleidenden errichtet, sondern Brücken gebaut; da werden nicht Feindbilder konstruiert, sondern Schritte der Versöhnung gesucht; da wird nicht in Sozialen Medien Stimmung gegenüber anderen Religionen gemacht, sondern das Gemeinsame wird entdeckt; da wird nicht auf Kosten der Armen gekürzt, um sich auf künftige Kriege vorzubereiten. Der Wirt ist solidarisch und ermöglicht so messianische Befreiung. „Kommt herein in mein Haus“, sagte der Wirt. Im Ensemble der Krippenfiguren und im Narrativ der Weihnachtslegende frage ich mich nun heute am Weihnachtstag: Wo kann ich Wirt sein? Wie kann ich so leben, dass die Botschaft der Gewaltfreiheit und Barmherzigkeit in meinen Lebenskontexten aufgenommen wird?
Klaus Heidegger, 24.12.2025