Wusstest Du, dass für Muslime die Geburt Jesu sehr bedeutsam ist?

Islamophobes VP-Posting

Meine Überschrift verwendet nur deswegen das Du-Wort, um das ÖVP-Du in jenem Posting zu parodieren, auf das ich mich hier beziehe. Es ist das Du, wie es das Wahlvolk längst in FPÖ-Plakaten und Postings gebraucht. Auch die Aufmachung mit fetten Großbuchstaben und suggestiver Frage ähnelt den rechts-populistischen Machwerken.  Im vorweihnachtlichen Social-Media-Posting der ÖVP heißt es also: „Wusstest Du, dass zwei Drittel das Zusammenleben mit Muslimen als schwierig empfinden?“  Darunter steht das Motto der Kampagne: „NULL-TOLERANZ.AT“. Mit einem Kuchendiagramm versehen wird daneben die Antwort gegeben: „66 % empfinden das Zusammenleben mit Muslimen als schlecht bis sehr schlecht“. Wie als Hohn ist darunter ein Adventkranz mit vier brennenden Kerzen und dem Schriftzug „Schönen 4. Advent“. Als Lehrperson hätte ich dieses Sujet jedenfalls als Idealbeispiel für rechtspopulistische Propaganda verwenden können. Eigentlich ist ja alles leicht zu durchschauen. Mit anderen Worten: Eigentlich ist die Kampagne primitiv. Eine Werbung für ein Billigprodukt einer Supermarktkette sieht im Vergleich dazu intelligent aus.

Schon treten jetzt in Formaten wie OE24 jene auf, um das VP-Posting noch zu verschärfen. Ihr bekanntes Narrativ lautet: Der Islam und die Muslime würden an sich ein Problem darstellen. Gerald Grosz beispielsweise stellt den Islam als „brandgefährlich“ dar, weil er frauenfeindlich sei, weil er demokratiefeindlich sei, weil er den Kampf gegen das Christentum impliziere.  Es kommt das bekannte Framing: Wegen des Islams brauche es Poller und Sandsäcke vor den Weihnachtsmärkten. Wegen der „Invasion“ von Muslimen würde in Wien schon bald nicht mehr Weihnachten, sondern der Ramadan als Hauptfest gefeiert. Der Islam stünde so ganz im Gegensatz zu den christlichen Werten der europäischen Kultur.

Weihnachten als Brücke zwischen Islam und Christentum

Tatsächlich aber würde ein wirklich genauer Blick auf das Wesen der beiden großen Religionen gerade jetzt in der Weihnachtszeit zeigen, wie auf einer ganz tiefen Ebene sich christlicher Glaube und islamischer Glaube begegnen und in den wesentlichsten Fragen deckungsgleich sind. Auch im heiligen Buch des Islams, dem Koran, wird in Sure 19 mit großer Ehrfurcht und bildhaft beschrieben, wie Jesus (Isa) durch seine Mutter Maryam geboren wird. Jesus hat als Gesandter, als Prophet und Messias im ganzen Koran eine herausragende Stellung. Sein Name kommt öfters vor als jener des Propheten Muhammad. Die theologischen Grundgedanken der Geburt Jesu sind ähnlich. Auch für die Muslime ist die Geburt Jesu ein Zeichen Gottes für die Menschheit, vor allem ein Zeichen für die Barmherzigkeit Gottes. Mit Jesus, so der Koran, kommt ein Friedensbringer auf die Welt. „Ich bin ein Mann des Friedens“, wird Jesus im Koran zitiert. Die Geburt Jesu ist die Geburt eines Gesandten Gottes. So kann gerade auch der koranische Blick auf Weihnachten uns wieder heranführen, den tiefsten Kern des Weihnachtsfestes neu zu entdecken, in dem es nicht um Weihnachtsmänner und Rentiere, nicht um Weihnachtsmärkte und Konsum geht, sondern um ein göttliches Ereignis, in dem der Messias, der Gesalbte, der Befreier geboren wird.

Kein „NULL-TOLERANZ-GOTT“

Christinnen und Christen und Musliminnen und Muslime können zu Weihnachten also gemeinsam die Geburt Jesu feiern. Jesus steht für göttliche Barmherzigkeit und ist so ganz und gar im Widerspruch zu einer Politik, in der Toleranz mit negativen Vorzeichen versehen wird. Ich denke zurück an die Weihnachtsgottesdienste an meiner Schule, die ich gemeinsam mit dem islamischen Religionslehrer vorbereitet hatte. Die christlichen und muslimischen Schülerinnen und Schüler feierten gemeinsam mit den christlichen und alle wünschten sich frohe Weihnachten im tiefen Wissen, dass Christentum und Islam aus dem gleichen Grundwasser von göttlicher Barmherzigkeit gespeist werden. Weihnachten ist nicht ein Fest der Spaltung, sondern der Verbindung, nicht eines propagierten Kampfes der Kulturen, sondern der Entdeckung des Gemeinsamen. „Ich werde Blinde heilen und Aussätzige und werde Tote lebendig machen, mit Erlaubnis Gottes“, spricht Jesus in der dritten Sure des Koran. Die katholische Kirche würdigt in ihren Dokumenten „besonders die Muslime“, weil sie auch an den einen, einzigen und barmherzigen Gott glauben. Vielleicht sollte man beginnend mit Bundeskanzler Stocker und Ministerin Plakolm vielen VP-Politikerinnen und Politikern wieder solche Schlüsseltexte unter den Christbaum legen.

Klaus Heidegger, 22. Dezember 2025
(Zum Bild: Islamische Darstellung der Geburt Jesu durch Maryam laut Überlieferung in Sure 19)

Kommentare

  1. Lieber Klaus, danke für diesen Kommentar! Ich werde ihn unserer Reinigungsfrau geben. Sie kommt aus dem Kosovo und ist Muslimin. Wenn sie bei uns ist, trinken wir immer einen Kaffee mit ihr.
    Wünsche dir den Segen der Weihnacht, den Frieden auf Erden!
    LG Meinrad

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