Von der „Sünde der Welt“ und der Lammlogik

Noch unter dem Eindruck eines Kinofilms lese ich das Evangelium zum heutigen Sonntag. Der Prophet Johannes spricht bei der Taufe Jesu im Jordan: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Zwei Fragen drängen sich mir auf.

Erstens: Was ist die „Sünde der Welt“? Im Film „Ein einfacher Unfall“ des iranischen Regisseurs Jafar Panahi geht es um jene Sündhaftigkeit, die ihre Bosheit und ihr Verderben gerade aktuell wieder im Iran zeigt. Es ist die brutale Gewalt, mit der ein Regime über ein Land herrscht, mit Folter und Hinrichtungen, mit unvorstellbaren Grausamkeiten gegenüber jenen, die sich der staatlichen Willkürgewalt nicht unterordnen lassen. Ich denke an die Tausenden Menschen, die in den letzten Tagen ermordet wurden, weil sie gegen das Mullah-Regime auf die Straße gegangen sind. Der Film erzählt die Geschichte von Vahid, einem Automechaniker, der bei einem gewerkschaftlichen Protest verhaftet und gefoltert worden ist. Scheinbar zufällig kommt sein einstiger Peiniger in seine Werkstatt, weil er sein beim Unfall beschädigtes Auto reparieren will. Er wird einfach als „Holzbein“ bezeichnet, während Vahid aufgrund seines zertrümmerten Rückgrats und damit schiefen Gangs den Spitznamen „Gießkanne“ zugesprochen bekam. (Ab jetzt, Achtung Spoilerwarnung!) In Vahid brechen nun die traumatischen Erfahrungen wieder auf. Er hat die Möglichkeit, jenen Mann zu töten, der sein Leben ruinierte, der ihn zum Krüppel machte und seine Verlobte in den Tod trieb. Um sicher zu gehen, dass der Peiniger, der sich durch seine quietschende Beinprothese bemerkbar machte, auch wirklich der Schuldige ist, packt Vahid noch andere Menschen in seinen Van, in dem Holzbein in einer sargähnlichen Kiste eingesperrt ist. Eine Fotografin macht gerade Hochzeitsaufnahmen von einem Paar. Es stellt sich heraus, dass auch die Braut grausame Erfahrungen mit Holzbein im Gefängnis hatte, genauso wie die Fotografin selbst. Hinzu kommt noch ein anderes Folteropfer. Dieser sinnt ganz auf Rache und Vergeltung. Für ihn gilt nur: Holzbein muss getötet werden. Dieser aber hat eine schwangere Frau und eine Tochter. Während Holzbein in seinem Holzkäfig ist, gerät Vahid in die Rolle, die Frau von Holzbein ins Krankenhaus zur Geburt ihres Sohnes zu begleiten. Danach konfrontieren die Folteropfer den gefesselten Peiniger mit seiner Tat. „Wir wollen nicht sein wie die, die an uns Gewalt anwendeten …“, sagt die Fotografin. Was wollen sie? Auf die Justiz und korrupte Exekutive können sie nicht setzen. Im Gegenteil. So treten sie aber nun selbst aus ihrer Opferrolle und sind aktiv geworden. Holzbein soll mit seiner Schuld konfrontiert werden und diese bereuen. Nur so kann ein Prozess der Heilung beginnen. Die mimetischen Zirkel von Gewalt und Gegenwalt, von Schuld und Rache müssen durchbrochen werden. So gelingt es auch. Am Ende des Films hört der Holzbein mit seinen Rechtfertigungen auf und sein ganzes Konstrukt einer religiösen Legitimierung

Wie wird die Sünde zweitens hinweggenommen? Der Evangelist Johannes verwendet hier nun die Metapher vom „Lamm“. Die messianische Befreiung kommt nicht von einem mächtigen, majestätischen und brüllenden Löwen, sondern durch ein Lamm, zärtlich und klein, das leicht verletzlich ist, von dem selbst aber keine Bedrohung ausgeht. Anfang Sommer 2025 schrieb ich einen Artikel zum Angriff Israels auf den Iran. Die israelische Militäroperation nannte Benjamin Netanjahu „Rise like a lion“. Damit bezog er sich in fundamentalistischer Leseart auf jene Vorstellung aus der Geschichte des jüdischen Volkes, demnach ein starker Löwe die Feinde Israels radikal vernichten wird. Das Löwenmotiv Es war ein Mussolini, der meinte, es sei besser, einen Tag als Löwe zu leben als 100 Jahre als Schaf. Das ist nicht die jesuanische Strategie der Überwindung von Gewalt. Der Hinweis auf das Lamm als Strategie ist jedoch erstens der Auftrag, nicht selbst gewalttätig zu werden und so die Gewalt des Feindes selbst widerzuspiegeln. Zweitens ist es aber auch nicht ein Duckmäusertum oder ein sich Einfinden in eine Opferrolle. Damit wird falschverstandenes Märtyrertum ebenfalls ausgeschlossen. Im Film wehren sich Vahid und seine ehemals Mitgefangenen. Sie wehren sich aber auf eine Weise, die nicht die Gewalt der Peiniger aufnimmt. Das Lamm ist nicht Opfertier, sondern messianischer Befreier. Vahid kann ein neues Leben beginnen und das Quietschen des Holzbeins wird für ihn nicht länger eine Bedrohung sein. Rache ist nicht das letzte Wort. Versöhnung soll am Ende sein.

Passend zum Film ist wohl auch jene Geschichte aus einem iranischen Gefängnis, in dem der Regisseur selbst einmal inhaftiert war. Es wurde bei einem israelischen Luftangriff so beschädigt, dass die Häftlinge fliehen konnten. Einige taten es aber nicht, weil sie sich um das Wachpersonal kümmerten, das beim Angriff verletzt worden war.  

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