Von Unsinn und Sinn am Unsinnigen – nachgedacht über den Opernball

Es ist der unsinnige Donnerstag, an dem in Österreich der traditionelle Opernball stattfindet. Die Reichen, Prominenten und Mächtigen dieses Landes geben sich ihr Stelldichein. Es ist für viele DER Ort, um gesehen zu werden und die eigene Bedeutsamkeit zu unterstreichen. Der Ball der Bälle lockt vor allem jene an, die sehr viel Geld haben. Ein publicity-geiler Besitzer eines Wiener Einkaufszentrums nützt wieder die Chance, um mit einer Hollywoodgröße anzutanzen, deren Gesicht die Arbeit von Chirurgen erahnen lässt. Während einem Großteil der Menschheit die primitivste medizinische Versorgung fehlt, während sich selbst in den USA aufgrund gestoppter Obamacare-Politik der ärmere Bevölkerungsanteil kaum Operationen leisten kann, beschäftigen andere Schönheitschirurgen. Von „Dekadenz“ kann aber wohl nur bedingt mit Blick auf den Opernball gesprochen werden. Es ist eher eine Spiegelwelt für die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten – aus Österreich und anderen Ländern. Sie können sich selbst feiern und lassen sich feiern und das Ereignis flimmert millionenfach über die Bildschirme. Eine heile, glitzernde Welt wird vorgeführt, nach Kristall und Lack glänzend, blumendekoriert und geschminkt. Die Welt ist schön. Die Welt ist in Ordnung. Wie Welt hat ihre Ordnung. Alles Walzer.

Die Opernball-Demonstration unter dem Motto „Eat the rich“ bietet auch keine Alternative, sondern verrennt sich in einen zynisch-destruktiven Anarcho-Slogan, der verschreckt und nicht aufklärt. Anarcho-Rock gegen Walzerklänge ist politisch kontraproduktiv, mögen die Inhalte der Veranstalter auch richtig sein. Im Demoaufruf heißt es: „Während die einen ihr Vermögen in unvorstellbare Höhen steigern, sind es die anderen, die immer schwieriger überhaupt über die Runden kommen können. Der Reichtum der einen, führt zur Armut der anderen.“  Die Aussage ist richtig, die Methode, diese Botschaft anzubringen, ist falsch. Der Opernball ist Symbol, das die Spaltung in unserer Gesellschaft sichtbar macht, wenngleich der Opernball selbst nicht diese Spaltung produziert. Der Opernball könnte die Frage aufwerfen, warum so wenige so viel besitzen und so viele so wenig besitzen.

Wenn die Opernball-Organisatorin Maria Großbauer in ihrer Rolle meint, „ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der von selbst reich wurde. Meistens steckt viel Arbeit und Fleiß dahinter“ (KURIER, 19.2.2017), dann zeugt dies eher von politisch-ökonomischer Naivität. Der Wiener Theologe Günter Prüller-Jagenteufel nennt es hingegen „obszön“, wenn beispielsweise ein Generaldirektor 300-mal mehr verdient als der Durchschnittsverdienst in seinem Betrieb.[1] Die Medien schreiben etwas weniger von jenen, die sich keine 20.000-Euro-Loge für eine Ballnacht leisten können. In Österreich wird „der Rand der Gesellschaft nicht schmäler, sondern verbreitert sich ständig“[2]. Fast ein Fünftel der Bevölkerung Österreichs ist arm oder armutsgefährdet.  Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Zugleich müssen sozial eingestellte Politiker und Einrichtungen um das ohnehin knapp bemessene Sozialbudget kämpfen. Die durchschnittliche ASVG-Pension in Österreich beträgt für Frauen 846 Euro. Mit den 20.000 Euro, die manche für eine Loge beim Opernball ausgegeben, muss also eine durchschnittliche ASVG-Pensionistin zwei Jahre auskommen oder dafür arbeitet eine Friseuse in ihrem ersten Dienstjahr hierzulande fast zwei Jahre lang. Verhältnismäßigkeit ist nicht mehr gegeben.

Selbst war ich Ende der 1980er Jahre, als ich in Wien arbeitete, bei Opernball-Demonstrationen, friedlich, zwischen Polizei und Randalierern stehend. Dreißig Jahre später hat sich hierzulande und weltweit die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter aufgetan. In der gleichen Zeitung vom 22.2., in der vom gigantischen Aufwand berichtet wird, der für den Opernball aufgewendet wird, könnte man einen Bericht lesen, der vom Hunger in der Welt erzählt. UNICEF nennt erschreckende Zahlen. 1,4 Millionen Kinder drohen in Afrika und im Jemen zu verhungern. Abermillionen Menschen leiden an Mangelernährung.

Doch selbst inmitten von Unsinnigkeiten kann Sinnvolles durchscheinen. Die Opernball Organisatorin zeigt auch Herz für die Flüchtlinge und setzt Aktivitäten für die „Gruft“ und „Superar“. Man will sogar eine „grüne“ Seite zeigen und bietet „Slow food“ an. Im Staatsgewalze ist alles möglich. Eine First-Lady, die einst vor der Oper demonstrierte, tanzt jetzt drinnen mit. In der Präsidentenloge sitzt ein Mann, der aus einer Bewegung kommt, die traditionell eher auf der anderen Seite der Staatsoper ihren Platz hatte. Und unter den mehr als 5000 Ballgästen gibt es doch auch viele, die sich mit ihrem Leben, ihrem Wirtschaften, ihrer Kunst oder Politik für eine Welt engagieren, die eine bessere werden kann. Die Debütanten wiederum wollen vielleicht nur eines: Dass diese Welt eine bessere werden wird, in der alle ein gutes Leben haben. In diesem Sinne nur: Alles Walzer.

Klaus Heidegger

 

[1] Vgl. Kathpress, 20.2.2017.

[2] Nindler Peter, in: Tiroler Tageszeitung, 21.2.2017.

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