Haram ist, wenn Tiere leiden müssen: Gedanken zum traditionellen Opferfest Kurban Bayrami

Islam ist Teil Österreichs

Heute, 1. September 2017, feiern Musliminnen und Muslime ihr höchstes Fest. Eigentlich ist es für sie so wichtig wie für uns das Weihnachtsfest. Alle großen islamischen Richtungen, Sunniten, Shiiten und Aleviten feiern es auf ihre Weise. Ich blättere die Tageszeitung durch. Mit keiner Silbe wird das heutige Fest erwähnt. Traditionell verbunden ist das Kurbanfest mit dem Schächten von Tieren. Für mich ist der Islam Teil von Österreich. 700.000 Muslime leben hier. Der Dialog und auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen Riten sind mir wichtig. Im Religionsunterricht werde ich als Lehrer immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum Religionen wie der Islam immer noch mit Tieropfer in Verbindung gebracht werden. Islamfeinde benützen die Opfer-Rituale, um darauf ihre islamophoben Stimmungen zu bauen. Als Vegetarier habe ich eine besondere Empathie für Tiere entwickelt. Deswegen meine mehrfache Aufmerksamkeit für dieses Fest: Als jemand, der den Islam positiv sieht, als Religionslehrer und als Vegetarier.

Gottesbegegnung ist Ausstieg aus Opfergesinnung

Ich schätze den Glauben der Muslime. Auch das Opferfest zeigt zunächst positiv auf, wie wir als Christinnen und Christen und Musliminnen und Muslime im Glauben verbunden sind. Es erinnert im Kern an unsere Erzeltern Abraham und Sarah und damit an die Geschichten, die damit verknüpft sind: Ein Nomadenvolk, das in seiner Suche nach einer neuen Heimat auf Gott vertraute und erfuhr, dass das Göttliche mit Gastfreundschaft den Fremden gegenüber verbunden ist. Gott begegnet Abraham in den drei Fremden, die seine Botinnen sind. Die Geschichte ist vor allem auch verbunden mit einer Abkehr von jedwedem Menschenopfer. Isaak soll leben. Würde der tiefste Kern in dieser Ursprungsgeschichte von Judentum, Christentum und Islam gelebt werden, dann gäbe es keinen Krieg mehr, müssten keine Menschenopfer im vermeintlichen Dienst für ein Vaterland mehr stattfinden, würde kein irregeleiteter Terrorist sich als Märtyrer selbst aufopfern. Dieser Gedanke ist heute am 1. September wichtig, an dem nicht nur das Opferfest gefeiert wird, sondern auch der Weltfriedenstag.

Kritik am Tieropfer im Volk Israel

Später wird das Volk Israels in den Prophetinnen und Propheten die Stimme JHWH vernehmen. Der Prophet Jesaja spricht: „Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von euren Händen, dass ihr auf meinen Vorhof tretet? (Jesaja 1,11f) Noch deutlicher heißt es im 66. Kapitel bei Jesaja: „Wer einen Ochsen schlachtet, ist eben als einer, der einen Menschen erschlüge; wer ein Schaf opfert, ist als der einem Hund den Hals bräche; wer Speiseopfer bringt, ist als der Saublut opfert; wer Weihrauch anzündet, ist als der das Unrecht lobt. Solches erwählen sie in ihren Wegen, und ihre Seele hat Gefallen an ihren Gräueln.“ (Jesaja 66,3) Und beim Propheten Hosea heißt es: „Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6,6) und an anderer Stelle: „Ihr Opfer schlachten und Fleisch fressen ist mir ein Gräuel und der Herr hat kein Gefallen daran, sondern wird ihrer Missetaten gedenken und sie für ihre Missetaten heimsuchen.“ (Hosea 8,13) Der Sozialrevolutionär Amos verknüpft seine Kritik an den Tieropfern, wie später dann Jesus von Nazareth, mit seiner Reichtumskritik: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.“ (Amos 5,21) „Und ob ihr mir gleich Brandopfer und Speisopfer opfert so habe ich keinen Gefallen daran; so mag ich auch eure feisten Dankopfer nicht ansehen.“ (Amos 5,22) Gott will keine Opfer, sondern Gerechtigkeit, so die Botschaft von Amos. Fast zeitgleich formulierte es der Friedensprophet Micha wie folgt: „Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. (Micha 6,6ff) Im jüdisch-christlichen Gebetsbuch, dem Psalter, beten wir bis zum heutigen Tag: „Herr, mein Gott, groß sind deine Wunder und deine Gedanken, die du an uns beweisest. Dir ist nichts gleich. Ich will sie verkündigen und davon sagen; aber sie sind nicht zu zählen. Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht; aber die Ohren hast du mir aufgetan. Du willst weder Brandopfer noch Sündopfer.“ (Psalm 40,5f) Und im Psalm 51, Vers 16: „Denn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir’s sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen dir nicht.“ Jesus wird dann diese Tradition aufgreifen und von Barmherzigkeit sprechen, die auch die Tierwelt umfasst. Sein Bild von Gott lautet: „Ich will Gerechtigkeit, nicht Opfer.“ (Mt 9,13). Wegen seiner Tempelkritik wird er von den römischen Behörden zum Tode verurteilt. „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr habt eine Mördergrube daraus gemacht!“, heißt es im Markusevangelium. Gott kann die Tieropfer nicht riechen, so könnte der Schlussstrich unter diesem Zitatenschatz aus der Bibel lauten.

Tiere leiden

„Fast 100 Kilo pro Jahr: Österreich als Fleischtiger“, lautet just am Kurban-Tag und Weltfriedenstag eine Schlagzeile in der Tagespresse. Eine Supermarktkette bietet Schweinefleisch als Lockangebot zu einem Sonderpreis an. Ich lebe im Speckparadies Tirol und die Jagd-Freundschaft zwischen Handl und Platter ist legendär. Vor allem aber schert sich der durchschnittliche Fleischkonsument hierzulande nicht darum, welche Qualen das durchschnittliche Schwein durchgemacht hat, um dann hierzulande als Speck verarbeitet oder als Schnitzel paniert zu werden. Wer am heutigen Tag islamische Schlachtriten kritisiert und selbst aber herzhaft und mit Genuss seine Schweinswurst isst, trägt in sich zumindest eine Spur Heuchelei. Tierschutz hätte auch Konsequenzen im eigenen Essverhalten.

Schächten und Tierschutz

Laut traditioneller Lehre im Islam ist es notwendig, dass die Tiere allesamt durch Ausbluten sterben, egal ob „geschächtet“ oder „geschlachtet“. Den Tieren wird dazu meist der Hals aufgestochen oder aufgeschnitten, je nach Schlachtart einmal längs oder einmal quer. Auch Martin Lintner geht in seinem jüngst veröffentlichten Buch „Der Mensch und das liebe Vieh“ auf das Thema Schächten ein und erkennt darin tierethisch positive Aspekte. So würde durch das Ausbluten symbolisiert, dass ein Tier nicht „bis zum letzten Blutstropfen“ ausgebeutet werden dürfe. Durch die Art und Weise des aufmerksamen Schlachtens würde dem Tier die ganze Aufmerksamkeit geschenkt und es würde auch noch sichtbar, das prinzipiell auch das Töten von Tieren eine sakrale Dimension habe und nicht leichtfertig geschehen sollte. Das Urteil des Moraltheologen aus Brixen lautet: „Wird eine Schächtung gemäß den strengen Vorschriften durchgeführt, braucht sie den Vergleich zur automatisierten Tötung von Tieren in Schlachthäusern kaum zu scheuen.“  Das heimische Tierschutzgesetz gibt eindeutig vor, dass vor der Schlachtung jedenfalls eine Betäubung stattfinden muss. Ich gehe zumindest davon aus, dass in unserem Land am heutigen Opferfest keine Tiere geschächtet werden, ohne dass sie vorher betäubt wurden. Veterinärmediziner haben genügend oft festgestellt, welche Qualen ein betäubungsloses Schächten mit sich bringt. Details will ich hier keine nennen. Sie sind zu grausam.

Sind Tieropfer unverzichtbar für den Islam?

Als Nichtmuslim kann und darf ich diese Frage nicht beantworten. Ich stelle fest, dass die Mehrheit der Muslime mit Berufung auf den Koran und die Sunna das Tieropfer als unverzichtbaren Teil ihrer Religion sehen. Bestimmte Verse aus dem Koran werden wortwörtlich ausgelegt und angewandt. Das Opfern und das Schlachten eines Weidetieres an den Tagen des Opferfestes soll geschehen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Dies wird als Anbetungshandlung und Pflicht interpretiert. „So bete zu deinem Herrn und opfere!“ (Sure 108:2) Rund um dieses Opfer werden eine Fülle an weiteren Verpflichtungen erlassen, sowohl was die Auswahl der Tiere anlangt, die Schlachtung selbst sowie die Vorbereitung für die Muslime. Deswegen werden am heutigen Tag in der islamischen Welt Hunderttausende Tiere rituell geschlachtet und in Gemeinschaft verzehrt.

Auf der anderen Seite hofft meine tierliebende Seele, dass es innerhalb des Islam auch eine andere Richtung gibt, eine Art „öko-islamische Bewegung“. Tatsächlich höre und lese ich von liberalen Musliminnen und Muslimen, die diesen Tag nützen, um sich auf den Kern der Geschichte von Abraham, Sarah und Isaak einzulassen. Hier geht es doch darum, dem Willen Gottes zu folgen, was bedeutet, Menschen und Tieren und der gesamten Umwelt Wertschätzung entgegen zu bringen. Statt Geld für einen Hammel auszugeben, kann es für Notleidende Spenden geben. Statt ein Schlachttier zu opfern, kann eine Tierschutzorganisation unterstützt werden. Und auch für uns Nicht-Muslime kann dieser Tage bedeuten, den eigenen Fleischkonsum kritisch zu betrachten.

Klaus Heidegger, 1. September 2017,

für die katholische Kirche der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung, für Musliminnen und Muslime das große Opferfest und für uns alle der Antikriegstag

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