Türkis-blaue bildungspolitische Irrlichter

Als Lehrer sowie als Vater von drei Kindern, deren Schulzeit mich 20 Jahre beschäftigt hat, mute ich mir zu, von dieser mehrfachen Praxis aus aktuelle schulpolitische Weichenstellungen beurteilen zu können. Eckpunkte des türkis-blauen Bildungsprogramms, die nun Teil des Koalitionsübereinkommens werden sollen, werte ich als Schritte in das finstere Mittelalter einer schwarzen Pädagogik und eines elitären Mehrklassenschulsystems. Die türkis-blauen Vorstellungen missachten die wesentlichen Erkenntnisse aus der Lernforschung und einer zeitgemäßen Schulentwicklung. Dazu im Detail.

Notensystem nicht ausbauen, sondern reduzieren

Erstens würde die von Türkis-blau geplante zwangsweise Wiedereinführung von Noten in den ersten Jahren der Primastrufe nicht zu besseren Leistungen führen, wohl aber zu Stress für Kinder und Lehrpersonen. Derzeit können Eltern und Lehrkräfte an einer Volksschule entscheiden, ob die Kinder mit Ziffernnoten von 1 bis 5 beurteilt werden oder eine alternative Leistungsbeurteilung erhalten. Diese Wahlfreiheit gilt für die ersten drei Klassen.

Noten schaffen generell kein produktives Lernklima. Deshalb haben die meisten Volksschulen in Österreich auf das klassische Notensystem verzichtet. Statt Noten wird auf geeignete Lernumgebungen gesetzt. Noten setzen auf eine extrinsische Lernmotivation, wodurch zugleich vielfach kreative Lernprozesse blockiert werden. Schulen sollen Orte sein, wo Kinder und Jugendliche intrinsisch motiviert und mit Freude und aus eigener Neugier lernen. Ich war froh, dass meine Kinder nicht schon im ersten Schuljahr durch Noten in eine gegenseitige Leistungskonkurrenz getrieben wurden. Selbst als Lehrer an einer Oberstufe heute kann und will ich mich an die Pultteiler-Situationen nicht ganz gewöhnen. Lieber sehe ich es, wenn es den Schülerinnen und Schülern gelingt, gemeinsam Probleme zu lösen. Diese Teamfähigkeit wird ihnen und der Welt wohl mehr nützen als das aufgestellte Blatt, mit dem ein Abschreiben verhindert werden soll. Den Lehrkräften wiederum attestiere ich so viel Professionalität, dass sie Schülerinnen und Schüler auch ohne Notenskala Rückmeldungen über ihren Leistungsstand geben können. Wenn Kinder und Jugendliche einen Sinn darin sehen, was sie lernen sollen, lernen sie leichter und die erworbenen Kompetenzen werden nachhaltiger sein. Dort, wo sich Lernerfolge nicht einstellen, braucht es andere Formen des Unterrichtens und Lernens, eine ganzheitliche Pädagogik, die beispielsweise ein Abrücken von den 50-minütigen Einheiten bedeuten würde, mit denen Schülerinnen und Schüler heute noch großteils ihren Schulalltag verbringen müssen.

Gemeinsames Lernen statt Schaffung eines schulischen Kastensystems

Zweitens zielen die türkis-blauen Vorstellungen mehrfach auf ein elitäres Konzept. Die sozialökonomischen Ungleichheiten, die heute schon dazu führen, dass Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen bzw. bildungsfernen Schichten weniger leicht einen Zugang zur höheren Bildung bekommen, würden durch die türkis-blauen Vorstellungen nochmals verschärft werden. So schafft bzw. verstärkt ein Bildungssystem Spaltungen in der Gesellschaft. Die frühe Trennung von Kindern mit neuneinhalb oder zehn Jahren in zwei unterschiedliche Ausbildungswege – Neue Mittelschule hier, Gymnasium dort – führt zu Situationen, wo Kinder bereits in der Volksschule Nachhilfe bekommen und manche auch psychische Störungen. Die geplante Einführung von „eigenen Deutschklassen“ könnte dazu führen, Kinder und Jugendliche, die eine nichtdeutsche Muttersprache haben, von anderen zu sondieren, statt ihnen in einer inklusiven Lernumgebung mit entsprechenden Förderungen zu helfen. Die Notwendigkeit von eigenen „Sprachstartklassen“ – insbesondere für Flüchtlingskinder – vor dem Eintritt in das Regelschulwesen gab es schon bisher und sollten jedenfalls fortgeführt werden. Ein Konzept der Zukunft wäre es, Modelle von einer Gemeinsamen Schule – wie sie beispielsweise in den Modellregionen geplant war – weiter zu verfolgen und die Neue Mittelschule nicht auf halbem Wege ihrer Entwicklung einzufrieren. Die türkis-blaue Programmatik steht dazu im Widerspruch.

Pädagogische Vielfalt statt Law-and-Order-Kriterien

Drittens zieht sich durch die bildungspolitischen Vorstellungen der blauen und türkisen Verhandler merkbar eine Haltung, mit Sanktionen und Androhung von Strafen Bildung betreiben zu wollen. Zurecht wird dies bereits auch als Rückkehr zu einer Rohrstaberlmentalität bezeichnet. Da wird jenen Erziehungsberechtigten eine Reduktion der Sozialleistungen wie Familienbeihilfe oder Mindestsicherung angedroht, wenn sie in ihrem Engagement für ihre schulpflichtigen Kinder säumig wären. Dies würde in erster Linie die bildungsfernen Schichten betreffen, die bereits am unteren sozialen Limit leben. Implizit werden Eltern, deren Kinder weniger gute Leistungen in der Schule bringen, unter Generalverdacht gestellt. Es wird wohl wissentlich übersehen, dass es gerade oft Kinder aus prekären sozialen Verhältnissen sind, die einen gewissen Leistungsgrad in der Schule nicht erreichen. Mit Drohgebärden kann da nicht geholfen werden. Es bräuchte vielmehr Möglichkeiten, ihnen beispielsweise durch Nachmittagsstunden zu helfen – wie dies beispielsweise in den Hunderten Lerncafés geschieht, die von der Caritas organisiert werden.

Auch über den Lehrkräften schwebt in den Bildungsvorstellungen von Türkis-blau ein Generalverdacht.  Die Lehrkräfte sollen über die Entlohnung diszipliniert werden. Gute Lehrkräfte – so die türkis-blauen Vorstellungen – sollen mehr Geld bekommen als schlechte Lehrkräfte.

Gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht statt verpflichtendem Ethikunterricht

Viertens haben sich die türkisen und blauen Verhandler auf einen verpflichtenden Ethikunterricht festgelegt. Als Religionslehrer erfahre ich in meiner alltäglichen Arbeit, wie im Oberstufenbereich – und darauf zielt im Wesentlichen die Diskussion um einen verpflichtenden Ethikunterricht – ein gemeinsames religiöses und ethisches Lernen im Klassenverband in vielfacher Hinsicht produktiv ist. Schülerinnen und Schüler, die keiner Religionsgemeinschaft und keiner Konfession angehören, können von jenen lernen, die eine religiöse Einbindung haben, und umgekehrt. Ein Ethikunterricht würde nun dazu führen, dass alle ohne Religionsbekenntnis automatisch einem quasi „nichtreligiösen“ oder „religionsfreien“ Unterricht zugeordnet würden. Das Gegenkonzept lautet: Gemeinsam lässt sich in einem schülerorientierten Unterricht auch über religiöse und ethische Fragen besser lernen. Die Schule wiederum kann zu einem Erfahrungsraum werden, wo nicht entlang von Religions- und Konfessionszugehörigkeiten getrennt und gemauert wird. Vor allem aber ist es völlig verkehrt, wenn Jugendliche im Alter von 14 Jahren vor die plumpe Entscheidung gestellt werden: Ethik oder Religion? Türkis-blau setzt daher auch mit der Forderung nach einem verpflichtenden Ethikunterricht auf ein vorgestriges Konzept, das der multireligiösen Wirklichkeit in den Schulklassen und den vielfältigen Möglichkeiten interreligiösen Lernens nicht gerecht wird.

Nein zu türkis-blauen Bildungsvorstellungen

Nun bleibt zu hoffen, dass die Zivilgesellschaft ein klares Nein zu den türkis-blauen Vorstellungen artikulieren wird. Herausgefordert sind die Schülerorganisationen genauso wie Eltern- und Lehrerverbände, kirchliche Organisationen, die vielfach auch Träger von Bildungseinrichtungen sind, genauso wie Universitäten und Pädagogische Hochschulen, die Lehrerinnen und Lehrer für eine ganzheitliche Pädagogik ausbilden und ein wissenschaftlich fundiertes Know-how hätten, das leider von der türkis-blauen Verhandlungstruppe arrogant ignoriert worden ist. Noch vertraue ich auch darauf, dass in den Ländern wie Tirol oder Vorarlberg angefangene Reformschritte von den dafür politisch Verantwortlichen fortgesetzt und weitergeführt werden. Dann wird es nicht so brutal kommen, wie sich die türkis-blauen Irrlichter momentan anfühlen.

Dr. Klaus Heidegger, 1. Dezember 2017

Kommentare

  1. Die Leistungsorientierte Bezahlung mag ich ja am liebsten. Ich hätte auch ein gutes Kriterium: Wer die meisten Kopien verteilt, kriegt am meisten Geld. Schließlich kann man auch im Turnunterricht Kopien verteilen, oder?

  2. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man messen kann, wer ein „gute“ lehrkraft ist!
    Ich fürchte dass wäre dann jemand, der die Kinder möglichst früh an Wettbewerb und Druck gewöhnt. Bin ich da zu pessimistisch?

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