„Hab keine Angst“: Die Lesung für die Maturantinnen und Maturanten des Jahres 2018

„Ich, ich habe deinen Namen gerufen, zu mir gehörst du…“

 Aber nun spricht Gott so: Ich habe dich geschaffen, …: Hab keine Angst, denn ich habe dich befreit, ich habe deinen Namen gerufen, zu mir gehörst du. Wenn du durch Wasser gehst, bin ich bei dir, und Wasserströme überfluten dich nicht. Wenn du durch Feuer gehst, verbrennst du nicht, und die Flamme versengt dich nicht. Denn ich bin Gott, deine Gottheit, … dir zur Rettung. … weil du in meinen Augen teuer bist, du mir wichtig bist und ich dich liebe. …Hab keine Angst, denn ich bin bei dir. Von Osten bringe ich deine Kinder und im Westen sammle ich die Deinen. Ich sage zum Norden: »Gib her!« und zum Süden: »Halte nicht zurück!« Ich bringe meine Söhne heim aus der Ferne, und meine Töchter von den Enden der Erde. Alle, die mit meinem Namen benannt sind, habe ich zu meinem Glanz geschaffen, gebildet und gemacht. (Jesaja, 43,1-7)

Liebe Maturantinnen und Maturanten des Jahres 2018!

Immer wenn ich einen Gottesdienst vorbereite, drängt sich wie von selbst eine Bibelstelle auf, die zum jeweiligen Anlass passt. Das ist wohl ein erster Wunsch, den ich euch für euer Leben nach der Matura mitgeben möchte: Dass ihr immer wieder erfährt, dass die heiligen Schriften – egal ob es die Bibel, der Koran, die Veden des Hinduismus oder der Palikanon von Buddha sind – stets  Ermutigung und Trost und Tipps für unsere konkreten Lebenssituationen schenken können.

In so einer ganz besonderen Lebenssituation seid ihr heute: Es ist eine Zeit des Übergangs. Heute habt ihr den letzten Schultag und seid knapp vor den schriftlichen Klausurarbeiten und in wenigen Wochen wird für die meisten von euch die Schulzeit für immer vorbei sein. Ja, da passt auch die Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja, die ihr gerade gehört habt.

„Hab keine Angst!“ bzw. – wie es in anderen Übersetzungen heißt „Fürchte dich nicht“ – das ist die erste Ansage. Eine solche  Aufmunterung ist der roter Faden durch die gesamte Bibel, vom Ersten Buch Mose bis zur Offenbarung des Johannes. Gott sprach dieses „Fürchte dich nicht!“ zu den Erzvätern und Erzmüttern des Volkes Israel, beginnend mit Abraham und Sara. Die hebräischen Hebammen Schiphra und Pua und schließlich Mirjam und Mose lebten von diesem „Fürchte dich nicht!“ So sprach auch der Engel Gabriel bei der Verkündigung zu Maria und die Engel über den Feldern von Betlehem verkündeten den Hirten: „Fürchtet euch nicht!“ Erst vor kurzem hörten wir die Osterevangelien. Was hörten die Frauen am leeren Grab Jesu? „Fürchtet euch nicht!“ Und es gilt auch für euch heute: Habt keine Angst!

Dieser Zuspruch wird beim Propheten Jesaja wie folgt begründet: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Wenn Gott dich „bei meinem Namen“ ruft, dann ist das eindeutig. Gott ruft nicht „den Dritten von links“ oder „der Große da hinten“, sondern er meint dich, weil er dich kennt. Dein Name ist ihm vertraut, Dein Name ist mit Gottes Namen verbunden.

Liebe Maturantinnen und Maturanten! Du hast einen Namen, du bist wer, du bist so unendlich wichtig für Gott. Du bist nicht die Schülerin xy, nicht der Österreicher oder der Tiroler und auch nicht einfach ein Mensch. Du bist nicht eine Nummer. Nein, du bist jemand mit Namen. Ich hoffe, dass ihr diese existenzielle Grunderfahrung in eurer Schulzeit immer wieder gespürt habt, ob von  Mitschülerinnen und Mitschülern oder von euren Lehrerinnen und Lehrern. Die Namensrufe sind Signale, die bedeuten: Du bist mir wichtig, dich schätze ich, so wie du bist, dich mag ich – du hast einen Namen für mich.

Was geschieht, wenn du so angerufen wirst: du kannst dich selber sehen, wie du wirklich bist. Du musst dich nicht verstellen. Du musst dich nicht rechtfertigen. Zugleich kannst du in dieser annehmenden Geborgenheit über dich hinauswachsen. Das schafft eine enorme Freiheit. Selbst wenn andere dir  etwas einreden, kannst du bei deinem Gewissen bleiben.  Du musst auch kein Wunderwuzzi sein. Gott, der dich mit dem Namen anspricht und dich in die Hand geschrieben hat, liebt dich  auch dann noch, wenn du Fehler machst. Vielleicht hast du solche Grunderfahrungen in Freundschaften bereits gemacht. Ich wünsche sie dir, weil sie uns auch Schlüssel zum Verständnis des Glaubens an Gott sind.

Wer sich mit seinem oder ihrem Namen angesprochen fühlt, wird sich einsetzen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wenn irgendwo auf dieser Welt Menschen unter Krieg, unter Ungerechtigkeit und unter der Zerstörung der Schöpfung leiden, dann beflügelt dieses „Fürchte dich nicht“ und das fast schon intime Angeredetwerden mit Namen, um aufzustehen für eine Welt, die besser sein wird. Ihr habt an dieser Schule die Kompetenzen erworben, aufzustehen für eine Welt, die eine bessere sein wird als die heutige, die an allen Ecken und Enden brennt, in der es zugleich aber auch so viele gelebte Utopien gibt. Aufzustehen gegen den Hunger in der Welt, eine Welt, in der alle 6 Sekunden ein Kind verhungert. Aufzustehen für eine gerechte Verteilung der Ressourcen und Lebensmöglichkeiten. Aufzustehen gegen die Kriege in der Welt und für eine Kultur der Gewaltfreiheit. Aufzustehen gegen das Leid der Tiere in den Massentierhaltungen und für einen nachhaltigen Lebensstil. Aufzustehen gegen die fortschreitende Klimaerwärmung und für eine radikal nachhaltige Lebensweise.

So nehmt diesen Zuspruch mit in die nächsten Tage und in eure weitere Zukunft: Hab keine Angst, denn ich habe dich befreit, ich habe deinen Namen gerufen, zu mir gehörst du. Und ein paar Verse weiter heißt es zuversichtlich aus dem Mund Gottes: „Ich habe dich in meine Hand geschrieben …“                                               Klaus Heidegger, 2. Mai 2018

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