Kein Hokuspokus zu Fronleichnam: Mahlhalten als Erfahrungen von Gemeinschaft

„Teebeben“ lautet der Titel eines preisgekrönten französischen Kurzfilms. Ein Rechtsextremer betritt den Laden eines arabischen Gemischtwarenhändlers in einer französischen Kleinstadt. Verächtlich spuckt er dort auf den Boden. Der Ladenbesitzer – so wäre die normale Reaktion gewesen – hätte nun wohl als ehemaliger Profiboxer zum gewalttätigen Gegenschlag ausholen können. Doch es geschieht eine radikale Wende. Er bückt sich vor dem Aggressor, um den Boden abzuwischen. Dann lädt er ihn zu einer Tasse Minztee im Untergeschoß seines Geschäftes ein. Wandlung wird möglich. Das Bücken ist wie die Fußwaschung im Kontext des letzten Abendmahls bei Jesus. Eucharistische Praxis hat seither immer mit dem gewaltfrei-demütigen Niederbücken zu tun, in dem Solidarität und Entfeindung geschehen können. Die Einladung zum Teetrinken im genannten Kurzfilm ist wie die Einladung Jesu: „Nehmt und esst und trinkt …!“ Wo diese Praxis fortgeführt wird, werden bewusst Grenzen aufgehoben, nicht aber gezogen. Daher ist es so bedeutsam, wenn unter der Führung des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx seit kurzem daran gearbeitet wird, dass auch evangelische Christinnen und Christen zur Kommunion in den katholischen Kirchen eingeladen werden.  In meinem schulischen Alltagsumfeld ist es gelebte Wirklichkeit: Gottesdienste auch ohne Hochgebete lassen im gemeinsamen Teilen von gesegnetem Brot erfahrbar werden: Auferstehung wird begreifbar in Gemeinschaft. Sie lässt sich spüren, wo geteilt wird. Dort geschieht Wandlung. Das ist letztlich auch das Geheimnis von Fronleichnam und hat mit Alltagserfahrungen zu tun, bei den familiären Küchentischen bis zum Teilen einer Pizza in einer Pizzeria oder einem freundschaftlichen Picknick am Inn, dem Jausenbrot in der Schule oder dem gemeinsamen Essen in der Kantine. Solche Grunderfahrungen schenken das, was in der Eucharistie und zu Fronleichnam verdichtet wird. Kinder, die in den letzten Wochen die Erstkommunion empfingen, haben von Beginn an gespürt: Gott ist wie eine stillende Mutter. Dieser Topos findet sich in jeder Religion. Maria lactans, die stillende Mutter Gottes, sehen wir hierzulande in vielen bildlichen Darstellungen. Gerade die kindlichen Erfahrungen sind geprägt davon, dass sich Eltern ohne Berechnung und aus reiner Liebe hingeben können. Für Jugendliche sind es dann die Partys, für Verliebte das erste Date mit gemeinsamem Essen, für Ehepaare der Besuch in einem Restaurant und ältere Menschen schätzen es, wenn ihre Verwandten gelegentlich am Sonntag zu Kaffee und Kuchen vorbeikommen. Wenn am heutigen Fronleichnamsfest das Geheimnis von Wandlung im Mittelpunkt steht, dann feiern die Menschen in Prozessionen und Gottesdiensten den Kern ihres erfahrbaren Glaubens: In diesem Stück Brot in der Monstranz verdichtet sich das Leibliche unserer Religion. Gott will greifbar, Gott will spürbar werden.

Beitrag für die Tiroler Tageszeitung, Brief an Tirol, vom 31.5.2018
Dr. Klaus Heidegger, Vorsitzender der Katholischen Aktion der Diözese Innsbruck, Religionslehrer am PORG Volders

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