Winterspiele in Kitzbühel oder Hunger Games am Ganslern

Jedes Jahr Ende Jänner das gleiche Schauspiel in Kitzbühel. Es füllt die Titelseiten der Zeitungen und selbst die Topmeldungen in den Funksendungen sind voll davon. Es wird geredet und geschrieben und auf den Displays der Tablets und Smartphones gewischt, was sich am Ganslern und auf der Streif und in den Partyzonen abspielt. Während in Australien seit Wochen Rekordtemperaturen sind, dreht sich in Austria alles um die Frage, wer, wieso, warum die Abfahrt auf der Streif gewonnen hat. Wird Dauerkitzbühel-Gast Arnold Schwarzenegger auch vom fernen Amerika anreisen? Er propagiert zwar lautstark Klimaschutz und konterkariert mit seiner Vielfliegerei zugleich das, was er vorgibt zu wollen. Bei der Weißwurstparty werden sich aber alle Promis gut verstehen, die von weither gereist sind, kerosinsteuerbefreit mit Privatjets in München oder Innsbruck gelandet, die Luxuslimousinen vor den Luxushotels abgestellt. Vertreter der türkis-blauen Bundesregierung passen zu diesem Aufmarsch. Nur eine wird fehlen. Sie passt nicht dazu: Greta Thunberg. Sie sitzt im Zug auf der Rückfahrt vom Weltwirtschaftsforum in Davos nach Stockholm. „Das Haus brennt! Warum löscht ihr nicht!“ Mit solchen Worten redete die 16-jährige Schulstreikerin den Mächtigen und scheinbar Ohnmächtigen ins Gewissen.

Zurück zu den Spielen in Kitzbühel. Vertreter des einen Prozents der Weltbevölkerung, das über 99% des Weltvermögens verfügt, besetzen die Promiränge gemeinsam mit heimischen Regierungsvertretern. Mit Dienstlimousinen kann direkt vom Akademikerball nach Tirol gefahren werden. Verteidigungsminister Mario Kunasek, der mit HC Strache, Herbert Kickl und Norbert Hofer das rechtspopulistische Quartett bildet, wird über die verfassungsfeindlichen Ausritte seines Regierungskollegen nichts sagen. Klimafragen und Abschaffung der Mindestsicherung oder die Turboabschiebung eines jugendlichen Asylwerbers aus der Erzdiözese Salzburg – auch Kitzbühel ist Teil davon – sind kein Thema, wenn Kaviar und Champagner kredenzt werden.

Die Science-Fiction-Story der „Tribute von Panem“ könnte, was die ökonomische Situation des Fantasy-Landes „Panem“ betrifft, durchaus reale Gestalt gefunden haben. Die Hauptsponsoren der Spiele von Kitzbühel – allen voran Red Bull und Audi – leben von den Rohstoffen aus den Distrikten, besonders aber von jenem Distrikt 12, wie er in den Büchern von Suzanne Collins beschrieben wird, der verelendet – weil ausgebeutet – wird. Der Mateschitz-Konzern mit seinem Dosenimperium verursacht gigantische Zerstörungen. Red Bull aus den Dosen schmeckt nach dem verseuchten Wasser des Amazonas, in den der giftige Rotschlamm der Bauxitverarbeitung geleitet wurde. Die Hirne und Herzen der Menschen sollen bei den Übertragungen der Skirennen besetzt werden von den vier verschlungenen Kreisen auf den Rennanzügen der gegeneinander antretenden Athleten und Athletinnen. Ausgeblendet wird die Tatsache, dass gerade der Automobilverkehr – und hier wiederum die PS-aufmunitionierten Nobelautos aus deutschen Konzernen – maßgeblich für die hohen Kohlenstoffdioxidemissionen und damit für den Klimawandel verantwortlich sind. Vergessen sind die Meldungen, wie ebendiese Vierkreise-Automarke die Politik und die Konsumentinnen und Konsumenten mit manipulierten Abgaswerten betrogen hatte.

Wie treffend sind die Schlagzeilen, wenn es heißt, dass Abertausende zur Streif „gepilgert“ sind! Pilgern hat mit heiligen Stätten zu tun. Die Hunger Games in Kitzbühel sind zur Ersatzreligion geworden. Das Goldene Kalb ist zur goldenen Gams mutiert.

In der Roman-Trilogie der „Tribute von Panem“ – der Filme sind es vier – gibt es als zentrale Erlöserfigur Katniss Everdeen. Sie verkörpert die Hoffnung. Sie ist nicht mehr bereit, in diesem Spiel mitzumachen. „Denke daran, wer den Feind ist …!“, wird sie in einer Schlüsselszene gefragt. Dann richtet sie nicht mehr ihren Pfeil gegen Menschen, sondern gegen das System. Katniss Everdeen aus dem Elends-Distrikt 12 ist inkarnierte Hoffnung, die dann dazu führt, dass sich sozial Schwache nicht mehr gegen andere Schwache ausspielen lassen, wie dies gegenwärtig in widerwärtigster Form hierzulande geschieht. Noch leben wir in einem Klima, wo Arbeitslose bzw. Arbeitsunfähige als faule Langschläfer gegen fleißige „Frühaufsteher“ ausgespielt werden, wo Asylsuchende pauschal unter kriminellen Generalverdacht gestellt werden. Das System Panem funktioniert nach dem kapitalistischen Grundsatz „survival oft the fittest“. Mit Blick auf die hiesigen Spiele und das Rundherum und all das, was damit vernetzt ist, muss gefragt werden. „Gibt es Hoffnung…?“

„Mein Hoffnung liegt einzig im Handeln begründet“, meinte Greta Thunberg, die so viel gemeinsam hat mit der Romanfigur Katniss Everdeen. Hoffnung liegt darin, dass nicht mehr die Reichen und Satten „Opfer“ („Tribute“) verursachen und erbringen lassen. Die Erlöserfigur Katniss ist selbst bereit, sich immer wieder für andere zu „opfern“. Das kann ein freiwilliger Verzicht auf eine vordergründige Bequemlichkeit sein: Das Auto stehen zu lassen und selbst im Winter das Fahrrad benützen. Die Anfahrt zum Skivergnügen kann auch mit einem Skibus erfolgen, selbst wenn es heißt, dafür etwas länger zu warten. Es geht um die scheinbar „kleinen Dinge“ im alltäglichen Leben: Sich für Produkte mit einem kleineren ökologischen Rucksack zu entscheiden, auch wenn sie teurer sind. Sich beim nächsten Einkauf überlegen: Brauche ich das wirklich oder ist eine Spende für eine Hilfsorganisation wie die Caritas nicht sinnvoller? Nicht um sich selbst zu kreisen, sondern zu fragen: Was braucht der oder die andere neben mir? Solche Fragen öffnen Perspektiven und Handlungsstrategien, die befreiend für alle werden können. Man ist nicht mehr Spielfigur in den Hunger Games, sondern wird zum Akteur oder zur Akteurin gegen ein System, das Jean Ziegler zu Recht als „Raubtierkapitalismus“ bezeichnet hat.

Klaus Heidegger, 26.1.2019

Kommentare

  1. Danke, Klaus, dein Text gefällt mir sehr gut. Diese Gedanken gehen mir auch oft durch den Kopf, und nicht nur in Bezug auf das aktuelle Ereignis. Gerade auch dieses „pilgern“ bringt mich immer wieder auf die Palme!
    Einen lieben Gruß, Maria.

  2. Danke, Herr Prof. Heidegger, der Text gefällt mir sehr gut. Dieses „pilgern“ finde ich auch nicht gut, man könnte sicherlich dagegen was unternehmen.
    Mit freundlichen Grüßen, Lieb Joel

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