Ethik und Religion, Religion oder Ethik?

Welches Modell? Einführung eines verpflichtenden alternativen Ethikunterrichts an Österreichs Schulen oder ein verpflichtender gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht

 Politische Festlegung zum verpflichtenden Ethikunterricht

Anfang Jänner 2019 hat Bildungsminister Faßmann in mehreren Interviews mit Medien[1] das Vorhaben bekräftigt, einen verpflichtenden Ethikunterricht an Österreichs Schulen einführen zu wollen. Es sei die „Intention seines Hauses“, dass das Fach Ethik aus dem Schulversuch herausgeholt und als „systemisches Fach platziert“ werde. In den Interviews wurde sichtbar, dass ministeriell bereits an konkreten Vorstellungen gearbeitet wird.

 

Zeitpunkt der Einführung:

Ursprünglich meinte Faßmann, dass noch im Schuljahr 2018/19 an der AHS-Oberstufe mit einem Ethikunterricht begonnen werden sollte. Später wurde präzisiert, dass der verpflichtende Unterricht erst mit dem Schuljahr 2020/21 gestartet werde, beginnend mit der AHS-Oberstufe, den BMHS und den Berufsbildenden Schulen. „Von dort sollte es über die Sekundarstufe 1 schrittweise hinuntergehen, letztlich bis in die Volksschule.“

Verpflichtender und alternativer Ethikunterricht:

Die Verpflichtung für diesen Unterricht sollte für alle Schülerinnen und Schüler gelten, die nicht an einem Religionsunterricht teilnehmen, insbesondere also für jene, die keine Religionszugehörigkeit haben. Mit diesem Modell legte sich Faßmann also auf die auch von den Religionsgemeinschaften favorisierte zweigleisige Linie fest: Beibehalten des konfessionellen Religionsunterrichtes als Pflichtfach für Religionsangehöre mit Abmeldemöglichkeit wie bisher, zugleich als Alternative dazu einen verpflichtenden Ethikunterricht für all jene, die keinen Religionsunterricht besuchen.

 

Ausbildung:

Der Bildungsminister sprach auch über die Lehrerinnen und Lehrer, die diesen Unterricht halten sollten: „In erster Linie Religionslehrer mit einer Zusatzausbildung, es könnten aber auch andere Lehrer mit einer Zusatzausbildung unterrichten, etwa ein Geografielehrer, der insbesondere Aspekte wie ‚gerechte Welt‘ und ‚globale Verantwortung‘ einbringen würde.

Umsetzung:

Minister Faßmann glaubt nicht, dass es innerhalb seiner Partei oder von Seiten des Koalitionspartners Widerstand gegen eine Realisierung des Ethikunterrichtes geben könnte. Seine Begründung: Ethikunterricht sei ein Schlüssel für die Herausforderungen, die es in der Schule gebe, wie Gewalt an den Schulen oder Integration.

Finanzierung:

Budgetär ließe sich ein Ethikunterricht zunächst aus den vorhandenen Mitteln speisen, erst eine Ausweitung auf die Sekundarstufe I und darunter würde den Finanzaufwand erhöhen.

 

Regierungsübereinkommen:

Bereits im Jänner 2018 wurde im Regierungsübereinkommen von ÖVP/FPÖ die Einführung eines Pflichtfaches Ethik festgeschrieben. So spricht das „Regierungsprogramm 2017-2022“ von der Beibehaltung des konfessionellen Religionsunterrichts und einem „verpflichtenden Ethikunterricht für alle, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen“. Minister Faßmann hatte zunächst aus budgetären Gründen dieses Vorhaben aufgeschoben.

Ausgangslage der entscheidenden Instanzen

  • Bildungsministerium

Schon im Sommer 2012 hatte die damalige Bundesministerin Claudia Schmied angekündigt, Konzepte für einen Ethikunterricht an Schulen vorzulegen. Einerseits – so Schmied – sollte an der bestehenden Regelung des Religionsunterrichtes nichts verändert werden, andererseits peilte das Ministerium im Einklang mit den Schulbehörden die Installierung des Pflichtfaches Ethik an. Der parteipolitische Wechsel des Ministeriums von Rot zu Schwarz hat also in dieser Frage kaum Änderungen mit sich gebracht. Die Ministeriumslinie bleibt auf dem eingeschlagenen Weg in Richtung eines alternativen Ethikunterrichtes.

 

  • Religionsgemeinschaften

Zu den zentralen Playern in dieser Diskussion zählen die Vertretungen der Religionsgemeinschaften. Für die katholische Kirche sind dies die Bischofskonferenz bzw. die katholischen Schulämter. Auch sie stehen einem Ethikunterricht prinzipiell positiv gegenüber, weil dadurch – so die zentrale Argumentation – der konfessionelle Religionsunterricht seine Absicherung hätte. Schülerinnen und Schüler könnten nicht mehr zwischen einer Freistunde und der Teilnahme am konfessionellen Religionsunterricht wählen, wenn es einen eigenen Ethikunterricht gibt. Die Chance für eine Freistunde statt Religionsunterricht sei eine große Konkurrenz für den Religionsunterricht. Alternative Modelle eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichts, der das Modell eines konfessionellen Religionsunterrichtes aufheben würde, werden von Seiten der katholischen Schulämter deutlich abgelehnt.

 

  • Universitäre Ebene

Auf wissenschaftlicher Ebene gibt es keine einheitliche Linie.

Der Religionspädagoge Anton Bucher von der Universität Salzburg vertritt seit vielen Jahren die Linie eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Solange ein solcher nicht möglich ist, plädiert er für das Pflichtfach Ethikunterricht.

An den theologischen Fakultäten Graz und Innsbruck gibt es zumindest ein vorsichtiges Aufbrechen eines rein konfessionellen Religionsunterrichtes in Richtung von Modellen interreligiösen Arbeitens.

Ausdrücklich begrüßt wird die von Bildungsminister Heinz Faßmann geplante Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichts für Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen, von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien:[2] „Wir sehen darin eine Stärkung von qualitätsvollem Unterricht, wie er schon bisher im Religionsunterricht erfolgte“, betonte der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof. Johann Pock, am Mittwoch gegenüber „Kathpress“. Außerdem stelle die Einführung des alternativen Ethikunterrichts „eine wichtige Reaktion auf die veränderte, pluralere religiöse Situation dar, die auch noch neue und andere Formen des Unterrichts verlangen wird“, so der Dekan. Die Katholische Fakultät der Universität bietet schon derzeit ein Masterstudium für Ethiklehrerinnen und Ethiklehrer an.

  • NEOS

Von Beginn an engagierten sich auch die NEOS in Bezug auf die Frage des Ethik- bzw. Religionsunterrichtes. Die Gründungsphase war noch stark geprägt von der Linie, den konfessionellen Religionsunterricht abschaffen zu wollen – auch unter der Forderung einer strikten Trennung von Religion und Staat. Nun steht auf dem Forderungsprogramm ein „verpflichtendes Fach Ethik und Religionen an allen Schulen“.[3] Der konfessionelle Unterricht sollte daneben noch freiwillig besucht werden können, allerdings stark auch vom Staat her kontrolliert werden. Wichtig sei es jedenfalls, den Klassenraum nicht in Religionen zu zerteilen, sondern dort ein gemeinsames Lernen zu ermöglichen, das die Integration fördert und nicht nochmals auch auf schulischer Ebene das Trennende verstärkt.

 

Religionssoziologische Notwendigkeit einer Änderung

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Personen ohne Religionsbekenntnis ständig gestiegen, von vier Prozent im Jahr 1951 auf 17 Prozent 2017. Außerdem können auch Angehörige einer Religionsgemeinschaft vom Religionsunterricht abgemeldet werden – zunächst durch die Eltern, ab 14 Jahren können dies Schüler selbstständig auch ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten. Bekenntnislose und von Religion abgemeldete Schüler haben derzeit ohne Schulversuch eine Freistunde. An Schulen mit Schulversuch müssen sie dagegen verpflichtend am Ethikunterricht teilnehmen, was die Abmeldung vom Religionsunterricht tendenziell unattraktiver macht. Eine freiwillige Teilnahme von Bekenntnislosen am Religionsunterricht als Freigegenstand war bisher möglich. Würde es einen verpflichtenden Ethikunterricht geben, so wären diese fast automatisch diesem zugeteilt. Die Alternative, an einem regulären Religionsunterricht teilzunehmen, würde entfallen.

Entweder Ethikunterricht oder Religionsunterricht?

Was würde aber ein verpflichtender Ethikunterricht bedeuten? Hier sind zwei Varianten denkbar. Erstens ein Ethikunterricht als Alternativgegenstand für jene, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen oder ein Ethikunterricht als Pflichtgegenstand für alle, bei dem der Religionsunterricht zusätzlich noch für die konfessionellen Schülerinnen und Schüler angeboten wird, der freiwillig gewählt wird.

 

Das Bildungsministerium hat sich mit Minister Faßmann auf das Modell verpflichtender „Alternativgegenstand“ festgelegt und damit auch jenes Modell, das von den Religionsgemeinschaften favorisiert wird, weil dadurch die Wahlmöglichkeit „Religion oder Ethik“ besteht.

Was bedeutet es, wenn quasi Religion oder Ethik als Entscheidungsalternative vorgelegt wird? Welches Bild von Religion und welches Bild von Ethik wird einem Schüler oder einer Schülerin vermittelt, wenn er oder sie zu Beginn eines Unterrichtsjahres vor die Wahl gestellt wird – und praktisch wird es so ablaufen – Ethik oder Religion? Eine entsprechende Schülerentscheidung muss dann sehr schnell stattfinden. Nichtkonfessionelle Schülerinnen und Schüler bzw. solche, deren konfessioneller Unterricht mangels Teilnehmerzahl nicht stattfindet, würden dann fast automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt. Auf jeden Fall wird durch die Schulanfangsfrage „Religion oder Ethik?“ implizit ein sehr verhängnisvolles und falsches Entweder-Oder vermittelt.

 

Ethik ohne Religion? Ethik statt Religion?

Die Headline in einem Zeitungsartikel verrät schon die beiden fundamentalen Kernfragen. A) Dürfen Ethik und Religion tatsächlich getrennt werden? B) Welche Ethik ist gemeint?

Sebastian Kurz und HC Strache argumentieren ethisch, wenn sie von geschlossenen Grenzen reden. Sie meinen etwas Gutes zu tun für die heimische Bevölkerung. Sie geben vor, das Volk mit ihrer Abschottungsstrategie zu schützen. Man wirft der Caritas „Profitgier“ vor und beschuldigt Arbeitslose, wie unethisch ihr Verhalten sei, wenn sie in der Früh nicht bereit sind aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Die strengen Asylgesetze werden ethisch argumentiert. Jede Religion mahnt dagegen die besondere Sorge für Flüchtlinge ein. Politiker und Wirtschaftstreibende, die auf Wachstumsstrategien setzen, argumentieren ethisch, sie würden Arbeitsplätze sichern, sie würden Steuern bringen usw. Der geplant-künftige Spitzenkandidat der ÖVP-Wien will die Sonntagsöffnung und argumentiert ethisch, dass dies gut für die Wirtschaft sei und der Freiheit der Konsumentinnen und Konsumenten gerecht werde. Die Kirchen argumentieren ethisch, wenn sie für die Sonntagsruhe eintreten. Jede Religion baut auf der Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung auf.

In solchen Fragen wird sichtbar, dass es zum einen keine „wertfreie Ethik“ gibt. Ethisches Handeln wird im Konkreten immer abhängig sein von den eigenen Wertvorstellungen. Auch wenn sich ethische Forderungen mit religiösen Geboten decken, fehlt ihnen zudem etwas Wesentliches, was die Religionen einer „reinen“ Ethik voraushaben. Religiöse Verpflichtungen binden Menschen unbedingt. Die Bindung an Göttliches verpflichtet, wie es abstrakte ethische Normen nie tun können. Drittens schließlich liegt der Mehrwert in einer religiös basierenden Ethik darin, dass das immer bereits vorausgehende Geschenk der Gottesbegegnung ein ungezwungenes ethisches Handeln ermöglicht, das auch gewaltfreie Gelassenheit zulässt. Diese Bindung der Ethik an Religion bzw. eine religiöse Ethik hat gerade in der Zeit postmoderner Beliebigkeiten jenes Potenzial, das der Verelendung, dem Hunger, der Zerstörung der Umwelt, den Kriegen und der Aufrüstung die Stirn bietet.

Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religiösen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist sehr groß.

Religion ohne Ethik?

Genauso freilich wäre es nicht richtig, wenn durch die freie Wahl „Religion oder Ethik“ zumindest indirekt der Eindruck entstünde, als könnte Religion ohne Ethik auskommen oder als würden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Bildungsminister Faßmann zählte als mögliche Inhalte eine Ethikunterrichtes u.a. auf: „Es geht um grundsätzliche Fragen: ‚Warum soll ich niemandem Gewalt antun?‘ ,Wie handle ich richtig?‘, ‚Was ist eigentlich Glück?‘, ‚Wie wichtig ist mir Freundschaft?‘, ‚Wie kann man Konflikte lösen?‘, ‚Müsste man Ego-Shooter-Computerspiele verbieten?‘, oder auch ‚Was hat mein Kleidungskauf mit Menschenrechten zu tun?‘.“[4] Religiöses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht über Jesus reden, ohne auch über Politik ins Gespräch zu kommen. „Ein Blick in die Bibel zeigt: Auch Jesus ist hochpolitisch.“[5] So formulierte es der Vorarlberger Bischof Benno Elbs, als er die Caritas gegen die FPÖ-Kritik in Schutz nahm.

Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religiösen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik wäre das, was der Pius-Bruderschaft mit ihrer voraufklärerischen Fundamentalmoral vorschwebt. Ein Religionsunterricht ohne Ethik wäre blutentleert – genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.

Ethik in allen Schulfächern

Ethische Themen sind im Schulalltag aus den anderen Fächern nicht wegzudenken. Wenn im Fach Geographie und Wirtschaftskunde die Fragen der weltweiten Gerechtigkeit, die Ursachen des Hungers, der Klimawandel etc. erwogen werden oder wenn im Fach Biologie über Tierschutz, Artensterben etc. diskutiert wird, kommt immer auch Ethik vor. Was wäre ein Deutsch- oder Englischunterricht ohne Ethik? Was wäre Geschichte und Politische Bildung ohne Ethik? Oder gar Philosophie und Psychologie? Manchmal argumentieren die Befürworter eines alternativen Ethikunterrichts so, als gäbe es keine Ethik an den Schulen, dabei erlebe ich unter meinen Kollegen und Kolleginnen, dass im gesamten Fächerkanon ethische Grundfragen und Themenstellungen stets eine prägende Rolle spielen. Anders ausgedrückt: Ethik ist zunächst mehr Unterrichtsprinzip als Unterrichtsgegenstand.

Ethikunterricht würde konfessionellen Religionsunterricht verdrängen

Bildungsminister Faßmann will einen alternativen Ethikunterricht und zugleich den konfessionellen Religionsunterricht. Praktisch gesehen würde dies jedoch zu einer schrittweisen Verdrängung des konfessionellen Religionsunterrichtes führen.

Ein Blick in die Schulklassen zeigt die Heterogenität. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Religionsbekenntnis hat zugenommen. Auch die jüngste Statistik über Kirchenaustritte ist ein Indikator, dass die Selbstverständlichkeit einer religiösen Zugehörigkeit nicht mehr gegeben ist. Schülerinnen und Schüler ohne Religionsbekenntnis würden, auch wenn sie es nicht müssten, fast automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt werden. Das wäre in inhaltlich-pädagogischer Sicht ein großer Verlust. Gerade Schülerinnen und Schüler, die nicht religiös aufgewachsen sind, haben oft ein großes Interesse an den Religionen und bringen – so meine eigene Erfahrung als Religionslehrer – mit ihren kritischen Fragen den Unterricht viel weiter. Es ist schön, einen Raum und Zeit in der Schule zu finden, wo Schülerinnen und Schüler voneinander und miteinander die religiös-ethischen Fragestellungen erarbeiten können und von ihren Erfahrungen ausgehen können. Das betrifft auch die zunehmende Buntheit der religiösen Zugehörigkeiten in einer Schulklasse. Sie wird durch das Konfessionalitätsprinzip vielfach segmentiert. Ein gemeinsames interreligiöses Lernen wird verhindert.

Aus administrativer Sicht lässt sich ein Ethikunterricht leichter organisieren. Dann wird dieser zweistündig optimal platziert am Vormittag sein können, während der konfessionelle Unterricht einstündig am Nachmittag eingeteilt werden würde, was nochmals die Abmeldequote verstärken würde. Auch auf inhaltlicher Ebene würde so mancher Schulleiter oder so manche Schulleiterin zumindest unausgesprochen einen Ethikunterricht einem Religionsunterricht vorziehen, wenn es beispielsweise in der Schule Integrationsprobleme gibt. So wird ausdrücklich von Ministeriumsseite die Botschaft vermittelt: „Die Hoffnung ist: Der Ethikunterricht könnte attraktiver sein als der Religionsunterricht und daher freiwillig von mehr Schülern frequentiert werden als bisher.“[6] Dort nämlich, so die Argumentation, würden manche zentralen Anliegen wie „Gewalt und Konfliktlösung“ zu wenig berücksichtigt.

Interreligiöser Religionen- und Ethikunterricht als zeitgemäße Antwort

Was wir bräuchten, ist eine Neudefinition des herkömmlichen konfessionell geprägten Religionsunterrichtes ohne die Falle entweder Religion oder Ethik. In unserer multireligiösen Welt muss eine strukturelle Debatte um den Religionsunterricht stattfinden. Die Schulklassen sind konfessionell schon längst nicht mehr homogen. Dies bringt zum einen schulorganisatorisch große Probleme mit sich. Eine Klasse wird x-fach segmentiert in solche, die keiner Religionsgemeinschaft angehören – in Hinkunft würden sie genauso wie die vom Religionsunterricht Abgemeldeten wohl automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt – und solche, die sich in zunehmend kleiner werdenden konfessionellen Unterrichtsgruppen aufteilen. Diese Segmentierung einer Klasse geschieht gerade dort, wo es den Erfahrungsreichtum eines gemeinsamen interreligiösen und kulturellen Lernens bräuchte.

 

Es gäbe die Alternative eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Er würde nicht das Image einer Konfessionskunde haben, was auch der Religionsunterricht schon längst nicht mehr ist. Er würde gemeinsames interreligiöses und ethisches Lernen in den Schulklassen ermöglichen und erfüllte damit die notwendige Funktion von Inklusion und Integration. Er würde nicht die Themen Ethik und Religionen trennen, weil beide Bereiche wesentlich zusammen gedacht werden müssen. Er würde auch von den Religionspädagoginnen und -pädagogen oder Philosophielehrerinnen und -lehren unterrichtet werden können, die eine mehrjährige theologisch-philosophisch-ethische universitäre Ausbildung erhalten haben, was jedenfalls wesentlich mehr ist als die Zusatzausbildungen, die für künftige Ethiklehrerinnen und -lehrer angeboten werden sollen.

Der gemeinsame Religionen- und Ethikunterricht hätte keinerlei konfessionalistische Engführung und würde daher der Religionsfreiheit nicht widersprechen, da in ihm keine Indoktrination in ein bestimmtes Glaubenssystem stattfindet, sondern ein allgemeinbildendes Miteinanderlernen von religiös-ethisch-philosophischen Grundfragen. Eine Klasse würde nicht geteilt in vermeintlich religiöse und vermeintlich unreligiöse Schülerinnen und Schüler, sondern alle könnten miteinander lernen. Damit würden auch jene vielen Fragen aufgegriffen werden, die gegenwärtig so brennend sind: Wie geschieht Integration gerade unter dem Vorzeichen von religiöser Pluralität? Praktisch gesehen gäbe es auch ein Zweistundenfach. Würde es eine Wahl zwischen einem zugleich vielfach in Konfessionen und Religionsgemeinschaften aufgesplitterten Religionsunterricht und einem Ethikunterricht geben, so wäre es wahrscheinlich in beiden Fällen nur mehr ein Einstundenfach, was pädagogisch zweifelhaft ist.

Die Zukunft gehört einem gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht, den alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend besuchen. Aufgrund ihrer theologisch-ethischen sowie pädagogischen Ausbildung und auch ihrer Verankerung in den Religionen sind die bisherigen Lehrkräfte in Religion dafür geeignete und kompetente Pädagoginnen und Pädagogen. Längst schon sind die Lehrpläne des Religionsunterrichtes und die bildungspolitischen Vorgaben so gestaltet, dass es in einem konfessionellen Religionsunterricht nicht um Konfessionskunde geht, sondern um ein Miteinanderlernen an den ethischen Herausforderungen, für die gerade die Religionen wertvolle Lösungsangebote bieten. Die aktuellen Statistiken des Kirchenaustritts sind ein Indikator dafür, dass immer weniger Kinder und Jugendliche mit einem selbstverständlichen Wissen über die Religionen aufwachsen. Mangelndes Wissen über Religionen führt zu Vorurteilen. Es ist auch das Recht der Schülerinnen und Schüler ohne Religionsbekenntnis, dass sie sich mit den zentralen Inhalten der Religionen auseinander setzen können.

 

Konfessioneller Unterricht als ergänzender freiwilliger Unterricht

Jeder Schüler und jede Schülerin sollte zusätzlich noch das konfessionell geprägte Fach Religion wählen können, sollte dies angeboten werden können. Das hieße beispielsweise für einen katholischen Schüler, dass er neben seinem verpflichtenden Religionen- und Ethikunterricht noch eine zusätzliche Wochenstunde Religion in seiner Konfession besuchen könnte. Aus diesen konfessionellen Religionsunterrichtsfächern würde spezifische Impulse in den gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht fließen können.

(28.1.2019)

Klaus Heidegger, Religionslehrer am Privat. Oberstufenrealgymnasium Volders

 

[1] Z.B.: Tiroler Tageszeitung, 10. 1. 2019, Kurier, 14.1.2019, ORF-Hohes Haus vom 20.1.2019.

[2] Informationen entnommen: Kathpress, 17.1.2019.

[3] Vgl. dazu ausführlich in: Kleine Zeitung vom 20.1.2019.

[4] Zit. in: Kurier, 14.1.2019.

[5] Tiroler Tageszeitung, 12.1.2019.

[6] Zit. in: Kurier, 14.1.2018