Den Versuchungen widerstehen – Evangelium zum ersten Fastensonntag

Formalgeschichtliche Einordnung

Am ersten Fastensonntag hören wir in den katholischen Kirchen jene Stelle aus dem Evangelium, die bleibende Wahrheiten auf geniale Art verdichtet. Wir finden die Stelle bei Matthäus (4, 1-11) und in fast identischer Form bei Lukas (4,1-13), was schon für eine frühe Überlieferung aus der Logienquelle Q schließen lässt. In einer kürzeren Form erwähnt aber auch das Markusevangelium (1,12f) die Versuchung Jesu in der Wüste. Diese Geschichte steht somit bei den Synoptikern als Schlüsselstelle am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu unmittelbar nach der Taufe am Jordan. Jesus erweist sich fähig, dem Teufel zu widersagen.

Lenkung durch die Geistkraft Gottes

Im Lukasevangelium heißt es: „Erfüllt vom Heiligen Geist kehrte Jesus vom Jordan zurück.“ (Lk 4,1) Bei Matthäus fast ident: „Danach wurde Jesus von der Geistkraft in die Wüste hinauf gebracht, um vom Teufel zur Verleugnung Gottes verführt zu werden.“ (Mt 4,1) Am Anfang dieser Perikope ist also die Rede vom Geist Gottes beziehungsweise von der Geistkraft (pneuma), wie es in der feministischen Bibelübersetzung genau übersetzt wird. Sie führt Jesus in die Wüste. Beim Evangelium nach Markus heißt es noch dramatischer, dass der Geist Jesus in die Wüste „treibt“. Jesus lässt sich ein auf die Geistkraft Gottes und nimmt sie als Richtschnur für sein Handeln. Dies ist zugleich ein gefährlicher Weg, weil dadurch die Begegnung mit dem Teuflischen geschieht.

Wüste

Jesus wird in die „Wüste“ geschickt. In Zeiten der Krise, dann, wenn Menschen in Schwierigkeiten sind, gerade dann tritt oft auch der Versucher auf und verführerische Optionen ergeben sich. Die Wüste ist Ort der Versuchung, der Entbehrung, des Entsagens – und immer aber auch Ort der Begegnung mit dem Göttlichen, das den Menschen in der „Wüste“ nicht alleine lässt. Das hat das Volk Israel beim Exodus erfahren können. In der Wüste führt JHWH sein Volk, indem JHWH dem Volk durch die Wolkensäule vorausgeht und Orientierung gibt, das Manna schickt, damit es nicht verhungert, und schließlich ist es der Ort der Gottesbegegnung am Sinai, wo dem Volk die Gebote Gottes geschenkt werden.

40

Jesus bleibt 40 Tage. Dies ist eine heilige Zeit. Sie bedeutet die Fülle der Zeit. 40 markiert in der Bibel immer wieder eine wichtige Zeitspanne. 40 Tage dauerte die Sintflut. 40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai, wo er das Gesetz erhielt. 40 Jahre zog das Volk Israel durch die Wüste. 40 Tage war Elija am Gottesberg Horeb, um die Stimme Gottes zu vernehmen. 40 Tage rief der Prophet Jona die Stadt Ninive zur Umkehr auf. 40 Tage erschien Jesus nach Tod und Auferstehung den Jüngern und Jüngerinnen. 40 also, eine lange Zeit, Zeit der Fülle. Sich auf Gott einlassen, braucht Zeit. Sich zu läutern, braucht Zeiten der Einübung. Es ist wie ein Training.

Der Teufel

Er tritt als der große Versucher auf. Der Teufel ist eine Gestalt, die von außen an den Menschen herantritt, also eine äußerliche Macht. In der Versuchungsperikope wird er zuerst als „diabolos“, also als Kraft bezeichnet, die ein Chaos erzeugt, die durcheinander würfelt und eine göttliche Ordnung zerstören möchte. Dann redet ihn Jesus mit dem hebräischen Begriff „Satan“ an, was mit „Widersacher“ oder „Feind“ übersetzt werden könnte. Die gefährliche Qualität des Teufels liegt in seinem vermeintlich logischen Auftreten. Der Teufel argumentiert ethisch. „Es ist doch gut, wenn die Menschen zu essen haben …“ Die rhetorische Verführung des Teufels liegt auch in dem ständig sich wiederholenden „Wenn-dann“-Muster. Wir kennen dieses zur Genüge aus dem Alltag. Schon Kinder lernen es: Wenn du brav bist, dann … In vielen Beziehungen ist es zum verhängnisvollen Muster geworden: Wenn du das tust, dann … Es ist nicht das göttliche Prinzip der unbedingten Liebe.

Nicht Zauberei, sondern Teilen

Die erste Versuchung besteht darin, „aus Steinen Brot machen zu können“. Jesus und die Jesusbewegung demonstrieren, wie es anders geht: Nicht durch einen äußeren Machterweis und nicht durch Zauberei werden die hungrigen Menschen satt, sondern indem sie zu teilen beginnen. Das ist das wirkliche Wunder der Brotvermehrung. Jesus verwandelt nicht die Steine zu Brot, sondern verwandelt die steinernen Herzen der Menschen, die ihre Schätze mit anderen teilen.

Nicht Habgier, sondern Bescheidenheit

Die zweite Versuchung lautet, „Herr über alle Königreiche zu sein“. Jesus selbst und die ersten Jüngergemeinden erfuhren eine Welt, die in vieler Hinsicht der Macht des Teufels ausgeliefert war: Die grausame Herrschaft der Römer in den von ihnen besetzten Gebieten, Krieg, Folter, Versklavung, Ausbeutung … dies war die Tagesordnung im Palästina des 1. Jahrhunderts. Da wäre es nur verständlich gewesen, sich auf die Logik der Mächtigen einzulassen, einfach eine Umkehrung der Herr-Knecht-Verhältnisse zu fordern.

Nicht Hochmut, sondern Demut

Die dritte Versuchung lautet, „sich von der Zinne des Tempels zu stürzen und sich von den Engeln tragen zu lassen“. Jesus und seine Jünger und Jüngerinnen lebten in ständiger Gefahr, von den Mächtigen gefoltert oder getötet zu werden. Die Versuchung, unverwundbar zu werden, könnte auch die Versuchung sein, sich auf eine bequeme, anpasslerische, bürgerliche Existenz zurückzuziehen, indem man sich mit den herrschenden Verhältnissen arrangiert.

Den mimetischen Zirkel von Gewalt-Gegengewalt durchbrechen

Die Versuchung war beträchtlich, dass auch die Jesusbewegung, ähnlich der zelotischen Bewegung, den gewaltsamen Aufstand wählt. Sikarier und Zeloten waren bis zur Verhaftung Jesu unter den Jüngern. Jesus lebt aber etwas Anderes vor: Die gewaltfreie Revolution von unten: nicht ein diktatorisches System, nicht gewaltsame Revolution, sondern Veränderung von unten her in der Logik der Gewaltfreiheit.

Teuflische versus göttliche Logik in der Ziel-Mittel-Dialektik

In der teuflischen Grundlogik heißt es, dass der Zweck die Mittel heiligt. Mit den Mitteln des Bösen könne das Gute erreicht werden. Man will sich vor möglichen Straftaten absichern und führt Regelungen zu einer menschenrechtswidrigen Sicherungshaft ein. Die jesuanische Logik lautet hingegen: Die Mittel sollen schon den Zielen entsprechen. Auf heute angewandt könnte dies heißen: Ein Staat kann nicht mit Grenzzäunen das Menschliche erreichen. Ein Staat kann nicht mit Bomben den Frieden erzwingen. Ein Staat kann nicht mit Atomwaffen Feinde abschrecken. Ein Staat kann keinen „sauberen“ Strom aus Atomkraftwerken erzeugen. Ich kann nicht mit Lüge Vertrauen schaffen. Im Heute liegt schon das Morgen und das Reich Gottes ist angekommen.

Klaus Heidegger

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