„Ehe für gleichgeschlechtlich Liebende“ theologisch interpretiert

Begrifflichkeiten

Mit 1. Jänner 2019 ist in Österreich zivilrechtlich die „Ehe für alle“ gesetzlich möglich gemacht worden. Eine Ehe von heterosexuellen Paaren wird damit einer Ehe von schwulen und lesbischen Paaren gleichgesetzt. Die „Ehe für gleichgeschlechtlich Liebende“ kann  nun standesamtlich geschlossen werde. Der Begriff „Ehe für gleichgeschlechtlich Liebende“ drückt jedenfalls besser aus, worum es mit „Ehe für alle“ geht.

Gleichbehandlung

Legaler Ausgangspunkt für die rechtliche Gleichstellung von Hetero- und Homopartnerschaften war das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes (VfGH) vom 4.12.2017. Dort wurde judiziert, dass eine Unterscheidung zwischen Ehe und Eingetragener Partnerschaft das Diskriminierungsverbot verletze. Während Heteropaare eine Ehe eingehen dürfen, sah die bisherige Regelung für Homopaare lediglich seit 2010 die Eingetragene Partnerschaft vor. Umgekehrt gab es diese Möglichkeit aber nicht für verschiedengeschlechtliche Paare. Mit Beginn des Jahres 2019 wurden in Österreich nun gleichgeschlechtliche Paare den verschiedengeschlechtlichen Paaren in der Frage der Eheschließung bzw. Verpartnerung gleichgestellt. Gleichzeitig steht die Eingetragene Partnerschaft auch verschiedengeschlechlichen Paaren offen.

Der VfGH begründete sein Urteil damit, dass zwei unterschiedliche Rechtsinstitute – Ehe für Heteropaare und eingetragene Partnerschaft für Homosexuelle – letztlich fortschreiben, dass homosexuelle Paare zum Unterschied von Heteropaaren weniger wert seien und damit diskriminiert würden.

Ehe für alle als Sakrament

Aus einem theologischen Blickwinkel kann begründet werden, warum die römisch-katholische Kirche nicht nur die zivilrechtliche Einführung der Ehe für alle in Österreich positiv annehmen sollte, sondern selbst auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften als Ehen in einem christlichen Sinne werten und ihnen damit auch kirchliche Trauungen ermöglichen müsste. Mir ist bewusst, dass eine solche Positionierung bislang innerkatholisch kaum diskutiert worden ist. Im besten Falle wurden Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare angedacht. In offiziellen kirchlichen Äußerungen finden sich weiterhin die traditionellen Positionen, die eine Ehe exklusiv als Beziehung zwischen Mann und Frau definieren, die noch dazu auf die Zeugung von Nachkommenschaft angelegt sei.

Politische Positionierungen

Von Beginn an machte sich die türkis-blaue Regierung nur ungern an die Aufgabe, die Rahmenbedingungen zur „Ehe für alle“ zu klären. Besonders pointiert stellten sich FPÖ-Funktionäre gegen die Vorgaben des VfGH. Aber auch innerhalb der ÖVP gibt es Positionen, die der „Ehe für alle“ kritisch bzw. ablehnend gegenüberstehen. So meinte beispielsweise Gudrun Kugler, Menschenrechtssprecherin der ÖVP, dass christliche Standesbeamte selbst eine Eingetragene Partnerschaft aus Glaubensgründen ablehnen dürften.

Kritische Stimmen von Vertretern katholischer Organisationen

Als Justizminister Moser Ende des Jahres 2018 ankündigte, die Vorgaben des VfGH umsetzen zu lassen, führte dies zur Kritik einiger Organisationen aus der katholischen Kirche. Die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV), die wesentlich von den Kartellverbindungen geprägt wird, schrieb in einer Stellungnahme, dass es genügen würde, die Eingetragene Partnerschaft für alle Paare zu ermöglichen.[1] Die Ehe allerdings, so die AKV, sei untrennbar damit verknüpft, eine Verbindung von Mann und Frau zu sein, die weiters offen für den Kindernachwuchs sei. Eine fast gleichlautende Argumentation wählte der Präsident des Katholischen Familienverbandes (KFÖ), Alfred Trendl. Zusätzlich, so warnte der KFÖ, könnte durch die „Ehe für alle“ die Leihmutterschaft eingeführt werden. Auch der Katholische Laienrat Österreichs äußerte sich bei der Vollversammlung gegen eine „Ehe für alle“.

Zu Beginn des Jahres 2019, als die ersten gleichgeschlechtlichen Ehen geschlossen wurden, sah Kardinal Schönborn zwar einen positiven Aspekt darin, dass aus der Perspektive der Homoehe die Ehe generell eine große Wertigkeit bekomme, was angesichts der Tatsache, dass so vielen ein Zusammenleben ohne Trauschein genügt, besonders bedeutsam sei. Allerdings bekräftigte er einmal mehr sein Nein zu gleichgeschlechtlichen Ehen, weil Eheschließungen nur zwischen Mann und Frau und im Zusammenhang mit Nachkommen gesehen werden dürften. Sein bekanntes Diktum lautet: „Ich persönlich bleibe dabei, dass die Ehe einfach eine dauerhafte Beziehung von einem Mann und einer Frau ist, die offen ist für neues Leben.“[2] Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz verwies dabei auf die prinzipielle Möglichkeit der Fortpflanzung eines Paares. So hätten alle Menschen Eltern. „Das wichtigste ist die Generationenfolge. Es gibt keine Generationen ohne Eltern und ohne Familie und ohne Ehe.“

Im innerkatholischen Diskurs fehlen pointierte Stimmen, die vor allem aus theologischen Gründen es begrüßen würden, wenn gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Darüber gibt es keinen theologischen Diskurs. Dabei müsste gerade die katholische Kirche ein Anliegen haben, sich von dem Image zu befreien, dass sie weiterhin schwulen- bzw. lesbenfeindlich sei. Die Frage lautet daher: Wo sind die anderen Stimmen innerhalb der katholischen Kirche, die angesichts eines jahrhundertealten furchtbaren Unrechts, das Schwule und Lesben erfahren mussten, sehr achtsam sind, wenn es um die gleichen Rechte homosexueller Menschen geht? Als Vorsitzender der Katholischen Aktion der Diözese Innsbruck ist es mir ein Anliegen, gerade auch auf das hinzuhören, was Schwule und Lesben heute im Sinne der Gleichberechtigung erwarten.

Divergierende Einstellungen zur Homosexualität werden sichtbar

Die Frage, wie über „Ehe für gleichgeschlechtlich Liebende“ gedacht und geschrieben wird, hängt untrennbar mit der Einstellung zur Homosexualität zusammen. Dies betrifft insbesondere den innerkatholischen Diskurs. M.a.W.: Gegner einer „Ehe für alle“ sind oftmals geprägt von einer zumindest impliziten Ablehnung der Homosexualität. Wer Homosexualität als abnormal oder gar sündhaft abstempelt, wird auch eine „Ehe für alle“ verurteilen. Andererseits betonen befürwortende Stimmen der „Ehe für alle“ die Gleichwertigkeit von hetero- und homosexuellen Beziehungen und sehen in der Institution einer „Ehe für alle“ den Weg, bestehende Diskriminierungen zu überwinden.

Die zivilrechtliche Einführung der „Ehe für alle“ böte Gelegenheit, eine jahrhundertealte Schuld gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden aufzuarbeiten und sich ganz deutlich von jeglichen Diskriminierungen abzusetzen. Bedauernswert ist, wenn kirchlich-katholische Organisationen die zivilrechtliche Einführung einer „Ehe für alle“ ablehnen bzw. sich dazu negativ äußern. Es wäre gerade aus theologischer Sicht wichtig, andere Dimensionen ins Spiel zu bringen, als sich an dem überholten Diktum festzubeißen, dass nur eine heterosexuelle Partnerschaft verbunden mit der Offenheit für Kinder als Ehe gelten dürfe.

Papst Franziskus

Papst Franziskus hatte im Sommer 2017 nach seiner Irlandreise gemeint: Stille und Schweigen sei in Sachen Homosexualität der falsche Weg, auch wenn es in diesem Bereich innerhalb der katholischen Kirche Polarisierungen gibt. Wörtlich meinte er zu den Eltern, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist: „Aber ich würde nie sagen, dass Stille ein Heilmittel ist. Einen Sohn oder eine Tochter mit homosexuellen Tendenzen zu ignorieren, ist ein Mangel an Väterlichkeit oder Mütterlichkeit. Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter, so wie du bist! Ich bin dein Vater, deine Mutter. Lass uns reden! Und wenn du, Vater und Mutter, nicht dazu fähig bist, frag um Hilfe. Aber immer im Dialog, denn dieser Sohn oder diese Tochter hat das Recht auf eine Familie und nicht aus dieser herausgejagt zu werden. Das ist eine ernste Herausforderung, aber das macht Väterlichkeit und Mütterlichkeit aus.“ Schon etwas früher hatte Papst Franziskus auf die Frage nach einer Positionierung zur Homosexualität gemeint: „Wer bin ich, andere zu verurteilen?“

Es gibt auch vatikanische Dokumente aus Rom, aus denen eine positive Bewertung der Homosexualität abgeleitet werden könnte, wie das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus. Dort steht, dass die erste Option für alle Entscheidungen immer die Liebe sein sollte.

Freilich sorgte Papst Franziskus Ende 2018 selbst für Irritationen, als neuerlich eine kirchliche Instruktion zur Priesterausbildung bekräftigt wurde, die schwulen Männern generell die Zulassung zur Priesterausbildung verweigert. Wenn Schwulsein als „Weihehindernis“ dargestellt wird, gerät Homosexualität unter Generalverdacht, vor allem dann, wenn es noch in Beziehung zu Missbrauchsgeschichten in der katholischen Kirche gebracht wird.

Über Homosexualität und Kirche reden

Martin Lintner, Professor für Moraltheologie in Brixen, hat bereits vor einigen Jahren ein wertvolles Buch mit dem Titel „Den Eros entgiften“ geschrieben. Mit diesem Titel greift er die Kritik von Friedrich Nietzsche auf, der meinte:„Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: – er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster.“ In besonderer Weise ist jener Eros vergiftet worden, der sich auf gleichgeschlechtlich Liebende bezieht. Die römisch-katholische Kirche hat sich bei dieser Giftmischerei in der Geschichte vielfach schuldig gemacht. Auch heute noch mixt so mancher zumindest im Hintergrund seine Giftfläschchen und bedient sich dabei längst überholter Textpassagen aus dem Weltkatechismus, der Instruktion zur Priesterausbildung, mittelalterlicher Beichtspiegel oder einer fundamentalistisch-verengten Bibelinterpretation. Umso mehr braucht es daher ein zeitgemäßes Reden und Handeln der Verantwortlichen der Kirche und eine Praxis in den kirchlichen Gemeinden sowie eine Verkündigung, die geprägt ist von Achtsamkeit gegenüber …

In meinen Anfangsjahren als Lehrer kam es noch häufiger vor, dass Jugendliche andere meist unbedachtals „schwule Sau“ bezeichneten. Ob Erwachsene oder Jugendliche, noch immer fällt es schwer, sich als Schwuler zu outen, denn, so die begründete Befürchtung, dann würde man vielleicht nicht mehr so sehr als Person, als Mitschüler, als Kollege, als Nachbar … gesehen werden, sondern als der Schwule. Jahrhundertelange giftige Homophobien haben sich in die kollektiven Muster eingefressen, sodass Schwulsein immer noch verbunden wird mit einem „Das ist nicht ganz normal“. Wer schwul oder lesbisch ist, muss sich als „anders“ empfinden; er oder sie ist eben nicht, wie es im Englischen für Heteros heißt, „straight“, was gleichbedeutend mit „brav“, „korrekt“ oder „richtig“ ist.

Die Kirchen und biblische Texte sind nicht gegen Homosexualität

Jedes kirchliche Moralbuch wird damit übereinstimmen: Eros und Sexualität dienen den Menschen, um so Liebe und Partnerschaft erfahren zu können. Sie sind gut, wenn sie mit Liebe und Partnerschaft verknüpft werden, sie werden missbraucht, wenn sie egoistischer Triebbefriedigung dienen. In den biblischen Schriften gibt es nur wenige Stellen, die sich überhaupt explizit über Homosexualität äußern. Wo in der Bibel ausdrücklich Homosexualität genannt wird, geht es um homosexuelle Handlungen von Männern, die nicht auf der Basis von Liebe sind, sondern beispielsweise mit Lustknaben und Prostitution zu tun haben. Die Frage lesbischer Beziehungen wird an keiner einzigen Stelle ausdrücklich thematisiert. Zugleich aber – und dafür steht beispielsweise die Beziehung zwischen David und Jonatan – werden gleichgeschlechtlich Liebende nicht verurteilt. Ein kritischer Blick auf die Bibel zeigt somit, dass die Behauptung, in der Bibel würde Homosexualität verurteilt, nicht haltbar ist. In den Schriften des Neuen Testaments finden wir lediglich in den Briefen des Apostels Paulus Hinweise zur Homosexualität, während in den Evangelien dies kein Thema ist. Auch in den paulinischen Texten geht es aber entweder um sexuelle Ausbeutung und Entartungen mit Lustknaben – heute würden wir von Pädophilie sprechen – oder um kulturell bedingte Reinheitssituationen. Das Vorzeichen der paulinischen Schriften lautet in dieser Frage aber wohl: „Der Leib ist ein Tempel Gottes!“ Dies heißt auch: Im Eros und der menschlichen Sexualität können sich göttliche Qualitäten manifestieren.

Die spärlichen biblischen Aussagen über Homosexualität bei Männern dürfen keinesfalls wortwörtlich gedeutet werden, was den biblischen Texten nicht gerecht würde. Gerade bei diesen Stellen ist eine historisch-kritische Exegese notwendig. Wo also von Homosexualität in der Bibel die Rede ist, geht es nicht um Liebesbeziehungen, sondern um das Thema kultureller Reinheit oder um die Frage von Tempelprostitution in nicht-jüdischen Kulturkreisen. Würde beispielsweise die Bibel wortwörtlich genommen werden, so müsste ja mit Bezug auf eine Stelle im Buch Leviticus 20,13 („Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft.“) für Homosexuelle die Todesstrafe vollzogen werden.

Zur Zeit der Abfassung solcher Passagen gab es kein medizinisch-psychologisches Wissen über das Faktum natürlicher sexueller Veranlagungen. Dies trifft auch auf eine jahrhundertelange Interpretation solcher Stellen zu. Heute wüsste man es besser, dass Homosexualität in gewisser Weise Bestandteil der menschlichen Natur ist – also letztlich in der Sprache der Kirchen – ein Bestandteil der göttlichen Schöpfungsordnung. Wer diesen Terminus benützt, dürfte ihn heute nicht mehr gegen Homosexualität richten.

Im Religionsunterricht und in der Verkündigung müssen wir heute jene Stelle im Weltkatechismus korrigieren, die zwar die Notwendigkeit der Achtung gegenüber Homosexuellen einfordert, dann aber zugleich zur Enthaltsamkeit auffordert und homosexuelle Handlungen verurteilt. Dort heißt es: „Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie (die Homosexualität) als schlimme Abirrung bezeichnet, hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind‘.“ (KKK 2357) Und weiters: „Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung … können und sollen sie sich … der christlichen Vollkommenheit annähern.“ (KKK 2359)

Wenn sich heute kirchliche Vertreter kritisch bis ablehnend gegenüber der Ehe für alle stellen, dann schwingt hier doch auch die Vermutung mit, dass das „Ausleben der Homosexualität“ laut kirchlicher Lehre doch noch zumindest mit Vorbehalt gesehen wird. Dies passt zu einigen anderen römisch-katholischen Entwicklungen, wenn etwa erst im Jahr 2005 eine Bestimmung erlassen wurde, die homosexuellen Männern eine Ausbildung zu Priestern untersagt. Wörtlich heißt es in der vatikanischen Instruktion: „Die genannten Personen befinden sich nämlich in einer Situation, die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen.“

Ehe aus der Perspektive der evangelisch-lutherischen Kirche

Martin Luther hatte es in seiner pointierten Sprache im Jahr 1530 in einer Schrift über die Ehe so formuliert: „Die Ehe ist ein weltlich Ding.“ Seit der Reformation ist Ehe aus evangelischer Sicht kein Sakrament mehr wie die Taufe oder das Abendmahl. Anders in der katholischen Kirche. Die Ehe hat – katholisch gesehen – als eines der sieben Sakramente einen besonderen Wert und eine herausragende Bedeutung im kirchlichen Leben. Doch auch für Martin Luther war die Ehe zugleich ein „heiliger Stand“ und damit ist diese Lebensform weit mehr als ein „weltlich Ding“. Sie ist eine „heilige Angelegenheit“.

Anfang Dezember 2018 setzte die Synode A.B. Österreichs eindeutige Schritte, die eine Trauung für alle im Kontext ihrer Kirche ermöglichen sollte. Die evangelisch-lutherische Kirche regte zunächst in ihrer demokratischen Verfasstheit dazu an, die Gemeinden zu befragen. Allerdings gab die Synode eine Empfehlung mit dem folgenden Wortlaut: „Die Bedingungen, unter denen Menschen heute ihre Beziehungen in verlässlicher und verbindlicher Form leben, haben sich gegenüber den Entstehungszeiten von Bibel und Bekenntnisschriften geändert“. Die Kirche solle auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften würdigen, „sofern sie auf lebenslange Treue, gegenseitige Fürsorge und Beistand ausgerichtet sind“. Um unterschiedlichen Auffassungen zu homosexuellen Partnerschaften innerhalb der Kirche Rechnung zu tragen, sollen kirchliche Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare nur in solchen Pfarrgemeinden durchgeführt werden, in denen Gemeindevertretung und Pfarrerin bzw. Pfarrer sich dafür aussprechen. Die Gemeinschaft der Kirche, heißt es in dem Papier, werde durch diese unterschiedlichen Auffassungen und die Entscheidungsautonomie der Pfarrgemeinden „nicht in Frage gestellt“.

Dass es für eingetragene Partnerschaften sowohl hetero- als auch homosexueller Paare keine kirchliche Trauung oder Segnung in einem öffentlichen Gottesdienst geben soll, wird in der Empfehlung des Theologischen Ausschusses mit ihrer geringeren Verbindlichkeit begründet, daher seien diese Partnerschaften „nicht auf der gleichen Ebene wie die Ehe“ zu sehen.

Bei der außerordentlichen Synode der Evangelisch-lutherischen Kirche A.B. am 9. März 2019 fand die Kirche zu einem Kompromiss. Zum einen sollte eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in einem öffentlichen Gottesdienst möglich gemacht werden, zum anderen aber auch ein Unterschied zu verschiedengeschlechtlichen Paaren aufrecht erhalten werden. Homosexuelle Partnerschaften werden als „eheanalog“ verstanden. Anders als ei der Ehe können Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Gemeinden die Segnungen in ihren Gotteshäusern auch ablehnen. So wurde der Begriff „Ehe“ als „der auf lebenslange Treue angelegten Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“ weiterhin fortgeschrieben. Eine vollständige Gleichstellung erfolgte also noch nicht, wenngleich Schwulen- und Lesbenverbände sehr wohl in der Entscheidung der Evangelischen Kirche einen Schritt in diese Richtung feststellten.

Ehe als Realsymbol der Liebe Gottes

Laut Lehre der katholischen Kirche wird die Ehe als umfassende personale und partnerschaftliche Lebensgemeinschaft gesehen. Der Ehebund kommt durch das Ja-Wort zustande. Damit schenken sich die Partner selbst dieses Sakrament. Es ist das einzige der sieben Sakramente, in dem nicht ein Diakon, Priester oder Bischof der Spender ist – mit Ausnahme von einer Nottaufe. Tragende Elemente der Ehe sind die gegenseitige Hingabe, das Füreinander-da-Sein, das Sich-selber-Schenken. Theologisch gewendet wird die Ehe immer als sinnlich-begreifbares Abbild der Liebe Gottes zu uns Menschen gesehen. Treue wiederum ist das Markenzeichen dieser Liebe.

Die katholische Kirche stellt den Jesusbezug zu allen Sakramenten her. Der normative Rückbezug auf Jesus von Nazareth bedeutet in diesem Fall, dass in der Partnerschaft das Handeln Jesu zum Ausdruck kommen sollte. In diesem Sinne – nicht in einem institutionell-formalen Sinn – wurde die Ehe als Sakrament von Jesus Christus eingesetzt. Die Sakramentalität der Ehe ist nicht so sehr die Hochzeit bzw. kirchliche Trauung, sondern wirkt sich im alltäglichen Eheleben aus, wo heilende Begegnungen stattfinden, die Gott erspüren lassen. Ehe geschieht im Dienst füreinander. Ehe geschieht dann, wenn sich die Partner annehmen, wie sie sind, sich verzeihen können, sich aufeinander verlassen können. Ehen sind deswegen, wie es das Zweite Vatikanum nannte, „Hauskirchen“.

Diese christliche Sicht von Ehe finden wir auch bei Martin Luther und den evangelischen Kirchen. Da zählt es, ständig neu an seiner Partnerschaft zu arbeiten, sich immer wieder neu zu versöhnen. Es geht um Achtung, Respekt und gegenseitiges Vertrauen. Ein evangelischer Theologe hat es einmal so formuliert: „Nach reformatorischer Auffassung hat eine Partnerschaft erst dann das Zeug zu einer christlichen Ehe, wenn beide Partner zu der Gewissheit gelangen können: Das gefällt Gott!“

Die Theologie des Ehesakramentes, all die positiven Aspekte, die über Ehe formuliert worden sind, gelten nicht nur für gemischtgeschlechtliche Paare. Jeder theologische Aspekt der Ehe gilt in gleicher Weise auch für gleichgeschlechtliche Paare. Auch in ihrer Liebe kann die Liebe Gottes sichtbar werden. Auch sie können die Treue Gottes zu uns Menschen versinnbildlichen. Auch sie können den Christusbezug verkörpern, indem ihre Partnerschaft zur Nachfolgegemeinschaft wird. Auch in ihr kann sich die Gnade entfalten und auch in ihr kann die heilige Geistkraft wirksam werden. Wenn diese Aspekte auch für gleichgeschlechtlich Liebende gesehen werden, dann hört jene diskriminierende Sichtweise auf, die gleichgeschlechtlich Liebende auf Sexualität reduziert. Es wird sichtbar, wie viele andere Dimensionen – gleich wie bei Heteropaaren – gleichgeschlechtliche Paare haben.

Eine Ehe und Partnerschaft wird aus dieser Perspektive nicht vorrangig unter dem Aspekt der sexuellen Orientierung beurteilt, sondern es geht um einen respektvollen Umgang, um Liebe, Verantwortung und Verlässlichkeit als Grundlagen von Partnerschaft und Familie.

Die Kirche bekräftigt und stärkt das Ja der Liebenden

Das Besondere an der kirchlichen Trauung ist, dass auch die Kirche das Ja zur Liebesgemeinschaft der beiden Ehepartner ausspricht. Es ist nicht nur Sache des Liebespaares, nicht nur Sache des Standesamtes, nicht nur zivilrechtlich geregelt und nicht nur bedeutsam für das Finanzamt. Zum Ja-Wort der Liebenden kommt das Ja-Wort der Kirche, die das Ja Gottes für das Paar erbittet. Ob das gemeinsame Leben gelingt, liegt nicht nur im Paar selbst begründet, sondern auch im Zuspruch von Freunden und Freundinnen und Familien. Gerade in einer Zeit, in der es vielfach einen Rückzug ins Private gibt, ist dieser soziale Aspekt sehr wichtig. Die Gemeinschaft wird das Paar stärken – gerade dann, wenn eine Ehe einmal in schwierige Phasen kommen sollte. Genauso bringt eine Ehe ihre gebündelte Kraft in die größere Gemeinschaft von Welt und Kirche ein.

Wiederum ist dieser ekklesiologische Aspekt bedeutsam für gleichgeschlechtlich Liebende. So wird deutlich, dass die Kirche den Wert solcher Partnerschaften voll anerkennt – und nicht nur ein wenig oder unter dem Aspekt herablassender Toleranz. Nein, gleichwertig!

Segensfeier für gleichgeschlechtliche Paare

Bereits im Jahr 2001 hatte die Katholische Männerbewegung Österreichs (KMBÖ) im Anschluss an eine Konferenz um die Ermöglichung von Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare in der katholischen Kirche gebeten. Allerdings machte die KMBÖ den Unterschied: Segnung ja, kirchliche Trauung nein, denn, so die klassisch katholische Argumentation: „Dem Wunsch nach der Ehe können wir nicht zustimmen, da das Sakrament der Ehe für uns per definitionem ‚für die Liebe der Partner zueinander und zur Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft‘ eingesetzt wurde.“ Eine Segensfeier sollte allerdings dazu dienen, dass Schwule und Lesben eine öffentliche und verantwortete Partnerschaft ermöglicht werde.

Damals wurden die KMBÖ-Funktionäre vom zuständigen Referatsbischof Christian Werner sowie vom St. Pöltner Diözesanbischof Kurt Krenn auf Schärfste zurückgewiesen. Letzterer verlangte, dass die „Irrtürmer“ öffentlich widerrufen werden müssten und dass die Äußerungen der Männerbewegung „schwerwiegend gegen die Glaubens- und Sittenlehre der Kirche verstoßen“. Eine Organisation, die solche Positionen vertrete, könne und dürfe das Wort „katholisch“ nicht in Anspruch nehmen. Christian Werner sprach sich ebenfalls wie der für Familienangelegenheiten zuständige Bischof Klaus Küng klar gegen eine Segnung aus, weil dies als Trauung missverstanden werden könnte – diese aber Mann und Frau vorbehalten sei. Egon Kapellari, damals Diözesanbischof von Graz-Seckau, meinte im Gleichklang, „dass eine kirchliche Segnung homosexueller Lebensgemeinschaften von allen katholischen Bischofskonferenzen einhellig abgelehnt wird, weil sie der kirchlichen Lehre klar widerspricht“.

Diese negative Sicht von Segnungsfeiern für gleichgeschlechtlich Liebende wird gespeist aus den jahrhundertealten Vorurteilen gegenüber homosexuellen Menschen. Tatsächlich wurde – und wird – meist das Wort von der „Schöpfungsordnung“ verwendet, womit gemeint ist: Schwule und Lesben würden gegen die Schöpfungsordnung handeln, wenn sie eine Partnerschaft eingehen. Vereinfacht gesagt heißt dies: Wer Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare ablehnt, bringt damit seine Verurteilung von Homosexualität zum Ausdruck.

Kirchliche Trauung ist mehr als Segensfeier

Tatsächlich haben die Gegner einer kirchlichen Segensfeier für gleichgeschlechtliche Paare in einer gewissen Weise Recht. Solche Segensfeiern dürften sich doch von einer Trauung nicht wesentlich unterscheiden. Die Unterschiede zwischen Segensfeier und Trauung sind in der praktischen Durchführung jedenfalls verschwommen. Darf beispielsweise bei einer Segnungsfeier der so wichtige Satz „ich nehme dich an als meine Frau/meinen Mann. Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe“ nur exklusiv bei einer Trauung verwendet werden? Welche Zeichen werden verwendet? Der Kuss? Die Ringe? Die priesterliche Stola, die über die vereinten Hände gelegt wird? Segnungsfeiern im Bereich der evangelischen Kirche, wie sie bereits stattfinden, unterscheiden sich jedenfalls vielfach nicht mehr von kirchlichen Trauungen.

Die Aufhebung von schwulen- und lesbenfeindlichen Aussagen

Kirchliche Segensfeiern und Trauungen für schwule und lesbische Paare würden letztlich dazu führen, dass die Sexualmoral in einigen Aspekten neu geschrieben und gelesen werden müsste. Unselige Sätze wie jener aus dem Weltkatechismus, die homosexuelle Handlungen mit Sünde gleichsetzen, müssten endlich verschwinden.

Ehe auch ohne Zeugungsfähigkeit

Zum meistgenannten Argument gegen eine Ehe für alle bzw. aus katholischer Sicht gegen die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Ehe als Sakrament und damit gegen kirchliche Segnungsfeiern oder Trauungen für homosexuelle Paare zählt die Behauptung, dass für eine Ehe die Fähigkeit zur Nachkommenschaft konstitutiv sei. Diese wiederum sei daran geknüpft, dass biologisch eben nur eine gemischtgeschlechtliche Partnerschaft diese Fähigkeit zur Nachkommenschaft beinhalte. Kurz gesagt lautet das Ehe-Bild: Ehe ist eine Verbindung von Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen. Oder anders ausgedrückt: Die Potentialität zur Lebensweitergabe ist nur durch eine solche Beziehung gegeben. Die Dreierbeziehung der leiblichen Eltern zu ihrem Kind/ihren Kindern sei untrennbares Wesensmerkmal der Ehe. Damit könne eine Ehe nicht für Homosexuelle geöffnet werden.

Olivier Dantine, Superintendent der evangelischen Kirche von Tirol und Salzburg, verneinte eine solche Argumentation. Eine Ehe soll nicht untrennbar mit Nachkommenschaft in Verbindung gebracht werden. Dies würde erstens dem Wesen der Ehe nicht gerecht und könnte zweitens für kinderlose Paare einen Druck bedeuten, ihre Ehe als weniger wertvoll zu sehen, weil einer der postulierten Ehezwecke nicht erfüllt sei. Kinder wiederum, so Dantine, könnten sich in manchen Fällen ausgenützt fühlen, wenn sie sich als Zweck einer Ehe verstehen müssten. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche, hat sich in gleicher Weise daher auch für die Institution einer „Ehe für alle“ ausgesprochen.

Tatsächlich sieht auch die katholische Kirche im kirchlichen Recht eine „Zeugungsunfähigkeit“ nicht als Ehehindernis an – zum Unterschied von der „Beischlafunfähigkeit“, die überholterweise noch als Ehehindernis in konservativ-fundamentalistischen Diktionen angegeben wird, in dieser Form jedoch längst schon im Widerspruch zu anderen kirchlichen Texten steht. Eine Argumentation, die also die Offenheit gegenüber der Nachkommenschaft – und implizit ist damit immer Zeugungsfähigkeit gemeint – als Kardinalargument gegen eine Ehe für alle anführt, widerspricht der Tatsache, dass dies auch kirchenrechtlich nicht mehr vorgesehen ist.

Ermutigungen zum Schluss

Wenn gleichgeschlechtlich Liebende in einer Partnerschaft leben, sich selbst schon ein unbedingtes Ja geschenkt haben, dann leben sie – sakramentaltheologisch gesehen – jetzt schon die Ehe, auch wenn ihnen kirchliche Strukturen noch das Ritual der Trauung verweigern, dann ist diese Beziehung nicht nur „eheanalog“, sondern selbst auch Ehe. Sünde ist nicht, wenn Menschen gleichgeschlechtlich lieben, sondern die Sünde liegt in den Strukturen und Geisteshaltungen, die weiterhin dazu führen, dass Menschen aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagungen ausgegrenzt oder diffamiert werden. In der Tradition eines Jesus von Nazareth, der sich in seinem Leben und seiner Botschaft nie scheute, Gesetze im Sinne des Menschlichen zu deuten, braucht es heute Verantwortliche, die vorangehen in eine Kirche, in der lesbische und schwule Partnerschaften gleichberechtigt anerkannt und an jenem Maßstab gemessen werden – dem Maßstab der Liebe und Treue – mit dem auch gemischtgeschlechtliche Partnerschaften gemessen werden. Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Andere Kirchen zeigen heute der römisch-katholischen Kirche, dass für Schwule und Lesben längst nicht mehr das Sündeneck und Beichtstuhl und Askese vorgesehen sind.

Indem nun auch in Österreich gesetzlich eine Ehe für alle möglich ist, kann sichtbar werden, dass Homosexualität normal ist und zu unserem Menschsein ganz selbstverständlich dazu zählt. Die in Treue und gegenseitiger Liebe und Partnerschaft gelebte Beziehung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist jetzt schon Sakrament und jener Ort, an dem die liebende Kraft Gottes spürbar und lebbar wird. Die Evangelische Kirche A.B. in Österreich hat einen wesentlichen Schritt gemacht, in dem sie Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare in öffentlichen Gottesdiensten ermöglicht. Jetzt ist es Zeit, dass sich auch die römisch-katholische Kirche in diese Richtung bewegt.

Klaus Heidegger,
Vorsitzender der Katholischen Aktion der Diözese Innsbruck
Präsidiumsmitglied der Katholischen Männerbewegung
Religionslehrer am Privaten ORG Volders St. Karl

Überarbeitete Fassung vom 12. März 2019

Bachgasse 10, 6067 Absam, klaus.heidegger@aon.at

www.klaus-heidegger.at

 

[1] Kathpress, 4.9.2018.

[2] Zit.in: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kardinal-schonborn-ehe-fur-alle-hat-auch-positive-aspekte?u, online 5.1.2019. Ebenso: https://redaktion.kathpress.at/action/kpprod/download?&p=6775&c=2072, online 7.1.2019.

Kommentare

  1. Eine beeindruckende Abhandlung! Sorgfältige u schlüssige Argumentation, die zugleich Brücken baut, die aus erstarrten u nicht dem Menschen dienenden dogmatischen u ethischen Positionen der Kathol.Kirche herausführen kann. Indirekt schwingt in jeder dieser Zeilen Jesu – hier verallgemeinerter – Satz mit: „Gebote sind für die Menschen gemacht u nicht die Menschen für die Gebote.“ Es darf nie vergessen werden, dass Jesus wegen dieser Haltung in den tödlichen Konflikt mit dem religiösen Establishment geraten ist. Diese Haltung ließ Jesu Menschen aus den verschiedensten Gefängnissen herausholen, aus jenen aufgrund von körperlichen Gebrechen u seelischen Krankheiten sowie aus Zuschreibungen durch andere Menschen, insbesondere aber auch von theologisch/ethischen Lehrmeinungen.
    Danke, Klaus, u.:Respekt!

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