Bewahrende Hüttenbauer oder systemkritische Wagemutige: Zum Evangelium über die Verklärung Jesu

Jede Woche fragt mich Simon, einer meiner Schüler: „Herr Professor, was ist diese Woche Ihr Lieblingsevangelium?“ Er kennt schon meine Reaktion und fragt trotzdem gleich. Meine Antwort zielt fast immer auf das Sonntagsevangelium in der katholischen Kirche, das mich jeweils neu zur Auseinandersetzung reizt und tatsächlich immer ein Geschenk ist. Auch diesen Sonntag wieder.

Am zweiten Fastensonntag hören wir die Geschichte von der Verklärung Jesu. In ihrer so idealtypischen Weise hat sie sich tief in unser christliches Glaubenswissen eingeprägt. Viele Bilder und Darstellungen helfen uns, die bei allen drei Synoptikern in fast gleicher Weise geschilderte Szene in Erinnerung zu halten. Die Transfiguration Christi vor den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes wird mit der Passionszeit in Verbindung gebracht. Jesus hatte diese Jünger beiseite genommen und sie auf einen nicht näher bezeichneten Berg geführt. Dort verwandelt sich Jesus vor ihren Augen. Sie sehen ihn mit Mose und Elija reden. Ganz hell-weiß-strahlend ist dieses Erlebnis für sie, wunderschön. Da kommt die so verständliche Reaktion des Apostelfürsten Petrus, dem Struktur und Amt stets ein großes Anliegen sind. Ganz praktisch denkend, dieses Ereignis bewahrend, schlägt er sofort vor: „Lasst uns drei Hütten bauen!“

Sozialhistorisch-politisch ist diese Haltung der Jünger verständlich. Sie wussten wohl längst, wohin ihr radikaler Weg des Widerstands führen könnte. Wenn sie mit ihrer Kritik an der römischen Besatzungspolitik und an der Lokalaristokratie in Jerusalem so weiter machen würden, dann könnte es ihnen ergehen wie all den jüdischen Widerstandskämpfern: im schlimmsten Fall ein grausamer Tod am Kreuz. Da Jesus aber mit Mose und Elija auf Augenhöhe ist, ermutigt die Jünger dann doch trotz all der Gefahr ihre Existenz als Wanderradikale wieder aufzunehmen und die messianischen Verheißungen nicht aufzugeben.

Die Wände der Hütten, die heute infrage gestellt werden müssten, sind so manche Strukturen, in der sich Ungleichheiten und Abhängigkeiten festgemacht haben. Wo haben sich aus Bequemlichkeit oder Angst vor dem Aufbruch Strukturen verfestigt, die die frohe Botschaft einsperren? Viel wurde in den letzten Wochen im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen darüber geschrieben. Die hierarchischen Machtstrukturen müssten aufgelöst werden. Das würde selbst bedeuten, sich die lutherische Frage zu stellen: Ist eine Teilung der Kirche in männliche Kleriker und Laien wirklich das, was Jesus wollte? Verfestigt sie nicht automatisch jenes Machtungleichgewicht, das für Verfehlungen anfällig ist?

Heute finden im Dom zu St. Jakob die Diakonatsweihen statt. Das persönliche Engagement der Neugeweihten soll in keinster Weise kritisch gesehen werden. Was aber bedeutet es mit Blick auf die Frauen, die weiterhin von einem Diakoninnen-Amt strukturell ausgeschlossen sind? Müssten sich nicht alle Männer ganz unpragmatisch mit den Frauen solidarisieren und selbst dieses Amt verweigern, solange dies Frauen vorenthalten wird? Was bedeutet es mit Blick auf die genannte Frage der Weihe und damit einhergehender Sakralisierung eines Dienstamtes und ein Zweiteilung des Volkes Gottes?

Für mich hat die Geschichte von der Verklärung Jesu aber nicht nur die genannte politische sowie kirchlich-systemkritische Funktion. Ich denke an eigene Verklärungserlebnisse und Erfahrungen in meinem Leben, wo ich wie Petrus fühlte und dachte und Hütten bauen wollte. Dann aber kommt es zu jenem auch schmerzlichen Augenblick: Ich kann dieses Licht zwar in meinem Herzen bewahren, es kann meine Seele erfüllen, zugleich aber kann ich nicht einmal irgendjemandem davon erzählen – wie die Jünger, die schwiegen. Trotz allem stärken gerade solche wundervollen Ereignisse im Leben, auch wenn dafür keine Hütten gebaut werden können.

Klaus Heidegger, Zweiter Fastensonntag, 17. 3. 2019

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