Ermutigung eines Lehrers zum weltweiten Schulstreik

Liebe Schülerinnen und Schüler!

Eigenmächtig

Wenn Ihr Euch heute gemeinsam mit Tausenden von anderen in vielen Städten am weltweiten Schulstreik beteiligt, so ist mein Verstand und mein Herz ganz bei Euch. Als Lehrperson bin ich zwar physisch nicht dabei – weil es so ganz Euer rebellischer Protest ist, eben keine Schulveranstaltung, sondern ein Bestreiken der Schule. Ich weiß, dass Ihr meinen Zuspruch als Lehrer gar nicht braucht. Ihr handelt eigenmächtig – und das ist angesichts der dramatischen Entwicklung im Zusammenhang mit der Erderhitzung so wichtig. Ihr handelt aus eigenem Antrieb, nicht weil es Euch ein Lehrer vorschreibt. Ihr würdet auch so handeln, wenn wir Lehrpersonen Euch das Streiken verbieten würden.

Rebellisch

Ihr braucht zunächst nicht das Ja der Schulverantwortlichen, das dem Rebellischen Eures Streiks nur den Stachel nähme. Als Greta Thunberg im September letzten Jahres begann, jeden Freitag die Schule zu bestreiken und den Platz vor dem schwedischen Parlament statt im Klassenzimmer wählte, fragte sie auch nicht nach Erlaubnis von der Schulleitung. Die hätte sie als 15-jähriges schulpflichtiges Mädchen auch nicht erhalten. Ein Streik durchbricht das Regelhafte und gerade deswegen regt er auf und weckt auf. Ein stiller Protest im Schulhof bliebe unbemerkt, nicht weniger eine Demonstration außerhalb der Schulzeit. Euer Widerstand braucht Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit. Bevor vor 100 Jahren in Österreich das Wahlrecht eingeführt wurde, brauchte es den rebellischen Protest der Suffragetten. Bevor in den USA die Apartheid abgeschafft wurde, brauchte es die auch illegalen Streiks der Bürgerrechtsbewegung. Der Vietnamkrieg kam auch deswegen zu einem Ende, weil junge Männer in den USA sich einer Einberufung widersetzten. Ein Megakraftwerk in der Hainburger Au wurde gestoppt und damit der Nationalpark Donauauen ermöglicht, weil die schon ausgefahrenen Rodungsmaschinen mit einer Aubesetzung gestoppt wurden. Ja, und auch die Mauer und der Stacheldraht zwischen Ost- und Westeuropa ist letztlich gefallen, weil sich dies die Bürgerinnen und Bürger der osteuropäischen Staaten nicht mehr länger gefallen ließen. In einem Geschichteunterricht könntet Ihr von Tausenden Beispielen erfahren, wie durch Streiks und Aktionen des zivilen Ungehorsams tiefgreifende Veränderungen für eine bessere Welt möglich wurden.

Authentisch

Ich glaube den Worten nicht, die ich in den letzten Tagen hörte: Viele unter Euch seien nur Schulschwänzer, die es ausnützten, unter dem Vorwand des Klimastreiks blau zu machen. Man sähe es doch daran, dass Euer Lifestyle geprägt sei von Umweltverschmutzung. Ihr würdet mit Benzinmopeds in die Schule kommen und dann klimastreiken. Weil ich einige von Euch kenne, weiß ich: Ihr meint es wirklich ernst. Ihr kennt die Inhalte des Pariser Klimaabkommens und habt Euch auch in den Unterrichtsstunden mit den dramatischen Folgen der Erderhitzung auseinander gesetzt. Ihr ernährt Euch bewusst, vermeidet Müll und könnt argumentieren. Ihr seid authentisch wie Greta Thunberg, die selbst vorlebt, was sie sagt: Nicht mehr ein Flugzeug benützen. Nur im Ausnahmefall in ein Auto steigen – und selbst da fährt sie mit einem E-Auto mit. Sie lebt vegan und verfolgt eine No-Shop-Strategie, was ihre Kleidung betrifft. Der Konsum wird auf das Notwendige eingeschränkt. Wäre ich bei Eurem Streik heute dabei, so sähe ich keine Red-Bull-Dosen. Die Schilder Eurer Botschaften sind bewusst auf alten Kartons geschrieben. Upcycling statt Ressourcenverschwendung. Die Maturantinnen und Maturanten unter Euch haben wohl keine All-Inclusive-Flugreise im Stile von Summersplash oder X-Jam gebucht.

Informiert

Ihr kennt die Bilanz der Treibhausgas-Emissionen in Österreich und es regt Euch auf, dass Österreich in Bezug auf einige Entwicklungen noch schlechter dasteht als das Land, von dem die Schülerstreiks ihren Ausgangspunkt nahmen. Laut Bericht vom Umweltbundesamt vom Jänner 2019 stiegen die THG-Emissionen im Jahr 2017 auf 51,7 Mio. Tonnen, liegen also weit hinter dem 2020-Ziel von 47,80 Mio. Tonnen, das auf der Grundlage des Pariser Abkommens erreicht werden sollte. Ihr fordert nur das ein, was damals beschlossen wurde: das 1,5 Grad-Ziel. Das freilich fordert eine mutige Umweltschutzpolitik. Ihr wisst, dass die Änderung der Emissionswerte vor allem mit dem Verkehr zusammenhängt, wo es zwischen 1990 und 2017 eine Steigerung von 9,7 Prozent gegeben hat. Es regt Euch – genauso wie mich – auf, dass von Seiten der gegenwärtigen Regierung eine Politik betrieben wird, die den erklärten Klimaschutzzielen diametral widerspricht. Flughäfen werden ausgebaut, Tempo-140-Zonen auf Autobahnen errichtet, Straßen werden verbreitet, täglich werden Hunderte Quadratmeter Bodenfläche versiegelt und es gibt keine ökologisch-orientierte Steuerreform. Ihr seid wütend, dass der Transitverkehr immer noch mehr zunimmt und zugleich der für den Verkehr zuständige Minister das Nachtfahrverbot lockern und die Geschwindigkeitsbegrenzung für die Lkws erhöhen möchte. All dies sind Faktoren dafür, dass laut Weltwetterrorganisation die letzten vier Jahre die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen waren. Die dramatischen Folgen kennen viele von Euch aus einem Geographieunterricht. Es kommt zu einer Erwärmung der Weltmeere, zu Wirbelstürmen, zu Unwetterkatastrophen, Wassermangel auf der einen Seite, Überschwemmungen woanders. Wenn Ihr die Nachrichten verfolgt, so merkt Ihr täglich, was die Folgen der Erderhitzung mit sich bringen: Bürgerkriege und Fluchtbewegungen, neue Krankheiten, Hunger und Elend. Momentan steuert Eure Welt, die Welt Eurer Kinder, einer 6-Grad-Plus-Erwärmung und damit einem Chaos entgegen. Ihr bestreikt die Schule, um das zu verhindern.

„Our house is on fire…“, sagt Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum im Februar in Davos. Und es stimmt: 100 Millionen Tonnen Öl werden heute verbrannt, 100 Millionen Tonnen Treibhausgase werden heute freigesetzt, fruchtbare Böden werden heute für Straßen und Parkplätze versiegelt, 40.000 Hektar Wald werden heute für Futtermittelplantagen gerodet, 40.000 Menschen verhungern heute auf dieser Welt,
Millionen leiden heute in Flüchtlingslagern, Dutzende Tier- und Pflanzenarten werden heute für immer verschwinden. Die Erde erhitzt sich, die Gletschermassen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Wüste breitet sich aus, der Kampf um Ressourcen hat längst begonnen, die Staaten rüsten auf, 70 Millionen von Menschen auf der Flucht, Grenzzäune werden hochgezogen: Nicht die Migrantinnen und Migranten sind daran schuld, sondern all jene mit dem hohen Verbrauch fossiler Ressourcen.

Politisch aktiv

Mit Blick auf die offiziellen Bildungsziele der österreichischen Schule realisiert Ihr mit Eurem Streik vieles von dem, was da drinnen steht. Jetzt mute ich Euch aus einem Schreiben des Bildungsministeriums einen komplizierten Satz zu: „Ziel eines kompetenzorientierten Unterrichtes … ist ein reflektiertes und (selbst)reflexives Politikbewusstsein, das im schulischen Lernen in besonderer Weise über exemplarische Annäherungen an Problemfälle des Politischen unter Berücksichtigung der Lebens- und Erfahrungswelt der SchülerInnen aufgebaut wird. Es handelt sich daher nicht vorrangig um den Erwerb eines enzyklopädischen Wissens, sondern um Lernangebote, die zum politischen Denken und Handeln befähigen.“ Bei den Fridays-for-Future-Aktivitäten habt Ihr wohl ein optimales Lernangebot. Ihr demonstriert politische Urteilskompetenz, weil Ihr es wagt, selbständig die Entscheidung zu treffen, an einem solchen Streik teilzunehmen und dafür auch die Folgen und Auswirkungen zu tragen. Ihr demonstriert politische Handlungskompetenz, wenn Ihr auf Eure Pappkartons die politischen Positionen artikuliert. Ihr beweist politikbezogene Methodenkompetenz, wenn Ihr Euch eigenständige Manifestationen zurecht legt, beispielsweise im Gespräch mit der Schulleitung seid, von Klasse zu Klasse geht, um zu informieren und Meinungen einzuholen etc. Diese Kompetenzen wiederum können im Anlassfall – eben nun im Anlassfall der Klimastreiks – am besten erworben werden.

Religiös

Als Religionslehrer möchte ich Euch noch ein viertes Adjektiv zuschreiben. Es ist nun exakt sechs Jahre her, seit Papst Franziskus in sein Amt gewählt worden ist. Als Oberhaupt der katholischen Kirche hat er von Beginn an den Klimaschutz bzw. Klimagerechtigkeit ganz oben auf die Prioritätenliste gesetzt. Wenn wir in seine Umweltenzyklika Laudato Si blicken, dann finden wir klare Worte, die wie ein Aufruf zur Beteilung an Friday-For-Future-Streiks klingen. Das Klima nennt Papst Franziskus „ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle“. Deswegen mahnt er nachdrücklich: „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazitäten des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann.“ Der Papst ermutigt vor allem die jungen Menschen, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Wer gegen die Erderhitzung auftritt, steht heute auf Seiten der Armen, die jetzt schon am meisten unter den klimatischen Veränderungen leiden. Wenn Ihr für den Schutz des Klimas streikt und selbst einen klimabewussten Lebensstil wählt, handelt Ihr religiös, weil dieser Planet – wie es in den orthodoxen Kirchen genannt wird – ein von Gott geheiligter Ort ist.

Klaus Heidegger

Kommentare

  1. So gut wie alle sind zur Demonstration gegangen, damit sie schulfrei haben! Manche sind sogar mit dem Auto zur Demo gefahren! Wenn das am Nachmittag gewesen wäre, hätte es niemanden interessiert…

    1. Ich spreche für meine SchülerInnen, die ich kenne: Die waren aus Überzeugung dort. Von ihnen ausgehend, weiß ich, dass deine Sichtweise wohl nicht der Motivation der meisten Schülerinnen und Schüler entspricht. Beispielsweise kamen auch solche aus Landeck, die wesentlich mehr Zeit investierten, als es ein Schultag mit sich gebracht hätte. mfg

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