Provozierende Skulptur

Augen,
die nicht wegschauen können
Augenblick
der an schreckliches Leid erinnert
Augenblicke
die wehtun
Skulptur
die aufrüttelt
am Eingang der Kirche
wo niemand mehr vorbei schleichen kann
jedes Halleluja-Gefühl wird erstickt
ein Korpus
kopfüber aufgehängt
am Galgen hängt der Torso
wie ein geschlachtetes Tier
nackt und entblößt der Körper
verstümmelt
die Arme abgetrennt
zwei weibliche Gliedmaße baumelnd daneben.

Gedenken an Jesus
der aufgehängt wurde
an das vielfache Leid in der Welt
an Flüchtlinge
die an den Wohlstandsmauern hängen bleiben
in libyschen Flüchtlingslagern stecken
missbraucht, gefoltert und gequält
an Menschenrechtsaktivist*innen
die heute den Himmel hinter Gittern sehen.

Gedanken auch an Leid rundherum
wo der Körper nicht ganz sein darf
wo wir wie geteilt leben müssen
die Arme und Hände wie abgetrennt sind vom Wollen und Sehnen
wo Lebenwollendes hilflos baumelt kopfüber an Stricken.

Die Tür zur Kirche ist weit offen
zur Gemeinschaft
die Stricke lösen will
die Verstümmelungen bekämpfen will
wo jede Person
in ihrer Ganzheit befreit leben darf
zum Widerstand gegen Leid
das verhindert werden kann
zur Annahme des Leids
um es im Licht der Auferstehung zu verwandeln.

Klaus Heidegger, 11.4.2019
(Skulptur „Conditio Humana“ von Anvidalfarei vor der Pfarrkirche St. Nikolaus in Hall,
Fastenzeit 2019)

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