Denk mal! Gedanken zu Denkmälern und Gedenkfeiern am Allerseelentag

Beginnend mit dem Allerheiligentag über Allerseelen und den Seelensonntag am 3. November 2019 finden in unserem Land die traditionellen Gedenkfeiern und Gedenkgottesdienste bei den sogenannten Kriegerdenkmälern statt. Kränze werden niedergelegt, „Ich hatte einen Kameraden….“ wird gespielt, stramm stehen Abgeordnete des Bundesheeres und es ist vor allem der Tag für die lokalen Kameradschaftsbünde.

Auf den Inschriften der Denkmäler für die „Gefallenen“ – so werden Männer bezeichnet, die zum Opfer unsinniger Schlachten geworden sind – stehen vor allem die Jahreszahlen aus den beiden Weltkriegen. Vor 80 Jahren war Kriegsbeginn in Europa. Die Zahl der durch den Krieg getöteten und ermordeten Menschen geht auf die 80 Millionen. An die zivilen Opfer wird beim „Heldengedenken“ nicht erinnert. 130.000 zivile Opfer gab es allein in Österreich – 100.000 Soldaten starben im Krieg. Wo gibt es in unseren Friedhöfen Erinnerungsstätten für die zivilen Opfer des Krieges, für die Wehrdienstverweigerer, die erschossen wurden, für die Behinderten, die vergast wurden, für die politisch Verfolgten, die in den KZs umgekommen sind? Auf den „Ehrengräbern“ der Gefallenen stehen auch die Jahreszahlen aus dem Ersten Weltkrieg. Etwas mehr als 100 Jahre sind seit dem Ende des 1. Weltkrieges vergangenen, der 20 Millionen Tote und unvorstellbares Leid mit sich gebracht hat

Kriegerdenkmäler

Landauf landab erschrecken mich Kriegerdenkmäler. Kein Dorf und kaum ein Kirchenvorplatz ist vor ihnen verschont geblieben. Sie gehören zu unserem Landschaftsbild wie die Kirchtürme. Zu viele Denkmäler stilisieren die Gefallen als „Helden“ oder als „Märtyrer“, die ihr Leben für den Staat geopfert haben. Mit solcher Heldenmythologie sollten am Ende der Kriege die Angehörigen getröstet und dem Töten und Getötetwerden posthum ein Sinn verliehen werden. Ich denke an das Kriegerdenkmal vor der Kirche in Absam. Heldenhaft und in XXX-Large-Ausführung beherrscht der stahlbehelmte Krieger in Uniform den Kirchplatz. Er steht auf einem mächtigen Sockel mit dem Eisernen Kreuz. Am Allerseelentag wird vom Kameradschaftsbund wird ein frischer Kranz davor gelegt.

Feindesliebe oder Heldentod?

Die in Stein gehauene, in Beton gegossene oder auf Wände gemalte Symbolik vieler Kriegsdenkmäler ist ein Widerspruch zur Tradition des gewaltfreien Jesus von Nazareth. Er starb am Kreuz und verlieh kein „Eisernes Kreuz“. Er rief zur universalen Feindesliebe auf und nicht zum gewaltsamen Kampf für das Vaterland. Vielleicht würde dieser Jesus von den heutigen wackeren Verteidigern des christlichen Abendlandes auch als „linker Heimathasser“ und „linker Multikulti-Fetischist“ beschimpft werden, weil er nicht zum Kampf aufrief, sondern zum gewaltfreien Engagement für den Frieden. Die Botschaft der jesuanischen Strategie ist nicht der militärische Kampf gegen Feinde, sondern Entfeindung.

Kriegerdenkmäler sollten Mahnmale sein

Ich wünschte mir so sehr, dass die Denkmäler die Botschaft verkörperten: „Die Gefallenen waren sinnlose Opfer des Krieges – gewiss keine Helden.“ Es sollten Mahnmale sein, die schreien könnten: „Nie wieder Krieg! Hört auf mit Rüstung und Aufrüstung und dem Üben für den Krieg!“ Jemand, der mit der Waffe in der Hand stirbt, ist kein Held. Stark waren die Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren und als Witwen allein für Kinder und Hof verantwortlich sein mussten. Mutig waren jene Männer, die als Deserteure den Krieg verweigerten. Ihnen wurden keine Denkmäler gesetzt. Kriegsgräber und -denkmäler sind Zeugen vergangener Kriege und Gewalttaten, sind Zeichen der Sinnlosigkeit solcher Unterfangen und weisen auf die ungeheuren Opfer der Kriege hin.

Ambivalente Gedenkkultur heute

Heute wäre es angebracht, dass Denkmäler, die Soldaten in heldenhaften Posen zeigen, scheinbar triumphierend über den Tod, in Hinterhöfe geräumt würden, wo sie vor allem Kindern nicht mehr eine falsche und gefährliche Ideologie vermittelten. Es wäre höchst an der Zeit, dass blasphemische Aufschriften, die kriegsverherrlichend sind, verschwänden. Heute müsste jedes Gedenken Krieg und Aufrüstung verurteilen und der Gewaltverzicht des Jesus von Nazaret sollte verkündet werden. Heute müsste auch an jene gedacht werden, die als Deserteure umgebracht wurden. Auf den Tafeln hieße es nicht mehr „In Treue für das Vaterland gefallen …“, sondern „für die Opfer des Krieges … nie wieder Krieg!“ So manches Kriegerdenkmal könnte so sprachlich „entschärft“ werden und eine sinnvolle, antimilitaristische und friedensproduktive Funktion erfüllen.

Wenn „Nie wieder Krieg!“ die Botschaft der Gedenkfeiern ist, dann würde es auch bedeuten: Ein Nein zur militärischen Aufrüstung, wie sie gegenwärtig in den EU-Staaten aufgrund von PESCO – des Aufbaus einer gemeinsamen EU-Verteidigungs- und Militärallianz – geschieht. Dann wäre es ein Nein zu Militärdienstverpflichtungen wie der Allgemeinen Wehrpflicht, die ein Relikt aus Kriegszeiten ist. Heute jedoch wird daran gedacht, die Verpflichtungen zum Militärdienst durch längere Dienstdauer und Einführung von Teiltauglichkeitsmodellen zu erweitern. Es wäre ein Ja zur großen Friedensdividende, in der die Abermilliarden, die heute für militärische Mittel ausgegeben werden, in Friedenszwecke investiert werden. Heute jedoch wird auf politisch-militärischer Ebene ein 16-Milliarden-Aufrüstungsprogramm in Österreich angedacht.

Wenn bei den Denkmälern am Allerseelensonntag Patriotismus zelebriert wird, dann sollte es nicht geschehen im Sinne des ewiggestrigen Nationalismus jener, die Aufrüstung propagieren, um gegen Flüchtlinge Krieg zu führen. Die Kirchen heute sind auf Seite jener, die den Migrationspakt der Vereinten Nationen als Chance begreifen und nicht jener, die Armeen benützen wollen, um sich abzuschotten vor der Not in der Welt. Wer heute Menschen, die im Sinne der gewaltfreien Botschaft des Evangeliums aktiv sind, verbal verunglimpft, wird sich bei den kirchlichen Gedenkfeiern wohl nicht mehr wohl fühlen können. Das Wort Jesu aus dem Evangelium vom Allerheiligenfest, „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben…“ wird zum Vorzeichen für die Gedenkfeiern am Seelensonntag.

Ein anderes Gedenken hat längst in unserer Kultur auch Platz gefunden. Es zeigt sich überall dort wo, an die widerständischen Kräfte und an die Opfer in unserem Land erinnert wird. In manchen Kinos läuft noch der Film über Otto Neururer. Der Seligsprechungsprozess für Schwester Angela Autsch aus Mötz ist in seiner Endphase. Im Gelände des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall gibt es eine Gedenkstätte für die Euthanasieopfer. Mehr und mehr Orte in Tirol beginnen nun mit Erinnerungstafeln oder auch Straßenbezeichnungen an solche Opfer zu erinnern. In einer U-Bahnstation in Serfaus wird in einer Tafel an einen Deserteur und an Euthanasieopfer aus diesem Dorf erinnert. An verschiedenen Orten und Plätzen in Innsbruck werden in den Novembertagen Gedenkveranstaltungen zum Novemberpogrom stattfinden.

„Nie wieder“ ist die Botschaft des Allerseelentages und Allerseelensonntages. Und: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.“

Klaus Heidegger, Allerseelen 2019 www.klaus-heidegger.at

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