Sozialhistorischer Blick auf Maria

Der Name Maria

Maria war zur Zeit Jesu einer der häufigsten Namen im jüdischen Volk. Der Name „Maria“ ist die griechische und lateinische Form vom hebräischen Wort Mirjam oder Mariam. Verschiedene Bedeutungen werden für dieses Wort angegeben:

Erstens lässt sich eine ägyptische Herkunft herleiten. Demnach kommt es von mry, was „geliebt“ bedeutet. Der Name könnte auch auf ägyptisch merit-amun, „die von Amun Geliebte“ zurückgeführt werden. Damit erinnert über die Wortbedeutung hinaus dieser Name an Mirjam, die Schwester Mose. Mirjam ist eine Erinnerung an das Schicksal und an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten. Mit der Namensgebung verknüpften Juden und Jüdinnen ihr eigenes Schicksal und ihre Hoffnungen an dieses wichtigste Ereignis in der Geschichte des Volkes Israel. Wer diesen Namen trug, sollte auch ein „Befreierin“ sein, so wie heute die Unterdrückten in ihren Gebeten an Maria um Befreiung beten. Darüber hinaus ist es nicht unbedeutend, dass Namen ägyptischer Herkunft, also eigentlich „ausländische“ Namen – wie Mose oder Mirjam – zu den wichtigsten Namen im Judentum wurden. Aufgrund der Rebellion der Schwester von Moses bedeutet Miriam auch „die Ungezähmte“ oder „die Widerspenstige“.Andere Worterklärungen lauten: Die Erhabene – mirjam – als Partizip des hebräischen Verbs für „aufstehen, erheben“; die Weise – marjiam – als Form des aramäischen Verbes „weise sein, gedankenverloren, nachdenklich sein“; auch wird an ein Kompositum von hebr./aram mir „bitter“ und jam („Wasser“) gedacht.

Die vielfachen bzw. mehrfachen Bedeutungen dieses Wortes mit großen religiösen und politischen Bedeutungen mögen dazu geführt haben, dass dieser Name so bedeutsam ist und im Umfeld Jesu zu den häufigsten Frauennamen zählt. Maria, die Mutter Jesu, und Maria Magdalena sind die bedeutsamsten Frauen unter diesen.

Maria und die sozio-ökonomische Situation von Frauen in Israel zur Zeit Jesu

Die historische Forschung, beginnend mit der Leben-Jesu-Forschung, gibt uns heute ein genaues Bild von den sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Umständen des Lebens im 1. Jahrhundert in Palästina. Um das Leben der Frauen um Jesus im allgemeinen und jenes seiner Mutter zu verstehen, müssen wir sie in diesem Zusammenhang betrachten. Insbesondere die feministische Forschung hat die Rolle der Mädchen und Frauen in den antiken Gesellschaften des Mittelmeerraumes herausgearbeitet.

Weit mehr als in unserer Gesellschaft waren Frauen in der mediterranen Umwelt der Antike von ihren Rollenzuweisungen bestimmt. Die Erwartung eines geschlechtskonformen Rollenverhaltens war besonders hoch. Dieses wurde zum einen als gottgegeben bzw. religiös begründet und zum anderen von der Natur her. Als typisch weibliche Attribute galten schwach, ängstlich, kleinlich, geschwätzig, irrational, emotional und unkontrolliert. Frauen sollten sich im Wesentlichen auf die Tätigkeiten der Haus- und Kinderarbeit beschränken. Sie waren von der Gestaltung des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Das war reine Männerdomäne. Freilich kann auch der Haushalt in gewisser Weise als politischer Ort gesehen werden. Zusätzlich war die Stellung der Frau noch einmal abhängig von der Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit. Frauen der Oberschicht hatten mehr Rechte als jene der Unterschicht.

In diesem sozial-historischen Kontext ist es umso erstaunlicher, wenn in den Evangelien Maria, die Mutter Jesu, oder Maria Magdalena als äußerst aktiv, klug, überlegen, mutig und zielstrebig geschildert werden. Sie scheinen die weiblichen Stereotypen bewusst zu durchbrechen und werden von Jesus dazu ermutigt.

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