Heilige Ursula, Heilige Angela Merici und ihr Erbe


Liebe Versammelte bei Maria Magdalena & Co!

Gerne wäre ich als Vorsitzender der Kath. Aktion der Diözese Innsbruck und als Präsidiumsmitglied der Katholischen Männerbewegung heute wieder dabei gewesen. Allerdings bin ich, wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen, momentan in Quarantäne. Gerne wäre ich dabei gewesen, um auch als Mann und als Vertreter einer katholischen Männerbewegung zu sagen: Wir stehen hinter den Anliegen der Gendergerechtigkeit! Solange die Rechte für Frauen und Männer in unserer Kirche nicht gleich sind, solange leidet die gesamte Kirche. Die Aufgabe, das Amt neu zu denken und zu gestalten, gilt in gleicher Weise für Männer wie für Frauen.

Der heutige Ausgangspunkt am Innrain erinnert an eine lange und so prägende Geschichte eines Frauenordens in Innsbruck. Bereits vor 330 Jahren, 1691, kamen die Ursulinen nach Innsbruck. Sie gründeten ein Kloster und die erste Mädchenschule der Stadt, die bis 1775 auch die einzige blieb. Die „Frauen Ursulinen“ waren die Pionierinnen der Mädchenbildung. 1904 errichteten sie ein Lyzeum, die erste höhere Schule für Mädchen in Tirol. Warum ist dieser Aspekt so bedeutsam: In einer Zeit, in der vor allem Mädchen aus ärmeren Bevölkerungsschichten keine Bildungsmöglichkeiten hatten, schufen die Ursulinen für sie Bildungschancen. In einer Zeit, in der fast ausschließlich Männer an den Universitäten waren, war die Ursulinenschule am Innrain die Voraussetzung, dass auch in Innsbruck dann Mädchen die Hochschulreife hatten und damit Zugang zu einer universitären Bildung. Bei diesem Schwerpunkt sind wir bei der Geschichte der Ordensgründerin der Ursulinen, der Heiligen Angela Merici

Angela Merici

Das Leben der hl. Angela fällt in die Zeit der reformatorischen Umbrüche. In unserer Diözese wird im kommenden Jahr 500-Jahre Petrus Canisius groß gefeiert werden. Es gab in dieser Zeit aber eben nicht nur Männer wie den Hl. Karl Borromäus oder Petrus Canisius, es gab auch große Frauen wie Angela Merici.

Sie wurde 1470 unweit des Gardasees geboren. Zunächst trat sie dem Dritten Orden des Hl. Franziskus bei. Ihr wichtigstes Anliegen war es, Mädchen und Frauen in Notsituationen durch Begleitung und Bildung zu helfen. Für diese Aufgabe suchte sie sich Gefährtinnen, die zunächst nicht in einem Kloster zusammenleben sollten, sondern in einer eigenverantwortlichen Lebensform und selbständig in Freiheit.

Gerade weil die Hl. Angela sehr religiös war, blieb sie immer in kritischer Distanz zur offiziellen Kirche. Weder ließ sie sich vom Papst in Rom einspannen, noch konnten sie die Dogen in Venedig festhalten. Frauen sollten sich durch Bildung emanzipieren. Für diese Aufgabe wollte sie ganz leben.

Heilige Ursula

Wenn wir an die Hl. Angela Merici und die Ursulinen denken, denken wir aber auch an eine andere große Frau,  an die Hl. Ursula. Auch sie ist eine große Wegbegleiterin für uns in der Bewegung Maria Magdalena und Co, in der es um die Gendergerechtigkeit in unserer Kirche geht. Gestern feierten wir den Gedenktag der Heiligen Ursula, der Schutzheiligen des Ursulinen-Ordens und der Ursulinen-Schulen. Die Gründerin der Ursulinen, Angela Merici, benannte ihre Gemeinschaft nach der Heiligen Ursula, weil diese für sie ein Glaubensvorbild war. Zudem gilt Ursula als Schutzheilige der Jugend und der Lehrerinnen. Die Heilige Angela dürfte die Legenden über die hl. Ursula gut gekannt haben

Zur Hl. Ursula gibt es viele Geschichten, die einem feministischen Lehrbuch entnommen sein könnten. Natürlich sind es Legenden. Aber gerade in den Legenden können sich grundlegende Wahrheiten verdichten. Ich möchte drei Aspekte hervorheben.

  • Ursula ist klug und freiheitsliebend

Ursula ist die schöne und überaus gescheite Tochter eines christlichen Königs aus Britannia. Eines Tages hält ein heidnischer Königssohn aus „Engelland“ um ihre Hand an. Ursulas Vater kennt seine Tochter gut und weiß genau, dass sie niemals in eine Heirat einwilligen wird. Doch Ursula ist bereit einzulenken, als sie merkt, dass ihr Vater große Angst vor der „Wildheit“ des Brautwerbers hat, der im Fall ihrer Weigerung mit harten Konsequenzen droht. Klug, wie Ursula ist, stellt sie jedoch drei Bedingungen. Die erste ist, dass der Jüngling sich taufen lässt.

  • Ursula handelt nicht allein

Ursula ist keine Einzelkämpferin. Als zweite Bedingung verlangt sie, dass man ihr Begleiterinnen zur Seite gäbe und Schiffe bereit stellt, mit denen sie mit ihren Gefährtinnen losfahren könnte. Wunderschön wird in der Legende berichtet, wie die Frauen miteinander diskutieren und spielten. Wenn es in der Legende heißt, sie trieben Kurzweil, so bedeutet es: sie übten sich in Gelehrsamkeit.

Das erinnert an die Beginen, die ab dem 13. Jahrhundert eine völlig neue alternative Lebensform entwickelten. Sie wohnten und arbeiteten in kleineren Gruppen oder auch großen Konventen zusammen und legten großen Wert auf ihre spirituelle und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

  • Ursula fordert zum Widerspruch heraus

Eine Frau so stark und emanzipiert wie Ursula und in Gemeinschaft mit vielen anderen Frauen führt zum Widerspruch. Ihre Gefährtinnen, so die Legende, wurden von den Hunnen getötet. Ursula wollte sich nicht dem Hunnenkönig unterwerfen. Auch sie traf ein Pfeil. Opfer von Männergewalt wurden sie.
Auch die Ursulinen von Innsbruck haben sich 1938 einem grausamen Diktator widersetzt. Die damalige Oberin weigerte sich, dass an der Schule Hitlers Geburtstag gefeiert wird. Ihr Kloster und die Schule wurden dann von den Nazis geschlossen. So sind wir wieder bei den Ursulinen hier in Innsbruck.

Die Legenden rund um die Hl. Ursula verdichten so wunderschön, wie der Platz von Frauen in der Kirche sein könnte: Voller Klugheit und Witz, voll Mut und zugleich Treue zum Evangelium.

Frauen wie die Hl. Ursula und die Hl. Angela Merici zeigen uns, dass schon von der frühen Kirche an und im ausgehenden Mittelalter kluge und engagierte Frauen die Gestalt der Kirche wesentlich geprägt haben. Sie ermutigen uns auch heute, für die Rechte von Frauen in der Kirche einzustehen.

Klaus Heidegger, 22.10.2020