Fronleichnam und kein Hokuspokus

Teebeben

So lautet der Titel eines preisgekrönten französischen Kurzfilms. Ein Rechtsextremer betritt den Laden eines arabischen Gemischtwarenhändlers in einer französischen Kleinstadt. Verächtlich spuckt er dort auf den Boden. Der Ladenbesitzer – so wäre die normale Reaktion gewesen – hätte nun wohl als ehemaliger Profiboxer zum gewalttätigen Gegenschlag ausholen können. Doch es geschieht eine radikale Wende. Er bückt sich vor dem Aggressor, um den Speichel vom Boden zu wischen. Dann lädt er den Gewalttäter zu einer Tasse Minztee im Untergeschoß seines Geschäftes ein. Wandlung wird möglich. Das Bücken ist wie die Fußwaschung im Kontext des letzten Abendmahles bei Jesus. Eucharistische Praxis hat seither immer mit dem gewaltfrei-demütigen Niederbücken zu tun, in dem Solidarität und Entfeindung geschehen können. Die Einladung zum Teetrinken im genannten Kurzfilm ist wie die Einladung Jesu: „Nehmt und esst und trinkt …!“ Wo diese Praxis fortgeführt wird, werden bewusst Grenzen aufgehoben, nicht aber gezogen. Am Ende dieses Kurzfilms wird der Ausländerfeind zu einer Person, die nun den Araber gegen seine rechtsextremen Freunde in Schutz nimmt.

Eucharistische Alltagswirklichkeiten

In unserem Alltag ist es immer wieder gelebte Wirklichkeit, woran Feste wie Fronleichnam erinnern. Wandlung und damit Gegenwärtigkeit des Göttlichen werden begreifbar in Gemeinschaften, wo wir uns „bücken“ für andere oder im politischen „Bücken“ für Gerechtigkeit und Frieden. Eucharistische Gegenwärtigkeit lässt sich spüren, wo geteilt wird. Dort geschieht Wandlung. Die Botschaft von Fronleichnam hat mit Alltagserfahrungen zu tun: bei den familiären Küchentischen bis zum Teilen einer Pizza in einer Pizzeria oder einem freundschaftlichen Picknick am Inn, dem Jausenbrot in der Schule oder dem gemeinsamen Essen in der Kantine. Solche Grunderfahrungen schenken das, was in der Eucharistie und zu Fronleichnam verdichtet wird.

Göttlich-jesuanische Gegenwärtigkeit stillt Hunger nach wirklichem Leben

Kinder, die in den letzten Wochen die Erstkommunion empfingen, haben von Beginn an gespürt: Gott ist wie eine stillende Mutter. Dieser Topos findet sich in jeder Religion. Maria lactans, die stillende Mutter Gottes, sehen wir hierzulande in vielen bildlichen Darstellungen. Gerade die kindlichen Erfahrungen sind geprägt davon, dass sich Eltern ohne Berechnung und aus reiner Liebe hingeben können. Für Jugendliche sind es dann Freundschaften, in denen sie wieder die Grunderfahrung machen können, angenommen zu sein. Unvergesslich bleiben für Verliebte die ersten Dates, meist verbunden auch mit Essen und Trinken. Für Ehepaare kann das alltägliche fürsorgliche Teilen von Sorgen und Freuden wie eine Perlenkette sein, die Halt im Leben gibt. Ältere Menschen schätzen es, wenn ihre Verwandten oder alte Bekanntschaften gelegentlich am Sonntag zu Kaffee und Kuchen vorbeikommen und sie nicht in Alterseinsamkeit enden.

Wandlung geschieht

In all solchen Begegnungen kann immer wieder Wandlung geschehen. Trauer wandelt sich durch tröstende Worte in neue Zuversicht. Einsamkeit wandelt sich durch Begegnung in Lebensmut. Verzweiflung wandelt sich durch geschenkte menschliche Nähe in Hoffnung. Wenn am Fronleichnamsfest das Geheimnis von Wandlung im Mittelpunkt steht, dann feiern die Menschen den Kern ihres erfahrbaren Glaubens: In diesem Stück Brot in der Monstranz verdichtet sich das Leibliche unserer Religion. Gott will greifbar, Gott will spürbar werden. Es ist kein Glaube, der das Sehnen nach Himmel und Befreiung in eine ferne Welt projiziert, sondern konkret-greifbar-leibliche Dimensionen zeitigt.

Wir sind Monstranz!

Die Monstranz mit dem eucharistisch gewandelten Brot ist das Zentrum der Fronleichnamsrituale. Übersetzen könnten wir Monstranz mit „Zeigegerät“. Die Kirche sagt also: „Schaut her! So ist Jesus. Jesus ist gegenwärtig. Mitten unter uns. Hier, wo geteilt und nicht gespalten wird! Hier, wo geliebt wird! Hier, wo aufeinander zugegangen wird! Hier!“ Zugleich bliebe alles nur fromme Show, würden wir selbst nicht zum Gefäß werden, in dem die jesuanischen Eigenschaften spürbar werden können, zu denen vor allem die vorbehaltlose Liebe zählt, die nicht berechnet, sondern sich verschenkt, die nicht aufrechnet, sondern immer neu verzeiht.

Klaus Heidegger, zum Fronleichnamsfest 2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.