Brenner-Penserjoch-Ritten: Mit dem Rennrad am Zwickeltag in Südtirol

Sanftes Reisen

Ich bin privilegiert. Für einen Umgebungswechsel brauche ich kein Auto. Das Rad ist mein Gefährt. So geht es direkt von der Haustüre weg. 6.00 morgens. Noch ist es ruhig an diesem Zwickeltag, an diesem Wochenende, das nach einer langen Lockdown-Phase viele nützen, um hinaus zu kommen. Sicherheitshalber habe ich am Vortag einen Antigentest gemacht. Der gelbe Impfpass ist im Rucksack. Ebenfalls die Registrierungspapiere für die Einreise nach Italien, die aber vielleicht gar nicht mehr nötig sind. Der Himmel ist bewölkt. Warmer Sommerwind kommt vom Süden. Die satten Wiesen duften. Die Frühsommer-Blumen leuchten in bunten Farben – gelb, violett, rosa oder blau. Manche habe noch ihre Blütenköpfe geschlossen. Die Strecke hinauf nach Igls und die Römerstraße hinein nach Matrei sind mir so vertraut, dass ich sie fast blind fahren könnte. 7.30 Uhr in Matrei. Ich habe es nicht eilig heute. Gedanken- und seelenversunken trete ich das Wipptal hinauf zum Brenner. Dort gibt es gar keine Kontrolle.

Verkehrswahn

Auf der Brennerautobahn reiht sich an diesem Freitag nach Fronleichnam Lkw an Lkw. Wo immer ich heute in den Wipptälern unterwegs bin, wird mich der Lärm begleiten, selbst in die Anhöhen hinauf. Unsichtbar bleiben die anderen Emissionen – die Feinpartikel vom Abrieb und den Abgasen, die sich in den Lungen der Menschen nördlich und südlich des Brenners, im Inntal, im Eisacktal und Etschtal festfressen und schleichend zu Krankheiten führen. Heute stand es in der Tageszeitung: Tirol hat eine Zunahme an den CO-2-Emissionen um 87 Prozent gegenüber 1990 und liegt damit in Österreich an der Spitze. Auch die Stickoxid-Emissionen nahmen in Tirol um 60 Prozent zu. Hörbar und sichtbar wird: Nach Corona ist die Normalität des Transit-Wahns zurück und hat bereits wieder die Prä-Pandemie-Horrorzahlen erreicht. Im April sollen an der Mautstelle in Schönberg bereits über 200.000 Lkw gezählt worden sein. Auf der linken Fahrspur der A13 und A22 wälzt sich Kurz-Urlauberverkehr. Denkt niemand der Menschen, die heute in den Autos sitzen und teils über Hunderte Kilometer fahren, um irgendwo im Süden ihre Freiheit eines verlängerten Wochenendes und aufgehobener Corona-Sperren nützen, an die Erhitzung der Erde, die an einen höchst problematischen Krisenpunkt gelangt ist? Die Überkopftafeln auf der Autobahn warnen nicht mit „ACHTUNG ERDERHITZUNG“, sondern mit „ACHTUNG STAU“. Der heutige Weltumwelttag scheint bedeutungslos zu sein. Proportional zu den sinkenden Inzidenzzahlen – so steht es weiters geschrieben – geht es aufwärts mit der Zahl der Flugpassagiere und ihren einwöchigen Kurztrips nach Griechenland & Co.

Vom Brenner über das Penserjoch, den Ritten bis ins Unteretsch nach Neumarkt

In der kleinen, schäbig wirkenden Kapelle „Maria zum Guten Rat“ oberhalb der Straße am Brenner, die so ziemlich an der Grenzlinie steht, zünde ich drei kleine Kerzen an. Sie sind Zeichen der Dankbarkeit für Menschen, die „Guten Rat“ geben, weil sie empfindsam sind. Die alte Kapelle spiegelt sich in der Glasfassade des Outletcenters. Religion wird geschluckt vom Kommerz, denke ich mir. 1000 HM, eine Marathonlänge und drei Stunden sind vergangen. Aber die Zeit ist mir heute egal. Dann sause ich den Brenner hinunter nach Sterzing. Bei der Bäckerei kurz vor der Altstadt habe ich schon mehrmals Halt gemacht. Latella und ein Laugenstangerl, das reicht für die kommende Bergstrecke. Es geht von 944m auf 2211m die Nordrampe hinauf, 1269 Hm verteilt auf 16 km. Da ist keine Müdigkeit in meinen Knochen. Es ist, als flöge ich hinauf. Immer wieder schrecken mich Motorradhorden von meinen Gedanken auf. Dann versuche ich möglichst rechts zu fahren. Ein Höllenlärm. Wer gibt ihnen das Recht, all die Täler und Bergstraßen Südtirols mit ihrem Lärm zu überziehen? Sportwagenfahrer nützen die Strecken für ihre Privatrennen. Weiter oben blühen noch Krokusse und Enziane. Die Motorradfahrer, hier muss ich nicht unbedingt gendern, weil es scheint nach wie vor ein Tun „starker“ Männer zu sein, verschanzt in ihre Rüstungen, werden wohl keinen Blick dafür haben. Ihnen scheint es darum zu gehen, möglichst schnell in die Kurven zu fahren. Auf der Passhöhe stehen Dutzende von diesen lärmenden Ungeheuern. Steif und unbeweglich steigen manche von den Fahrern von ihren Maschinen, so als könnten sie mit ihren dicken Motorradrüstungen kaum gehen. Kleine Schneewände sind noch am Joch. Das Wetter hält. 6 Stunden sind seit der Abfahrt vergangen. 75 Kilometer. Nun ja, auf die Durchschnittsgeschwindigkeit darf nicht genau hingesehen werden. Aber immerhin sind es schon 2300 Höhenmeter. Die Abfahrt geht rasch. 50 Kilometer Talfahrt nach Bozen wäre die Normalroute. Bald wird es wieder wunderbar grün im Sarntal. Löwenzahnwiesen und zunehmend wärmer. Heute wähle ich nach Bozen nicht die Strecke durch die Talferschlucht mit den vielen Tunnels, sondern hinauf auf den Ritten auf 1220. Sommerlich warm. Bald schon zeigt mein Garmin, dass ich bereits über 3000 HM im Aufstieg gefahren bin. Die Hochebene am Ritten beginnt mit der ersten Ortschaft Wangen. Die Kirche dort lädt mich zur Rast ein. Am Friedhof steht eine einzigartige gotische Lichtsäule. Im Inneren der Kirche fällt mir vor allem die gotische Kanzel aus Sandstein auf, auf der in einem Fresko eine Mariendarstellung aus gotischer Zeit ist. Dann geht die Fahrt nochmals 300 HM weiter hinauf. Der Ritten ist ein unglaublich großes Gebiet mit vielen verstreuten Siedlungen und Wiesen und Wäldern dazwischen. Eine Freundin erzählte mir kürzlich, wie schön die Grillen am Ritten zirpen. Das kann ich heute bestätigen. Sie zirpen gegen den Lärm der Motorräder, die auch hier ihr Unwesen auslassen. Eine Leonhardskirche mit einer eisernen Kette rundherum und einem romanischen Turm steht in Oberinn. Auch dafür nehme ich mir wieder Zeit. Über den mächtigen Dolomiten im Osten zieht sich gerade ein Gewitter zusammen. Tief unten ist der Bozner Talkessel. Dorthin sause ich nun, möglichst schnell durch die Stadt und am Radweg der Etsch entlang bis Neumarkt. Der Südwind bläst mit voller Stärke. Manchmal fällt es sogar schwer, dass die Geschwindigkeit nicht unter 20 km/h fällt. 17.00 Uhr ist es geworden. 170 Kilometer und fast 3400 Höhenmeter. Drei Passstrecken liegen hinter mir. Von winterlicher Berglandschaft mit Schnee an den Rändern nun inmitten von blühenden Weinbergen und Apfelplantagen. Überall finden Menschen Heimat. Meine Seele sucht sie.

Klaus Heidegger, 6. Juni 2021

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