Furgler – der 3000er, Serfaus – der Touristenort und eine Gnadenstatue – zur Rettung der Wälder

Vorbemerkend

Als Volksschulkind war ich bereits auf dem Furgler. Vielleicht war es – wie für so viele wohl – mit 3004 m auch mein erster 3000er. Die Gegend um Serfaus habe ich dann – sowohl im Winter wie im Sommer – meist vermieden. Meine Orientierung galt vielmehr den gegenüberliegenden Gipfeln des Kaunergrats, die wesentlich steiler und höher sind und unvergleichlich einsamer. Die Welt des Mega-Tourismus von Serfaus, die unzähligen Bergbahnen und Lifte – das ist nicht meine Welt zum Wohlfühlen. Dennoch lasse ich mich wieder einmal auf diese Gegend ein, weil es in Gemeinschaft mit einer Alpenvereinsgruppe geschieht. Mein Weg beginnt mit dem Gravelbike von Prutz weg. Schon morgens werde ich auf der Fahrt von Ried hinauf von Aber-Dutzenden Autos überholt, die auf das Sonnenplateau von Ladis-Fiss-Serfaus hinauf glühen. Besonders heute schätze ich die Bereitschaft der AV-Gruppe, mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine solche Tour durchzuführen. Angesichts der aktuell brennenden Wälder in vielen Teilen der Welt, die Folge der Erderhitzung sind, ist dies ein wichtiges Statement. Da passt auch die Wallfahrtsgeschichte von Serfaus dazu.

Maria im Walde

Bewusst habe ich vor dem Treffpunkt zur Tour Zeit eingeplant, um in die Wallfahrtskirche von Serfaus zu gehen. Inmitten der Hotelburgen und irgendwelcher Restaurants und Lokale ist das Ensemble von imposantem Turm mit gemauerten Turmhelm, romanisch-gotischer Kirche und Friedhofsmauer aus mittelalterlichen Zeiten ein mystischer Ort. Manches Mauerwerk geht bis ins Jahr 800 zurück. Die nahe U-Bahnstation (!) ist wie ein Kontrapunkt zum Kirchenkomplex. Hier ist kein Rummel. Da bin ich allein. Und es ist ganz ruhig. Ich sitze vor der frühromanischen Gnadenstatue aus dem 11. oder 12. Jahrhundert in der frühgotischen Apsis. Morgensonne scheint durch die Spitzbogenfenster im Osten. An den Wänden sind guterhaltene gotische Fresken. In der Marienstatue mit dem Jesuskind verdichtet sich ikonographisch ein ganzes Glaubensbekenntnis, das weit über christliche Grunderfahrungen hinausgeht. Die kleine Holzfigur fasst den Glauben, die Hoffnungen und das Sehnen von uns Menschen zusammen. Schon die Entstehungslegende der Wallfahrt zu Maria im Walde – es soll die älteste Wallfahrt in Tirol sein – ist bleibend bedeutsam. Es heißt, so die Legende, Maria sei in einer Fichte erschienen, als Waldarbeiter gerade den Baum niederschneiden wollten und habe gebeten: „Hack mich nicht!“ Wieder muss ich an die Wälder denken, die gegenwärtig brennen, und sehe die bleibende Bedeutung in dieser göttlich anmutenden Figur und der Entstehungslegende. Sie will mir heute sagen: Setz dich ein und versuche so zu leben, dass sich die Erde nicht noch mehr erhitzt und noch mehr Wälder zum Fraß der Flammen werden oder dass in anderen Kontinenten Regenwälder abgerodet werden. Maria in der Tradition der Baumgöttinnen ist die Beschützerin der Wälder.

Ich werde die Darstellung mit in diesen Tag hineinnehmen: Maria nicht als Opfer, nicht als „Schmerzensmutter“, wie sie in meiner Schule, die auf die Serviten zurückzuführen ist, dargestellt wird, sondern als Siegbringerin, die gekrönt auf einem Thron sitzt. Das Jesuskind segnet mit der rechten Hand und in der Linken trägt es das Zepter des Weltengerichts. Darf ich – trotz allem – sowohl im globalen, politischen Maßstab wie auch in den privaten Gegebenheiten – darauf hoffen, dass der Apfel – Symbol der Erlösung, den Maria in ihrer Hand hält, wirklich zur Rettung führen wird?

Aufstieg und Abstieg

Auf die Benützung der Bahn hinauf zum Kölner Haus verzichten wir gerne. Das Gehen ist uns wichtiger. Bis dorthin geht auch eine Asphaltstraße. Wir gehen aber meist entlang der Abfahrtstrasse. Die Wiesen sind sichtbar verändert durch die winterlichen Präparierungsmaßnahmen und Beanspruchungen. Vom Kölner Haus weg verlassen wir die Welt der Liftanlagen. Ein Steig führt hinauf zum Furgler See. „Quietschende“ Murmeltiere sind hier. Das Wetter hält heute wohl viele davon ab, eine Wanderung zu unternehmen. Es weht kräftiger Wind. Viele der Berge ringsherum sind wolkenverhangen. Beim Furglersee ist ein Sumpfwiese, wo Blüten wie Schneebälle auf grünen Halmen sind. Schnell gehen wir hinauf zum Furglerjoch und von dort unschwierig über Granit- oder Schieferplatten und Blockwerk zum XXXL-Holzkreuz.

Auf der Südostseite geht ein ausgetretener Steig über Geröll hinunter. Der Tiefentalsee wird bald sichtbar mit seiner tiefblau-grünen Farbe. Der Wind zaubert Wellen hinein. Ich freue mich schon darauf, kurz ins Wasser zu gehen. Dort, wo die im Winter benützten Skipisten beginnen, fühlt sich der Untergrund merkwürdig fest an. Das Wasser scheint nicht ordentlich versickern zu können. In der Dorfstraße von Serfaus geht es an diesem Samstagnachmittag zu wie in einer beliebten Fußgängerzone einer Großstadt. Im Bäckerei-Kaffee, in dem wir sitzen, heißt Apfelsaft schon Apfelschorle.

Eingespeichert in meiner Seele sind aber die Bergwiesen und Seen, die Wollgräser und die vielen unterschiedlichen Gesteinsarten, die Kühle eines Bergsees, in das noch ein letztes Schneefeld reicht – früher gab es hier sogar einen kleinen Gletscher!  – und vor allem aber auch Gespräche und das Miteinander-Unterwegssein.

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