Body and Soul: Zum Fest Mariä Himmelfahrt

 Lebenserfahrungen feiern

Das Fest von der „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“ kann eine Hilfestellung sein, die existenziell-theologische Befindlichkeit des Lebens zu begreifen. Zwei Aspekte sind es, bei denen wir bei den eigenen Lebenserfahrungen anknüpfen und unseren Glauben schärfen können. Erstens: Was bedeutet die bewusste sprachliche Festlegung im Dogma auf das Adjektiv „leiblich“? Zweitens: Was bedeutet „aufgenommen in den Himmel“? Damit auch die Frage, was eigentlich mit „Himmel“ verstanden werden muss.

Mythen und Legenden nicht wortwörtlich lesen
Zunächst ist es notwendig, sich von heute unverständlichen bildhaften Vorstellungen zu lösen, wenn diese fundamentalistisch-buchstäblich verstanden würden, damit nicht der Kerninhalt des Festes in sein Gegenteil verkehrt wird. Wenn das Hochfest Mariä Himmelfahrt mit „unbefleckter Empfängnis“ und „Jungfrauenschaft“ in Verbindung gebracht wird, so entstehen in den Köpfen Vorstellungen, als gehe es um eine biologische Jungfräulichkeit, was dann weiters mit sexueller Enthaltsamkeit assoziiert wird. Allein der Begriff „unbefleckt“ in Bezug zur Empfängnis Mariens durch ihre Mutter lässt wiederum das Bild entstehen, dass die intimsten und tiefsten körperlichen Erfahrungen mit „Beflecktheit“ zu tun haben könnten. So manche Marien-Predigt an den Marienfesttagen haben den Inhalt, Maria als reine Jungfrau zu sehen, die dann am Ende ihres Lebens auf wundersame Weise in himmlische Wirklichkeit entrückt wurde.

Die Legende besagt, dass Maria entschlafen – aber nicht gestorben sei. Sie sei dann von ihrem Sohn direkt in den Himmel aufgenommen worden. So gibt es auch kein Mariengrab.

Wo aber ist der Himmel, in den Maria aufgenommen wurde? Meist wird dieser fern der irdischen Wirklichkeiten verortet, in einem Jenseits, das nach dem irdischen Tod von uns Menschen beginnt. Dagegen gilt: Himmel ist jene Wirklichkeit, die im Heute des Lebens schon zu verorten ist. Und zugleich: Sie hat mit Leiblichkeit zu tun. Damit sind wir wieder beim Mariendogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Wir dürfen Maria in ihrer Leiblichkeit wahrnehmen, weil damit auch unsere eigene Leiblichkeit ins Zentrum des Heilsgeschehens gebracht werden kann.

Leiblich ist auch körperlich

Der Begriff Leib weist uns auf die Einheit von Körper – Seele – Geist hin, weil Leib immer mehr besagt als eine körperlich-materielle Seite. Alle drei Dimensionen des Personseins werden in ihrer Bezogenheit aufeinander angesprochen. Im Dogma von der leiblichen Aufnahme hat die katholische Kirche damit dem Leiblichen – und eben damit auch dem Körperlichen – eine hohe Wertigkeit zugesprochen. Das ist ein so notwendiger Kontrapunkt zu körper-, leib- und lustfeindlichen Positionen vergangener Jahrhunderte, die sich durch bestimmte griechisch-römische Philosophien in der Lehre und Praxis der Kirchen breit gemacht hatten. Heute müssen wir sagen: Der ganze Leib – damit auch der Körper und wesentlich damit auch die Sexualität – wird in ein himmlisches Heilsgeschehen mithineingenommen.

Mit Bezug auf Maria von Nazareth, die allerorts an diesem Hohen Frauentag im Mittelpunkt steht, heißt dies. Ich darf sie mir vorstellen als eine jüdische Frau, die geliebt hat aber auch das Leid erfahren musste, wenn der Körper erniedrigt wird.

Himmelserfahrungen

In der gelingenden Erfahrung von Körper-Seele-Geist-Harmonie können wir eine Tiefe und Zufriedenheit erleben und erfahren, die wir theologisch als „Himmel“ bezeichnen und damit als Begegnungsraum mit dem Göttlichen. Dort, wo im Leben solche ganzheitlichen Erfahrungen verwehrt werden, gibt es andererseits die Erfahrung von Himmelsferne und es bleiben Hoffnung und Sehnsüchte nach einer „leiblichen Aufnahme“ in himmlische Wirklichkeiten. Diese sollen aber nie als Vertröstung für eine jenseitige Wirklichkeit fehlinterpretiert werden.

Die Heiligung des Leibes
Die Kräuterbuschen, die am Hohen Frauentag in den Kirchen gesegnet werden, erinnern duftend daran, dass es darum geht, dass unser ganzes Sein heil sein soll und dass die ganze Körperlichkeit und irdische Wirklichkeit in einen Erlösungsprozess im Jetzt des Himmels zur Erfüllung kommen können. Das wiederum ist ein politischer Auftrag: Überall dort, wo die Leiblichkeit von Menschen gefährdet ist, müssen wir als Christinnen und Christen aktiv werden. Das heißt, sich um jene Menschen zu kümmern, die arm, krank an Leib oder Seele oder unfrei sind. Das bedeutet der radikale Einsatz für eine Welt, in der durch die Klimaveränderung oder die Ausbeutung von Ressourcen oder durch Kriege und Kriegsvorbereitungen nicht in einem globalen Maßstab das Überleben von Millionen Menschen bedroht wird.

Klaus Heidegger, Mariä Himmelfahrt 2021
(Statue von Ursula Beiler bei der Wallfahrtskirche in Rietz am Jakobsweg)

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