Lamsenspitze

Um 5.15 geht es von der Bärenrast am Beginn des Stallentales weg, diesmal zu Fuß und nicht mit dem Mountainbike. Bereits zwei Stunden davor stand ich auf. Die Zeit um Mariä Himmelfahrt markiert immer eine gewisse Zäsur im Lauf eines Jahres. Der Sommer kippt merklich in den Herbst hinein. Noch ist es dunkel, als wir mit schnellem Schritt den Forstweg Richtung Stallenalm hinein sausen. Tausende zarte Spinnfäden spüren wir auf der Haut. Es wird ein heißer Tag, doch zu so früher Stunde ist es – so ganz ohne Jacke – angenehm. Wir sind schon weit über der Stallenalm, als wunderbar golden die Sonne über den Tuxer Alpen aufgeht. Allein dieser Augenblick lohnt jedes frühe Aufstehen. Es ist ein wunderbares Lichtspiel. Tiefdunkelblau der Himmel – und mittendrin das Gold der Sonne, das nach und nach die imposanten Wände des Hochnissl anleuchtet.

Mir ist der Steig hinauf zur Lamsenhütte vertraut – und doch ist es jedes Mal wieder ein neues Erlebnis. Was schön und wunderbar ist, will wiederholt werden und leuchtet und strahlt jedes Mal wieder ganz neu. Die Landschaft lebt. Andere Bergblumen blühen heute als zu Beginn des Sommers. Ein schriller Pfiff eines Murmeltiers schreckt uns auf. Beim Steigen achten wir darauf, nicht auf einen der schwarzen Bergmolche zu treten, die zu langsam-träge sind, um unseren Schritten ausweichen zu können. Gämsen sind links und rechts und oberhalb von uns, als würden wir durch einen überdimensionierten Alpenzoo gehen. Doch hier ist unendliche Freiheit. Majestätisch leuchtet die Lamsenspitze im Hintergrund und hebt sich ab vom Dunkel, das noch die Aufstiegshänge bedeckt. Mit den Foto- und Verweilpausen sind wir in knapp zwei Stunden bei der Lamsenjochhütte. Vereinzelt sitzen dort Menschen mit unbeschreiblichem Panoramafeeling beim Frühstück. Beeindruckend sind die Felswände dahinter.

Wir machen erst beim Einstieg zum Brudertunnelklettersteig eine Trinkpause. Vor uns ist noch niemand im Aufstieg. Mit Blick auf den Steinschlag ist dies ein großer Sicherheitsvorteil. Der Klettersteig selbst ist mit 200 Höhenmetern kurz und nicht schwierig und hat als großartiges Finale noch den kühlen Brudertunnel. Dann stehen wir schon auf der anderen Seite des Kammes und blicken hinunter ins Vomperloch und das Inntal. Es geht entlang der Schotterreise durch das Lamskar zum Einstieg vom Gipfelklettersteig. Hier heißt es auf den Steinschlag besonders aufzupassen. Kurz vor dem Gipfel genießt ein kolossaler Steinbock die steilen Flanken und lässt sich von uns nicht stören. Gipfel. Mit den Verweil- und Fotographierpausen waren es waren es rund 1500 HM und 15 Kilometer in Dreidreiviertel Stunden vom Ausgangspunkt weg. Wir genießen an diesem Morgen den unvergleichlichen Aussichtspunkt mit einem 360 Grad-Panorama-Ausblick auf die wilden Gipfel des Karwendel, hinunter in die Karwendeltäler und weit hinein in die Tuxer- und Stubaier-Alpen.

Beim Abstieg machen wir noch zwei Pausen – auf der Lamsenjochhütte für eine Einkehr und dann unterhalb der Stallenalm, um im kühlen Wasser des Stallenbaches zu kneippen.

Für ein paar Stunden konnte ich etwas vergessen: Die Enttäuschungen im Eigenen sowie die vielen schier unbewältigbaren riesigen Probleme in der Welt, die Lage in Afghanistan nach der Machtergreifung der Taliban, die brennenden Wälder und Verwüstungen im Gefolge der Erderhitzung oder das Erdbeben auf Haiti. Die Kostbarkeit und Schönheit des Lebens und das gemeinsame harmonische Unterwegssein kräftigt, um angesichts solcher Herausforderungen nicht ganz zu verzweifeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.