Habicht persönlich

Er ist einer der ganz Großen der Stubaier Alpen. Der Habicht. Ein mächtiger Berg, der noch mächtiger wirkt, weil er so frei im hinteren Stubai steht und die Berge davor, Elfer, Zwölfer und selbst Kirchdach und Illmspitze, klein aussehen lässt. Wenn ich mit dem Rad von Absam nach Innsbruck fuhr, dann schaute ich oft hinein ins Stubai, wo hinter der Serles dieser Gipfel über alle andere zu thronen scheint. Bereits drei Mal stand ich auf seiner Spitze. Ich verbinde ihn mit Studienzeit und Freundschaft. 13 Jahre sind seit dem letzten Mal vergangen. Meine Welt ist heute anders geworden.

6.15. Start beim Gasthof Feuerstein. Wir wählen die Direttissima hinauf zur Innsbrucker Hütte. Sie beginnt kurz nach der Talstation der Materialseilbahn. Die letzten Male ging ich den normalen Steig, der weiter nördlich beginnt und weniger steil hinaufzieht. Ein Samstag in der Mitte des Septembers. Der Wetterbericht ist verheißend. Noch ist es dunkel. Die Stirnlampen leuchten den Serpentinensteig aus. Erde und Steine sind nass. Schnell gewinnen wir an Höhe. Der Steig windet sich die steile Flanke hinauf. Noch sind wir im Nebel. Wir wecken eine Schafherde auf. Weiter oben treffen wir auf einen Hirten, der versprengte Schafe zu ihrer Herde zurückführt. Kurzer Smalltalk über die vier Schafe, die ihre Herde verließen. Die Schafe hier haben es jedenfalls gut: Fast unendlich viel Auslauf, ein Zusammensein in der Herde, einen besorgten Jäger, bestes Futter. Keine Lebensweise wie jene der Millionen Nutztiere in Massentierhaltung, Schweine auf engstem Raum und auf Vollspaltboden. Die Lämmer hier im Gebirge können ihrem Mamaschaf folgen, das liebevoll blökend den Nachwuchs im Auge hat. Auch das Tierglück ist hier oben und die Frage nach dem Wolf taucht dabei auf. Tatsächlich soll er hier in den Stubaier Alpen bereits gesichtet worden sein.

Um 8.00 sind wir auf der Innsbrucker Hütte. Kurze Rast ebendort. Einige Hüttengäste sind bereits zum Gipfel aufgebrochen. Bald schon sind wir über dem Hochnebel. Es bietet sich ein grandioser Blick über die nebelbedeckten Täler, aus denen die schroffen Gipfel – vor allem die Felsbastionen der Tribulaune im Süden – ragen. Der Steig ist an exponierten Stellen mit Drahtseilen gut gesichert. Das Firnfeld ist inzwischen klein geworden und die Grödel hatten wir umsonst eingepackt. Wir haben das gleiche Tempo – nur beim Klettern bremse ich etwas ab. Die kurzen Pausen abgerechnet sind es für etwas mehr als 8 Kilometer weniger als 4 Stunden vom Tal zum Gipfel auf 3277 m, fast genau 2000 Höhenmeter. Es tut so gut, nicht alleine unterwegs zu sein, sondern im freundschaftlichen Gleichklang. Wie die Schritte über den Abgründen nur gelingen, wenn das Gleichgewicht funktioniert, so sucht auch die Seele hier oben über den Wolken das Gleichgewicht. Der Gipfel ist geräumig – so ganz anders als der Elfer, auf dem kaum eine Person Platz findet. Ich schaue hinunter in die Südwestflanke, über die im Winter die extrem steile Skitourroute verläuft, und rundum: Freiger, Zuckerhütl, Rinnenspitze, Lüsener Villerspitze, Lüsener Fernerkogel, Grieskogel, Winnebacher, Zischgeles, Längentaler Weißkogel, … und im Norden Bettelwurf, Lamsenspitze, Elfer, Zwölfer, Kirchdach, Kaserer – das Panorama liest sich wie ein Tagebuch vom heurigen Winter und Sommer. Der Habichtgletscher mit kräftigen Randspalten in der Nordwand ist stark reduziert. Die Erderhitzung wird ihn wohl bald gänzlich verschwinden lassen. Ich schicke meine geistigen Grüße hinunter ins Tal zu meinen Gleichgesinnten, die zur Stunde eine Menschenkette zur Rettung der Menschenrechte bilden. Ich strecke meine Hand hinaus und unsichtbar reicht die Kette von Innsbruck bis zum Habicht hinauf.

Der Abstieg mit den Bergschuhen ist angenehm. Damit lässt sich über die Granitfelsen hüpfen, ohne die Bänder zu beanspruchen, und auch der Tritt ist sicher – solange es keine unabsichtlichen Umwege gibt. Während wir absteigen, steigen immer noch andere auf. Bei Kaspressknödel und Schmarren vom freundlichen Hüttenpersonal auf der Panoramaterrasse der Innsbrucker Hütte werden Körper und Seele genährt. Covid macht vor der Höhe nicht Halt. Auch hier oben gilt die 3-G-Regel. Da mein Nachweis am Handy verschwunden ist, mache ich noch einen Schnelltest. Mountainbiker sind vom Pinnistal mit ihren Bikes herauf gefahren. Tatsächlich sehen die Kehren hinunter ins Stubai gut befahrbar aus. Werde ich wohl auch einmal probieren. Wir springen den einsamen Steig unter der Materialseilbahn hinunter ins hintere Gschnitztal. Die Täler haben mich wieder mit ihren Asphaltstraßen und Schluchten, wo Trittsicherheit einer anderen Art gefragt ist. Zum Glück gibt es aber auch dort Menschen, die einander Sicherheit schenken in den Herausforderungen des Alltags.

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