Hochmahdkopf – Berge wie Lebensbegleiter

Der Hochmahdkopf (1738 m) oberhalb jenes Dorfes, das mir immer Heimat bleiben wird, zählt zu meinen meistbesuchten Gipfeln. Dort oben war ich unzählige Male: schon ganz früh im Frühling und bis spät in den Winter hinein, im alten oder frischen Schnee oder in sommerlicher Hitze, im Nebel oder bei strahlendem Sonnenschein, oft bei Sonnenaufgang, manchmal aber auch bei Sonnenuntergang, meist allein oder manchmal mit Menschen, die mir wichtig geworden sind. Manchmal war mein seelisches Gepäck schwer und da tat es gut, scheinbar die Welt hinter sich zu lassen, um wieder einen Blick, Überblick und Ausblick zu bekommen. Ich stand auf diesem Gipfel bei Föhnsturm, der meine Tränen trocknete, im Sonnenschein, der die Freude über Gelingendes widerspiegelte. Ich war wütend, wenn ich an manchen Tagen die dicke Smogdecke im Inntal sah, und sammelte Kraft, um wieder hinunterzusteigen, um in meiner Arbeit für ein anderes Leben einzutreten. Diesmal, am Ende einer Skitourensaison und an einem wetterwechselhaften Tag mit Föhn, Sonne und Regentropfen – wie im Leben – war es wieder etwas Einmaliges.

Vom Einstieg weg sind es exakt 1000 Höhenmeter auf einem steilen Steig. Vom Karwendelparkplatz geht es direkt beim Eingang zum Halltal zunächst durch den Mischwald, in dem im Frühling besonders viele Vögel zwitschern. Bald schon kommt das Gebiet, in dem 2014 der Waldbrand die ganze Geländeschulter vom Heuberg abfackelte. Die vielen Aufforstungsversuche können sich noch nicht gegen die abgebrannten Reste der Latschenhölzer durchsetzen. Mit Zäunen wurde versucht zu verhindern, dass die Gämsen die mühsam gepflanzten Bäumchen abfressen. Eine Tafel bei einem Rastplatz erinnert an den Waldbrand und erinnert auch an die Tiere, die dadurch zu Schaden kamen. „Wo uns Engel begegnen, dort wird Himmel spürbar“ schreibe ich ins Gipfelbuch.

Am Steig hinunter nach St. Magdalena sind noch Altschneefelder. Die Spuren von Gämsen verleiten auf eine falsche Fährte in den steilen Hängen über den Abgründen zum Halltal hinunter. Wie manchmal im Leben, heißt es umzukehren, einen Fehler zu korrigieren und einen anderen Weg zu wählen, um nicht abzustürzen. Mein Weg geht nun über die Zunterköpfe zum Thaurer Thörl. Es ist wohl einer der schönsten Panoramasteige im Karwendel von einer Länge von fast zwei Kilometer. An manchen Stellen liegt noch Altschnee. Nördlich ist die mächtige Kette des Bettelwurfmassivs, ragen Großer und Kleiner Lafatscher und Stempeljochspitze heraus. Es geht durch den grünen Latschengürtel, der sich bis an die Gratkante heraufzieht. Tief unten ist im Süden das Inntal und nördlich vom Kamm ist der steile Felsabbruch ins Halltal. Die Plastikplanen auf den Thaurer Feldern spiegeln das Licht wider. Der zweite Gipfel für heute ist der Haller Zunterkopf (1918 m). Das kleine Kreuz mit der Sitzbank ragt kaum aus den Latschen hervor. Am schönsten ist dann die Wanderung am Kamm entlang hinüber zum Thaurer Zunterkopf (1966 m). Jetzt im Frühling wirken die „Zunter“ – ein Dialektwort für Latschen – besonders grün. Auf dem Schneefeld hinunter zum Thaurer Törl (1773 m) sieht man noch eine alte Skispur. Es geht nun teils entlang der Steinbergreise in steilen Schnee- und Geröllfeldern hinüber zum Issjöchl (1688 m) und dann zum Issanger hinunter. Vor einem Monat kam ich noch mit den Skiern vom Hafelekar aus über das Stempeljoch ins Halltaler Pfeis. Jetzt ist Frühling. Zwischen den Schneeresten wachsen bereits unzählige Krokusse, Himmelschlüssel, manchmal auch Schusternägel und Silberwurz. Über den Hirschbadsteig und dann das Halltal hinaus zum Ausgangspunkt beim Hackl.

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