Karwendelsteige als Regenprogramm: Halltaler Hütte – Wandlalm – Hinterhorn Alm

Ein Halltalfan kennt kein „schlechtes Wetter“. Erst letztes Wochenende war ich zwei Mal hier. Vom Eingang zum Halltal geht es an diesem Regen-Frühlingstag steil hinauf zur Halltaler Hütte und weiter, bis knapp vor der Alpensöhnehütte der Steig Richtung Hinterhorn Alm abzweigt. Inzwischen gibt es die neuen gelben Hinweistafeln – mehr noch aber finden sich die antiken weißen Wegschilder. Hin und wieder hat der Steig neue Markierungspunkte bekommen. Auf einer kleinen Lichtung liegt die Wandlalm (1252 m). Von dort gäbe es entlang der Fallbachschlucht auch einen Steig hinunter nach Gnadenwald. Darüber führt der Steig in angenehmem Auf und Ab weiter Richtung Hinterhornalm. Auf einem anderen kleinen Flecken stehen die Überreste der alten Halltaler Hütte. Hinunter sind die Abbrüche zum Gnadenwalder Plateau, darüber die steilen Felswände von Fallbachkarspitze, Walderkampspitze und Hohe Fürleg, dazwischen das abschüssige Band, in dem sich die Rotbuchen an den Abgründen behaupten können. Ihre braunen Blätter vom Vorjahr liegen auf dem schmalen Steig, die im zarten Regen immer nässer werden. Die Grashänge sind erst vor kurzem vom Schnee befreit worden. Besonders viele Taubnesseln wachsen hier, deren Blütenköpfe geöffnet nach unten hängen, damit der Regen nicht in sie eindringt. Die blauen Leberblümchen, weißen Krokusse und Windröschen und vor allem der kräftig gelbe Huflattich haben die Blüten geschlossen, um sich vor dem Regen zu schützen. Ich denke an Situationen, wo sich Menschen verschließen wie die Blumen. Ich nehme die Botschaft dieser Blumen tröstend auf, die unter ungünstigen Bedingungen Überlebenskünstlerinnen sind und so wunderbar blühen können. Direkt am Stängel von Sträuchern blüht der giftige Seidelbast. Zunehmend rutschiger werden die Wurzeln und Steine, doch die Stöcke geben genügend Halt, um am Steig schnellen Schrittes entlang zu balancieren. Mehrmals geht es in schluchtenartige Tobel hinein. Die Natur zeigt ihre Kräfte. Kräftige Rotbuchen und Kiefern behaupten sich. Forstwirtschaft war hier nie möglich und so ist der uralte Wald märchenhaft geblieben. In einer der Schluchten lag noch ein Schneefeld vom Winter, der vergangen ist. Die Natur, die Bäume und Sträucher, die Abgründe und Schluchten, das weiche Moos und der harte Stein, der Regen und die Sonne – dies alles wird, während ich höher steige oder absteige, während ich auf schmalen Steigen balanciere oder auf breiten Waldwegen wandere zu Metaphern für meine existenzielle Befindlichkeit, für die Haltlosigkeit in meinem Geworfensein in die Welt, die oft nur kleinen Halt bietet. Als Ohrwurm habe ich die 57 Engel von Willi Resetarits – und in meinem Herzen trage ich die Sehnsucht nach taktiler Engelberührung.  Schließlich geht es die paar Höhenmeter auf der Asphaltstraße hinauf zur Hinterhorn Alm, die beim heutigen Regenwetter verlassen wirkt. Die Tuxer Berge auf der anderen Talseite stecken in dicken Wolken. Ich mag den Regen, in dem der Waldboden ganz besonders duftet, der die Sträucher und Gräser kräftig grün macht – und heute besser zu meiner Stimmung passt als strahlender Sonnenschein. Der Steig hinunter – mehrmals die Mautstraße querend – und dann besinnlich den Besinnungsweg hinaus zurück zum Ort, wo das Fahrrad wartet. 1126 Höhenmeter und 14,57 Kilometer in großartiger Naturlandschaft und im Regen, eine Natur, die wachsen und leben und überleben will – wie wir Menschen.

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