
Ich weiß nicht mehr, von wem das Zitat stammt, das ich vor einer Woche bei meinem Vortrag über Soziale Verteidigung verwendete. Frei zitiert lautet es so: Wir müssen selbst stark sein und immer wieder das tun, was unsere eigenen Energien aufbaut, was unsere Resilienz stärkt – denn nur so können wir widerständisch sein gegen jene, deren Politik und deren Handeln den Planeten Erde zerstören. Eine meiner resilienzbewahrenden Kraftquellen sind die Berge. Heute war es die Skitour auf den Rietzer Grieskogel.
Er ist der große Klassiker im Kühtai. Relativ lawinensicher, wenn nicht jene Hänge befahren werden, die auch heute gefährlich sein könnten. Die befellten Ski lassen sich schon ein paar Meter über dem Startpunkt anziehen. Die Schneedecke ist hart gefroren. Es geht hinein ins Klammtal. Beim Steilhang nach dem Narrenboden bin ich froh um die Harscheisen. Vom Skidepot weg ziehe ich mir die Steigeisen an. An einer Stelle ist der Grat hinauf zum Gipfel nur so breit, dass die Füße gerade Platz finden können. Wir sind die ersten am Gipfel. Saharastaub liegt in der Luft und verdeckt die Sonne und verschleiert die Berggipfel ringsum. Beim Hinunterfahren beginnt die oberste Schicht aufzufirnen und es fühlt sich unter den Ski an, als wären die ganzen Hänge mit feinem Butter überzogen. Ich denke an die Veranstaltung von „Ärzte ohne Grenzen“, bei der ich vorgestern war, ich denke an das gestrige Friedensgebet in einer Innsbrucker Kirche und während ich so dankbar auf dem 2855 Meter hohen Gipfel sitze, hinunter ins Inntal schaue oder ins Sellrain, sind in mir die Kriegsbilder aus dem Nahen Osten so nahe, wie der Sand, der vom Süden über die Sahara, das Mittelmeer und all die Grenzen hinweg bis zu meinem Skitourenberg getragen wird. Das Gefühl der Ambivalenz zwischen planetarischer Verbundenheit einerseits und der Situierung in einem ganz bestimmten Kontext wird durch die gräulich-orange Luftschichten verstärkt.
Eine Lesung im Treibhaus in Innsbruck brachte die Situation der Bevölkerung von Gaza nahe. Seit dem neuen US-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran und den iranischen Vergeltungsschlägen ist das Leid der palästinensischen Bevölkerung im Gaza nicht mehr in der internationalen Aufmerksamkeit. Katrin Glatz Brubakk, die deutsch-norwegische Kinderpsychologin und Traumaexpertin, arbeitete mehrfach für Ärzte ohne Grenzen im Nasser-Krankenhaus in Gaza. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Buch „Tagebuch aus Gaza“ aufgeschrieben, aus dem sie an diesem Abend vorlas. Sie erzählte von ihrer Arbeit mit den traumatisierten Kindern, von den Schikanen der israelischen Streitkräfte, von der Angst vor weiteren Bomben als tägliche Begleiterin. Ich fragte im anschließenden Gespräch nach, was es mit der Behauptung israelischer Medien auf sich habe, dass Ärzte ohne Grenzen (MsF) unterwandert sei von Hamas-Mitgliedern. Die Antwort war eindeutig: Es stimme einfach nicht. Wer für MsF arbeite, würde genau geprüft und dürfe keine Nähe zu einer Organisation haben, die für Gewalt steht. Eine zweite Frage betraf die Einschätzung, ob Israel einen Genozid betreibe. Auch hier war die Antwort klar. MsF spreche nicht leichtfertig davon, aber in diesem Fall sei das Vorgehen der israelischen Streitkräfte und der Netanjahu-Regierung genozidal. An die 1400 Menschen wurden im humanitären Einsatz, unter anderem für Ärzte ohne Grenzen, getötet. Seit 1. März 2026 will Israel allen internationalen Hilfsorganisationen die Arbeit im Gaza-Streifen verbieten. Katrin Glatz Brubakk und die Organisation Ärzte ohne Grenzen: sie wollen die Hoffnung aber nicht aufgeben, dass eine Zeit kommen wird, in der die Kinder von Gaza in Frieden und Freiheit leben können. Trotz der Erzählungen von all dem Leid in Gaza war an diesem Abend zugleich auch spürbar: Es kann etwas getan werden, damit dieser Schrecken aufhören wird. Wir sollen nicht müde werden, auf die Tränen der Kinder in Gaza hinzuweisen, meinte die Vertreterin von Ärzte ohne Grenzen. Dazu können wir auch die Sozialen Medien mit ihren Algorithmen benützen.
6.3.2026, klaus.heidegger