Von Mozarts Idomeneo zum Krieg im Iran und zurück: Epischer Zorn oder godiam la pace, möge der Frieden leben!

Idomeneo gestern und heute

Lebe ich Ende des 18. Jahrhunderts oder lebe ich im Jahr 2026? Sehe ich eine Nachrichtensendung mit Bildern vom US-amerikanisch-israelischen Angriffskrieg auf den Iran oder eine Inszenierung einer Mozart-Oper im Tiroler Landestheater? Steht da der Kreta-König Idomeneo nach seinem zehnjährigen Krieg gegen Troja in einem goldbestickten weißen Anzug auf der Bühne oder hat sich der US-amerikanische King-President nach Innsbruck verirrt? Jedenfalls hat Mozart mit Rückgriff auf die altgriechische Mythologie genau jene politischen, psychologischen und religiösen Fäden zu einem Schauspiel und in Musik verwoben, die heute wie gestern uns die Logik von Krieg aufzeigen und zugleich Friedenswege andeuten.

Kriegsherr Idomeneo

Der blutgetränkte König Idomeneo steht für die bisherige Logik des Krieges. Seine Krieger haben in einem zehnjährigen Krieg die Stadt Troja komplett zerstört, die Bewohnerinnen und Bewohner hingemetzelt oder zu Gefangenen gemacht. Die zerstörte Stadt Troja erinnert heute an die Ruinen von Gaza, an ein brennendes Teheran, an zerstörte Dörfer im Südlibanon oder an die Geisterstädte an der Fronlinie im Osten der Ukraine. Anders als die Kriegsherren Trump-Putin-Netanjahu beginnt der kretische König in Mozarts Oper allerdings an seinem Tun zu zweifeln. In einer Szene versucht er sich dramatisch-anschaulich in einer Badewanne sitzend das Blut abzuwischen, das seine Unterkleidung beschmutzt. Es gelingt ihm nicht. In einer anderen Szene hält er ein getötetes Mädchen aus Troja in seinen Armen und beklagt selbst in einer Arie seine Bluttat. Ich denke dabei an die mehr als hundert Mädchen, die bei der ersten US-israelischen Angriffswelle von einer Tomahawk-Rakete in ihrer Grundschule verbrannt sind. Mit Blick auf die Götterwelt bleibt Idomeneo aber der Gewaltlogik verhaftet und ist bereit, dafür auch ein menschliches Opfer für Neptun zu bringen. Dass dieses Opfer aber sein geliebter Sohn sein würde, wusste er anfangs nicht. Er hat noch nicht den Spirit eines Reinhard Mey mit seinem Lied „Nein, meine Söhne geb ich nicht …“ Idomeneo ist innerlich zerrissen: Soll er, der Gewaltlogik folgend, das versprochene Opfer vollbringen, um so den Göttern zu gehorchen und damit das Volk vor Unheil zu bewahren oder soll er seinen Sohn verschonen?

Idamente und Ilia brechen aus

Sein Sohn Idamente verkörpert die Abkehr von der Kriegslogik. Schon in der ersten Szene veranlasst er, dass den gefangenen Trojanern die Fesseln gelöst werden. Der Chor singt: „Godia la pace!“, es lebe der Frieden. Die zentrale Rolle spielt aber die trojanische Prinzessin Ilia. Idamente und Ilia entsprechen dem Muster von Romeo und Julia. Ilia ist die entführte Trojanerin, Idamente der siegreiche königliche Grieche. Ihre Völker haben sich blutig bekämpft. Idamente und Ilia lieben sich über diese Geschichte und Trennungen hinweg. So einfach kann Friede entstehen: Mit der Kraft der Liebe.

Volk spielt mit

Und das Volk, das vom Chor gespielt wird? Bei mehreren Situationen halten die Menschen überdimensionale Bilder von einem Despoten in die Luft. Sind es die Bilder von Neptun? Jedenfalls erinnert es fatal an die vom Mullah-Regime organisierten Demonstrationen, bei denen Abertausende Fotografien von einem Ayatollah in die Höhe halten. Das Volk huldigt ihren Führern und Göttern – wobei beides ineinander geht. Einmal steht die Figur des Neptuns mitten im Zuschauerraum des Theaters und verlangt von dort aus ihren Tribut. Die Kleidung des Kriegsgottes erinnert an den ICE-Kommandeur aus Minnesota. Auf welcher Seite stehen wir? Die Inszenierung lässt uns Zuschauende nicht aus der Verantwortung. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte in den Theatersaal gerufen: Neptun, verschwinde! Der Freigeist Mozart hätte mich wohl verstanden. Götter, die auf Seiten von Gewalt und Krieg stehen, sind die falschen Götter. Wenn sich Trump, Vance und Hegseth für den Krieg segnen lassen, so ist dies genauso ein Missbrauch der Religion wie die Verwendung der hebräischen Bibel für den genozidalen Kriegskurs Netanjahus oder die Allahu-Akbar-Rufe islamistischer Fundis und ihrer Terrororganisationen.

Elektra als tragische Figur

In Mozarts Oper ist es Elektra, der es nicht gelingt, sich aus ihren eigenen Fesseln zu befreien. In mimetischer Begehrlichkeit ist Ilia ihre Rivalin. Elektra kann und will es nicht akzeptieren, dass Idamente nicht sie, sondern Ilia liebt. Ich sehe die vielen Elektras in unserer Gegenwart: Menschen, die eifersüchtig nach dem streben, was anderen geschenkt ist, und so ihr eigenes Glück selbst nicht annehmen können. Auf einer Makroebene sind es die Mächte, die immer mehr wollen und so sich selbst mit imperialer Begehrlichkeit in Kriege verstricken und dafür bereit sind, jedes Opfer zu bringen.

Frieden am Ende

Am Ende des Stückes ist Idomeneo bereit, seine Königskrone an seinen Sohn Idamente abzugeben, um so den Weg frei zu machen für einen Friedensweg. Die Liebe zwischen dem neuen König und der Trojanerin Ilia steht für die Möglichkeit der Versöhnung zwischen den Völkern. Die Götter wollen keinen Krieg mehr, wollen keine Menschenopfer mehr. In Mozarts Idomeneo ist es die aufklärererische Gotteskritik selbst, die zum Frieden führt. Es ist Ilia, die meint, Neptun würde nur falsch verstanden. In der Religionskritik von Nietzsche & Co würde es heißen, dass das Kriegerische an Gott nur eine Projektion von Menschen sei. Der Kriegsgott der evangelikal-fundamentalistischen Bewegungen in den USA, deren Geist Trump und Hegseth befeuern und zu einem Armaggeddon-Gerede führen, ist nicht die Grunderfahrung der Jesusbewegung, wie sie in den Evangelien grundgelegt ist. Die Vergeltungsrufe islamistischer Mullahs entspricht nicht dem barmherzigen Allah, von dem im Koran die Rede ist. Neptun in Mozarts Idomeneo bestätigt Ilia und verlangt kein Opfer mehr. Die Projektion menschlicher Gewalt in Götter wird entlarvt.

„Epic fury“ – „epischer Zorn“,

wurde von Trump und seinen Gefährten der Angriff auf den Iran genannt. Ich vermute nicht, dass Trump und seine Handlanger die aufklärerischen Hintergründe der griechischen Sagenwelt oder Mozarts Idomeneo als Kritik an ihrem Kriegskurs verstünden. Trump wird wohl nur ganz oberflächlich sich selbst als Achilleus sehen, der Hektor in den Boden zwingt.  Als jemand, der in ein humanistisches Gymnasium ging und noch nicht KI als Schulfach hatte, sondern Latein und Griechisch, waren mir die griechischen Epen schon als Jugendlicher vertraut. Mozart nahm den Stoff für seinen Idomeneo aus diesem Weisheitsschatz. Krieg darf um Himmels willen nicht sein. Es gibt keine Helden in den Kriegen. Krieg kennt nur Verlierer. Und mit dem spanischen Präsidenten gilt es heute ohne Wenn und Aber zu fordern: Nein zum Krieg! Ein epischer Zorn und Heldentum bringt nur Tod und Zerstörung.

klaus.heidegger

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