
Hoffentlich wird sich das Theaterstück der Gefahr entziehen, den Pallottiner-Pater Franz Reinisch als Märtyrer darzustellen, der heldenhaft mit christlichem Pathos sein Leben hingibt. In der Gegenwart der Gotteskrieger auf allen Seiten gibt es viel zu viele, die als Märtyrer einer kriegerischen Sache dienen – bzw. wo der heldenhafte Tod eine höchste Auszeichnung darstellt. Mit solchen Gedanken suche ich den versteckten Eingang ins Westbahntheater im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Meine Antwort auf die zuvor genannte Befürchtung sei gleich genannt: Nein, der Regisseur Bernhard James Lang, der das Stück selbst geschrieben hat, vermeidet ein verklärtes Märtyrerpathos. Die letzten Tage im Leben des Mannes, der als einziger Priester bei seiner Einberufung zur Wehrmacht den Fahneneid auf Hitler verweigert hatte, werden vor allem als innerer Dialog in seiner Gefängniszelle inszeniert, den Reinisch mit einem als Frau dargestellten Gewissen und verschiedenen Vertretern der Kirchenwirklichkeit zur Zeit des Nationalsozialismus führt. Freilich hätte ich Bernhard Lang gerne gefragt, warum das Gewissen als kindlich agierende Frau dargestellt wird, die mit Kuscheltier auftritt. Dem Gewissen als Instanz der Vernunft tut dies nicht gut. Reinisch wird als Person dargestellt, der sich in Abwägung aller Argumente nicht dem Diktat der Masse beugen will, sondern seine Subjektivität – so würde es Habermas nennen – ernst nimmt und bereit ist, den Fahneneid nicht zu leisten mit all der Konsequenz, die dies letztlich für ihn bedeutet. Reinisch beugt sich auch nicht dem Druck, den er von seinen Ordensoberen erfährt. Reinisch ist die ambivalente Haltung seiner Kirche zum Nationalsozialismus und zum Krieg der Wehrmacht bewusst. Im Stück treten auch jene kirchlichen Vertreter auf, deren Bandbreite von einer Befürwortung des Hitlerkrieges bis zu einer stillen Anpassung reicht. Berührend ist am Ende des Stückes die Passage, in der Reinisch einen Dialog mit seinem Scharfrichter führt, dem er letztlich schon verzeiht, bevor er von ihm getötet werden wird. 1942 wurde Reinisch hingerichtet. 84 Jahre später ermutigt er noch heute, sich nicht von einem Kriegsgeheul anstecken zu lassen, sondern aus einem eigenen Gewissen heraus ein Nein zu jeder Kriegsbeteiligung zu leben. Im kleinen Westbahntheater, wo die Zusehenden fast auf der Bühne sitzen, wird man noch mehr herausgefordert, sich selbst zu positionieren. Ungelöst bleibt für mich die Dechiffrierung des Titels „vom Altar in die Arena“. Vor allem aber bleibt für mich am Ende des Stückes sehr viel Dankbarkeit für dieses Vorbild an Geradlinigkeit. Reinisch bekräftigt mich, das eigene gebildete Gewissen als Maßstab für das Verhalten zu nehmen und sich nicht von einer Massenmeinung beeinflussen zu lassen, auch wenn dies bedeutet, manchmal zwischen den Stühlen zu sitzen, nicht verstanden oder gar bekämpft zu werden.
klaus.heidegger