Ein fliegendes Blau in der neugotischen Pfarrkiche St. Nikolaus mit verkehrter Flugrichtung

Jedes Jahr wieder lasse ich mich gerne auf die Kunstinterventionen ein, die in einigen Innsbrucker Kirchen während der Fastenzeit zu einem besonderen Nachdenken anregen. Am Beginn der Karwoche besuche ich die neugotische Pfarrkirche St. Nikolaus. In der Vierung über dem Altar hängt ein Segelflugzeug. Es ist ganz mit einem ultramarinblauen Stoff überzogen. Das besonders kräftige Blau erinnert an das Blau des Himmels und zugleich an das Blau der Ozeane – und damit auch an den blauen Planeten. Die beiden Flügel des Flugzeugs reichen mit ihrer Spannbreite von 15 Metern in die Seitenflügel der Kirche. Die Schnauze des Flugzeugs zeigt senkrecht nach oben. Es ist, als würde es steil in den Himmel fliegen. „Als Übergangsobjekt zwischen dem Blau des Meeres und des Himmels wird es zum Bluescreen für Sehnsüchte und Mängel unserer Zeit, für ökologische Krisen, Ressourcenknappheit und die Fragilität des Raumschiffs Erde“, schreibt der Künstler Thomas Feuerstein selbst darüber. Im Text dazu wird von der notwendigen Aufwärtsbewegung geschrieben, die der nach oben weisende Flieger darstelle.

Ist eine „Dynamik nach oben“ aber nicht gerade die verkehrte Flugrichtung, frage ich mich. Bräuchte es nicht viel mehr den „heruntergekommenen“ Gott, damit diese Welt gerettet wird. In meiner philosophisch-theologischen Phantasie drehe ich den Flieger um, damit die Spitze nach unten weist – genau auf jenen Ort, wo der Altar sich befindet, wo im Teilen des Brotes sich göttlicher Segen manifestiert. Mein Glaube hat sich längst gelöst von den Vorstellungen einer falsch verstandenen transzendenten Wirklichkeit, die jenseits der irdischen Wirklichkeiten liegen würde. Die von Jesus von Nazareth inspirierte Bewegung will kein bequemes Vertrösten von realen und elementaren Bedürfnissen, sondern will die Veränderung der herrschenden irdischen Bedingungen, wenn sie den Pfaden der Gerechtigkeit und des Friedens widersprechen. Am „Palmsonntag“ riefen die Bedrängten in der Stadt Jerusalem nicht „Hosianna“, weil sie an einen fernen Himmel glaubten, sondern an die messianische Befreiung und damit an das Ende der gewalttätigen Unterdrückung und Ausbeutung durch das römische Reich.

Klaus Heidegger

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