
- Vom politischen Opferkult unserer Tage
Die ritualisierte Überstellung von Soldaten, die im Kriegseinsatz getötet wurden, sieht in allen kriegsführenden Ländern ähnlich aus. Besonders dramatisch wird dies in den USA inszeniert. Die Särge sind bedeckt mit dem Sternenbanner. Soldaten stehen stramm. US-Präsident und Kriegsminister salutieren und blicken ernst. Die Nation ehrt ihre „Opfer“, die heldenhaften Männer, die im Kampfeinsatz ihr Leben „hingegeben“ haben. Die Militärmusik spielt nicht das Lied „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ von Reinhard Mey, sondern martialisch wird die Nationalhymne gespielt. Der Text dieser Hymne ist ein einziges Schlachtlied. In der dritten Strophe heißt es, dass das Blut der Soldaten die stinkenden Fußabdrücke der Feinde wegwischen wird. In der Zeitung lese ich gerade von der Taktik der Ukrainer, dass sie mit ihrer Drohnenfülle jeden Tag so viele russische Soldaten töten wollen, dass Putin und sein Regime gar nicht mehr mit der Rekrutierung nachkommen sollen. 35.000 Soldaten und Soldatinnen sollen allein im Monat März getötet oder schwer verwundet worden sein. Jeder Kriegsherr ist bereit, das Wertvollste für den Sieg seiner Nation zu opfern. Das Wertvollste sind die Menschen. Das Mullah-Regime im Iran, das völkerrechtswidrig angegriffen wurde, steckt nicht zurück: Sie können noch Abertausende Kriegsverpflichtete opfern, die dann als Märtyrer gepriesen werden. Das israelische Kriegsregime begeht einen Genozid, bombardiert gnadenlos und zerstört die Lebensgrundlagen des palästinensischen Volkes. Kollateralschaden ist ein anderes Wort für Opfer. Ein Krieg funktioniert nur mit Opfer. Ohne Opfer gibt es keinen Krieg. Also: Schaffen wir die Opfer ab!
Denke ich an all die Opfer, die es im Kleinen wie im Großen gibt, so muss ich mich selbst davor hüten, nicht in eine Depression zu fallen. Menschen opfern die Umwelt, opfern das Klima, opfern die Biodiversität, opfern das Überleben künftiger Generationen, um selbst kurzfristigen Spaß im Leben zu haben, konsumieren mit dumm-dreister Miene die Ressourcen in Fülle, ohne auf die Zerstörung des Planeten zu achten.
Schreibe ich darüber, so werde ich als Spaßverderber gesehen. Rede ich darüber, so werde ich ausgegrenzt. MAN will es nicht hören, weil das eigene Gewissen dadurch angestoßen wird. Es gibt noch einen anderen Blickwinkel, der tiefer führt. Welches Bild von Religion haben jene Kriegsherren? Ich muss noch genauer fragen: Welche Sicht von Erlösung und Kreuzestod Jesu haben ein Peter Thiel, einem maßgeblichen Strippenzieher der US-Regierung, haben die erzkonservativen katholischen Kreise um J.D.Vance oder vor allem die evangelikalen Kräfte rund um Donald Trump? Eine Beschäftigung mit den gegenwärtigen Kriegen muss auch theologische Fragen stellen.
- Annäherung an den Hingabegedanken
Kalendarisch liegt der Karfreitag schon lange zurück. Gedanklich habe ich an diesem Tag begonnen, mich so intensiv mit der Bedeutung und den Deutungen zu dem Kreuzestod Jesu zu beschäftigen, dass mein Suchen und Forschen und Nachdenken und Schreiben an kein Ende zu kommen scheint.
Hat Jesus sein Leben „hingegeben“ oder sein Leben eingesetzt? Meine theologische Suche nach einem vernunftgeleiteten und erfahrungsbezogenen Verständnis von Tod und Auferstehung Jesu geht weiter.
Wenn man die KI suchen lässt, was Hingabe Jesu bedeutet, so heißt es gleich zu Beginn: „Die Hingabe Jesu bezeichnet im christlichen Glauben die rückhaltlose Selbstaufopferung Jesu am Kreuz für die Menschheit …“ Die KI benützt das, was sie findet, womit die Websites gespeist werden, welche Artikel veröffentlicht wurden, welche Podcasts es gibt. So geschieht dieses primäre Framing in der Theologie: Hingabe habe mit Selbstaufopferung zu tun. Hingabe und Opfer werden zu Synonymen. Längst hören mehr Menschen Podcasts zu einem bestimmten Thema, als dass Fachartikel oder gar Bücher gelesen würden. Zu jedem Thema. Auch zum Themenbereich Hingabe, Opfer und Tod Jesu. Vor allem in evangelikalen Kreisen wird gerne von Hingabe und Opfer gesprochen, davon, dass sich Jesus unserer Sünden wegen geopfert habe, dass wir Jesus so dankbar sein sollten, weil er für unsere Sünden gestorben ist. Konservativ-katholische Kreise, die am liebsten die Messe wieder in Latein lesen würden – oder wie ihr Sprachrohr aus Heiligkreuz Pater Karl Wallner auch tun – zelebrieren diesen eucharistischen Opferkult leidenschaftlich. Das Sühnetod-Konstrukt eines Anselm von Canterbury lebt fort. Jesus habe sich hingegeben, sich geopfert, damit ein zorniger Vatergott mit uns sündigen Menschen versöhnt werden könnte. Jesus als blutiges Opfer für unsere Sünden. In der Sprache der Liturgie hält sich dieses Wording. Man spricht weiterhin vom Messopfer. Man betet weiterhin „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“. Auf der Website von katholisch.de wird ein Bild von einem fetten Lamm gezeigt, das auf einem Altar steht, umringt von knieenden Engeln, von denen zwei davon ein Kreuz tragen. Noch kenne ich die vorgeschriebenen Texte einer Eucharistiefeier auswendig, so bei der Gabenbereitung: „Betet, Brüder und Schwestern, dass mein und euer Opfer Gott, dem allmächtigen Vater, gefalle. … Der Herr nehme das Opfer an aus deinen Händen, zum Lob und Ruhme seines Namens …“ Und selbst bei den Einsetzungsworten, dem eigentlichen Höhepunkt der Eucharistiefeier, regt sich widerständisch der Geist in mir. „Nehmet und esset alle davon! Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.‘ Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch, dankte wiederum, reichte ihn seinen Jüngern und sprach: ‚Nehmet und trinket alle daraus! Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Blutvergießen – das hatte ich zuvor aus der dritten Strophe des Star-Spangled Banner zitiert. Bei solchen Worten möchte ich am liebsten aus einer Messe gehen, die ich wegen solcher Worte schon immer weniger aufsuchen kann. Als Theologe, als ehemaliger Religionslehrer und nach fünf Jahrzehnten ehren- und hauptamtlicher Arbeit in verschiedensten Funktionen der Katholischen Aktion sind mir solche Texte immer fremder geworden. Ich will schon längst nicht mehr einen Jesus, der für meine Sünden gestorben ist, will mich so nicht noch selbst 2000 Jahre später mitschuldig fühlen müssen an dieser Hinrichtung. Als Theologe und Mensch, dem die Kirche jahrzehntelang ein großes Anliegen war, kenne ich zwar noch Sätze wie „Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist“ – doch sind sie mir solche Formeln fremd geworden.
- Biblische Verankerung der Opferkritik
Dankbar nehme ich das neue Buch von Peter Trummer „Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit“ zur Hand. Es erscheint innerhalb von wenigen Wochen im Herder-Verlag (!) in zweiter Auflage (!!) Trummers Stimme findet Gehör. Der emeritierte Neutestamentler von der Katholischen Fakultät der Universität Graz argumentiert überzeugend mit einem genauen exegetischen und literarkritischen Blick auf den Text und hat vor allem auch keine Scheu, die dogmatischen Tabus und Engführungen zu dekonstruieren. Das dürfte dogmatisch Fixierten nicht gefallen. Jesus ist nicht der leidende Gottesknecht. Die Botschaft der Evangelien erzählt von Gottes Gastfreundschaft für alle. Das ist der Kern des Jesuanischen – nicht das Kreuz. Für diese Gastfreundschaftsmentalität war Jesus sein Leben wert. Eine genaue Übersetzung zeigt, dass Jesus sein Leben nicht hingegeben hat, sondern sich „wie ein Hirte einsetzt“ (Joh 10,11). Das Konstrukt, dass wir durch den Opfertod Jesu befreit würden, war eine Erfindung des Kaisers der Spätantike, um seinen Machtanspruch durchzusetzen. Solches Denken hat aber das Gottesbild vergiftet.
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“ Das ist das zentrale Motiv der jüdisch-christlichen Religion. Jesus ist zwar namensgleich mit Josua, der gnadenlos im vermeintlichen Auftrag von JHWH Abertausende hinmetzeln ließ, verkörpert aber so ganz anders die absolute barmherzige Zuwendung des Göttlichen. Wäre das Motto auch für die Staatenlenker:innen heute „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“, so gäbe es keinen Krieg mehr auf dieser Erde.
Klaus Heidegger