Zwischen „Weltliebe“ und dem Bösen in der Welt

Mit Hannah Arendt denken und mein Geworfensein verstehen

Die Philosophin Hannah Arendt hatte viel mit Heidegger zu tun. Gut 50 Jahre nach ihrem Tod passt diese Aussage wohl auch zu meinem biographischen Geworfensein. Manchmal verwende ich Begriffe von Martin Heidegger, durch dessen Schule Arendt gelebt hat, manchmal verwende ich Analysen von Arendt, um auch die Welt heute und mein Geworfensein in diese Welt zu verstehen.

Banalität des Bösen

Täglich neu erschüttern mich die Nachrichten und entsprechende Bilder aus dem Weltgeschehen. Wenn Arendt über die Banalität des Bösen philosophierte, so taugt diese Kategorie weiterhin, um mit den Weltnachrichten zurecht zu kommen. Banal ist nicht das Böse, sondern banal sind die Denk- und Lebensweisen des Massenmenschen und ihrer Funktionäre. Ich denke an die Erderhitzung als Folge der alltagsgewöhnlichen und unreflektierten Handlungen der Massenmenschen mit ihrem Massenverhalten in einer Massengesellschaft. Der Massenmensch tankt sich an diesen langen Wochenenden in der Pfingstzeit spritpreisgebremst das Auto voll mit jenen Ressourcen, aus deren Geschäften Kriege und Aufrüstung finanziert werden. Ich denke an die fortdauernden Kriegshandlungen. Um Kriegsziele zu erreichen, werden Tausende Menschenleben geopfert (!). Soldaten haben nicht zu denken, sondern Befehlen zu gehorchen. Kriegstauglichkeit funktioniert durch Kadavergehorsam. Die Bosheit kann dort ihre verheerende und menschenverachtende Wirksamkeit entfalten, wo auf Befehl-Gehorsam-Treueeid dressierte Menschen funktionieren als Rädchen der Zerstörungs- und Tötungsstrukturen.

Die Macht der Bosheit würde dort gebrochen werden, wo eben Menschen nicht mehr funktionieren, weil sie ihr eigenes Denken entdeckt haben, dem sie nun mehr gehorchen als Autoritäten außerhalb. Sie bedienen sich – gemäß den Prinzipien von Immanuel Kant – ihres eigenen Verstandes und nehmen diesen als Richtschnur.

In meinem Nachdenken sehe ich noch die Bilder von den Staatsbesuchen von Trump und dann Putin in den Zentralen des chinesischen Staates. Da werden stets Hunderte Soldaten beordert, die wie außengelenkte Marionetten zackige Bewegungen machen und wo einer dem anderen wie aus einer Massenanfertigung gleicht. Die Uniformen töten die Individualität. Militärischer Drill jagt das eigenständige Denken weg. Ein Soldat hat zu funktionieren und nicht zu denken. Damit fühlt er sich nicht mehr verantwortlich, wenn er eine Drohne mit einer Bombe in ein ziviles Gebäude steuert und dort Menschenleben vernichtet. All die Kriegsgräuel sind angeordnet. Der Genozid in Gaza und die systematische Vertreibung von Palästinensern in der Westbank funktionieren, weil Befehlen gehorcht wird.

Wenn diese Funktionsweise der Mitlaufenden und Mitmachenden aufgedeckt wird, könnte eine andere Welt entstehen. Die Bosheit der Macht wird entmächtigt, weil Menschen ihre Loyalitäten verweigern und in neuer gemeinsamer Verantwortung aus ihrer nun scheinbaren Ohnmacht ausbrechen.

Weltliebe

Arendt erlebte Ende der 1960er Jahre, wie wunderschön die Natur auch sein kann. Man kann sich in ihr einrichten. Man kann zuhause in der Welt sein. In dieser Welt. Arendt wollte noch vor ihrem Tod ein Buch über „amor mundi“ schreiben.

Um stark zu sein, umarme ich die Schönheit der Natur, erfreue ich mich an ihrem satten Grün nach den letzten Regenfällen, höre ich den ruhigen melodischen Klang einer Amsel, die gegen den Lärm der Stadt und ihrer Tausenden Verbrennungsmotoren ansingt.

Mit Hannah Arendt denkend, werde ich auch nie ein Volk lieben, sondern die Menschen in ihrer Vielfalt als Weltenbürgerinnen und Weltenbürger, werde ich Sand im Getriebe der Naturzerstörung sein, ohne dabei aufgerieben zu werden. Ich werde mich nicht länger rechtfertigen, eine andere Freiheit leben zu wollen, will lieber ein rebellischer Paria als ein angepasster Parvenu sein. Von Arendt stammt der Satz: „Es ist besser, mit der ganzen Welt uneins zu sein, als mit sich selbst uneins zu sein.“ Die eigene Weltliebe wird zugleich gestärkt in Begegnungen und im Zusammensein mit Seelenverwandten.

Klaus Heidegger

(Zum Bild: Zum einen erinnert dieses Denkmal des für Innsbruck bekannten Architekten Welzenbacher an die deutschnationale Geschichte Österreichs und der Universität in Innsbruck sowie an Menschen, die in den beiden Weltkriegen als Soldaten starben, zum anderen wurde dieses Denkmal umgestaltet und stellt aus heutiger Sicht die deutschnationale Kampfparole „Ehre – Treue – Vaterland“ mit blutroter Schrift in Frage. An das Denkmal angebracht wurden nun Tafeln, die an jene Menschen erinnern, die im Sinne von Arendt nicht Paravüs sondern Parias waren und als solche hingerichtet wurden.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.