
(1) Bauanleitung: Phantasie gegen Militärlogiken
Mit verheerenden Strategien: Die Militarisierung der Welt
„Si vis pacem, para bellum!“ „Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.“ Nach diesem militaristischen Grundsatz, der fälschlicherweise dem Philosophen Cicero angedichtet wird, gestalten die europäischen Staaten aktuell ihre Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Noch nie in der Geschichte Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es derartige Aufrüstungspläne. Die NATO-Staaten weiten ihre Rüstungsbudgets teils um das Doppelte aus. Die NATO-Vorgabe lautet 5 Prozent der Staatsausgaben. Die Industrien werden auf Kriegswirtschaft getrimmt und die Auftragsbücher der Rüstungskonzerne sind voll. Die EU-Kommission gibt ein 800-Milliarden Rüstungsbudget frei. Deutschland will die stärkste Armee Europas haben und beginnt schrittweise die Wiedereinführung der Allgemeinen Kriegsdienstpflicht. „Kriegstauglichkeit“ (Boris Pistorius) ist das ausgegebene Ziel. Selbst ein ehemaliger deutscher grüner Außenminister und Vizekanzler, Joschka Fischer, erhofft sich eine europäische Atombombe. Und auch das neutrale Österreich macht in dieser Kriegstauglichkeits-Hysterie mit.
Der Aufbauplan 2032+, wie er derzeit von der österreichischen Bundesregierung beschlossen und durchgesetzt wird, sieht milliardenschwere Neuanschaffungen vor. Während in anderen Budgetbereichen gekürzt wird, wird das Militärbudget aufgestockt, von 0,6 Prozent auf 2 Prozent bis zum Jahr 2028. Allein für die geplanten 37 neuen Kampfflugzeuge sollen 17 Milliarden zusätzlich aus dem Staatshaushalt finanziert werden. Eine Wehrdienstzeitverlängerung wird vorbereitet. Der Personalstand des Heeres soll ausgebaut werden. In allen Bereichen wird dafür geworben. Im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung „informieren“ Berufssoldaten in den Schulen über die militärischen Zielsetzungen. Selbst die Grünen haben ihre ursprünglich pazifistischen und friedensbewegten Wurzeln längst aufgegeben.
Dabei lehrt ein nüchterner Blick auf die Lage in der Welt in erschreckender Weise, wie durch immer noch mehr Waffen die Welt nicht sicherer wird. Die Kriegsjahre in der Ukraine zeigen, dass mit Waffengewalt eine völkerrechtliche Invasion nicht abgewehrt werden kann. Was man mit einem enormen militärischen Aufgebot und unter Inkaufnahme von mehreren hunderttausend Toten und Verletzten verteidigen will, das wird zerstört. Hunderttausende sterben in einem brutalen Abnützungskrieg. Mit Blick auf die ökologischen Krisen erweist sich der Krieg als größter Brandbeschleuniger. Die militärischen Aktionen der USA oder Israels haben in den betroffenen Regionen unermessliches Leid nach sich gezogen und weder Frieden noch Sicherheit gebracht. Die Doomsday-Clock zeigt an, wie nah die Welt aufgrund der neuen Waffensysteme und der atomaren Aufrüstung am Rande einer nuklearen Katastrophe steht.
Die Alternative: Ich mach‘ mir die Welt, wi-wi-wi-wi, wie sie mir gefällt – nicht-militärische Phantasie
„Wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor.“ (Bertha von Suttner)
Befreit von einem Denken, dass mit Waffen und Soldaten Frieden gesichert oder geschaffen werden kann, zeigt ein Blick in die Geschichte der Menschheit, dass auch eine andere Welt möglich ist. Frech und selbstbewusst wie Pippi Langstrumpf heißt es: Lassen wir die Phantasie an die Macht!
Die gewaltfreie Phantasie kann anknüpfen an den Bürgerinnen und Bürgern einer 40.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Tschnobyl. Kurz nach der Invasion der russischen Armee in der Ukraine im Februar 2022 ist Bevölkerung den einmarschierten Soldaten gewaltfrei gegenübergetreten. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben mit den russischen Soldaten geredet, sie angelächelt, ukrainische Lieder gesungen. Mit Mobiltelefonen hatte sich die Bevölkerung der Stadt vorher verständigt. Es wurde verhandelt. Der von den Russen festgenommene Bürgermeister wurde wieder freigelassen. Es gab keinen gewalttätigen Widerstand. Man erlaubt den Invasoren, die Häuser auf Waffen zu durchsuchen. Es sollte keinen Partisanenkrieg geben. In den Tagen der Besetzung gab es keine Opfer. Ein katalanisches Friedensforschungsinstitut hat allein in den ersten Monaten nach der Invasion 200 Aktionen des gewaltfreien Widerstands dokumentiert und analysiert.
Die gewaltfreie Phantasie kann an den Abertausenden historischen Beispielen des gewaltfreien Widerstands gegen kriegerische Übergriffe oder gegen autoritäre Unterdrückungssysteme anknüpfen: Gut vorbereitet hatte sich das philippinische Volk in einem gewaltfreien Aufstand – Rosenkranzrevolution – von einem despotischen Diktator befreit. Das Ende des Apartheidsystems in den USA wurde eingeleitet durch die Aktionen des zivilen Ungehorsams sowie durch die charismatische Führung durch Martin Luther King. Mahatma Gandhi konnte mit den Methoden des Satyagraha Indien von der britischen Kolonialmacht befreien. Selbst in der Zeit der Nazi-Diktatur gelang es immer wieder, dem Nazi-Terror gewaltfrei zu widerstehen. Die Frauen von der Rosenstraße verhinderten die Inhaftierung ihrer jüdischen Männer genauso wie die widerständischen Aktionen der orthodoxen Bischöfe in Bulgarien (1944) dazu führten, dass Jüdinnen und Juden vor der Shoah geschützt wurden. Die Generalstreikmethoden im Ruhrkampf (1923) gegen die französische Besatzung oder den Kapp-Putsch (1920), die friedliche Revolution 1989 in den osteuropäischen Ländern, die zum Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs führte, der baltische Weg in die Unabhängigkeit (1990/91), die als „Singende Revolution“ in die Geschichte einging – es gäbe so viel zu erzählen, um die Phantasie von einer Welt zu nähren, die ohne militärische Gewaltsysteme sicher und friedlich wird.
Es ist längst erforscht und in vielen Büchern veröffentlicht worden, dass gewaltfreier Widerstand wesentlich erfolgreicher, nachhaltiger und mit weniger Verlusten verbunden ist und schneller zu den erwünschten Zielen führt als der Rekurs auf Gewalt und militärische Mittel. Erica Chenoweth und Maria J. Stephan haben dazu zwischen 1900 und 2006 107 Fälle von gewaltfreiem Widerstand gegen Regimewechsel oder Besatzung untersucht. Das Ergebnis: Gewaltfreie Kampagnen waren doppelt so erfolgreich wie gewalttätige. Was wäre, so muss nun weitergedacht werden, wenn solche Kampagnen bereits gut vorbereitet würden, ausreichend Finanzierung hätten, auch Teil der nationalen Sicherheitsstrategien wären. Solches Denken führt zum Konzept bzw. zur Konzeption der Sozialen Verteidigung.
(2) Bauplan: Strategien der Sozialen Verteidigung: Wehrhaft ohne Waffen
„Stell dir vor, es ist Krieg und alle leisten Widerstand!“
Das seit den 60er-Jahren ausgearbeitete und von der Friedensforschung wissenschaftlich begleitete Konzept der Sozialen Verteidigung ist weiterhin jener Masterplan, mit dem eine Abkehr vom militärischen Denken und Handeln plausibel gestaltet werden kann. Es muss zugleich beachtet werden, dass auch dieses Konzept lediglich ein Bestandteil einer umfassenderen Friedens- und Sicherheitspolitik ist und mit ihr integral verwoben sein muss.
Soziale Verteidigung wird definiert als aktiver gewaltloser Widerstand gegen Unrecht zum Schutz von Menschen und ihren Lebensräumen und für die Erhaltung von Freiheit und Selbstbestimmung. Die Bedrohung kann von außen oder von innen kommen. Die ganze Gesellschaft soll zum Akteur werden. Soziale Verteidigung spielt sich in drei Bereichen ab: Erstens in der Prävention. Dabei geht es darum, dass global und lokal bereits an den Konfliktursachen gearbeitet wird, dass Zivilcourage gegen Gewalt eingeübt wird und vor allem demokratische Strukturen gestärkt werden. Zweitens sind gezielte Vorbereitungen notwendig. Dazu zählt zum Beispiel der Aufbau einer Wirtschaftsstruktur mit dezentralem Charakter, die auch im Falle von Bedrohungen resilient ist. Gezielte Trainings in gewaltfreier Aktion werden angeboten und durchgeführt. Drittens wird bei einer Aggression von außen oder innen Soziale Verteidigung, die gut vorbereitet ist, mit ihrem ganzen Instrumentarium von zielgerichteten gewaltfreien Methoden angewandt.
(3) Bauphilosophie: Die Macht der Ohnmächtigen bricht die Macht der Mächtigen
Theoretiker wie Gene Sharp haben aufgezeigt, dass sich keine Macht auf Dauer ohne Zustimmung der aktiven Bürgerinnen und Bürger an der Macht halten kann. Dies betrifft auch eine Besatzungsmacht. Soziale Verteidigung zielt also gezielt darauf ab, die Säulen der Macht zu schwächen, auf denen ein ungerechtes Regime aufbaut. Dies geschieht u.a. durch Beeinflussung der Militärs und anderer Autoritäten, wodurch der Rückhalt der Aggressoren geschwächt wird. Es soll gelingen, die Reihen eines Gegners zu spalten und ihn auf die eigene Seite zu ziehen. Zentral ist auch die internationale Solidarität, die gerade dann stärker werden kann, wenn die Unterdrückten selbst auf gewaltsame Gegenwehr verzichten und aktiven gewaltfreien Widerstand leisten. Zu den bekanntesten Methoden internationaler Solidarität zählen diverse ökonomische, politische oder kulturelle Sanktions- bzw. Boykottmaßnahmen.
Auf einer philosophischen Ebene hat Hannah Arendt die Dimensionen und Zusammenhänge von Macht und Gewalt beschrieben und damit eine Grundlage auch für Konzeptionen wie der Sozialen Verteidigung geschaffen. Hannah Arendt schreibt: „Was den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterstützung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes ursprünglichen Konsenses ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat.“ (Macht und Gewalt, TB, Zürich 2003, S.41) Macht entspringe, so Arendt, der menschlichen Fähigkeit, sich handelnd mit anderen zusammenzuschließen. Eine illegitime Staatsgewalt kann nur solange durchhalten, solange Befehle befolgt werden und Polizei und Armee bereit sind, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Der analytisch-philosophisch zentrale Punkt liegt darin, dass Arendt klar zwischen Macht auf der einen Seite und Gewalt auf der anderen Seite unterscheidet. Die Frage von Macht orientiert sich nicht an der Menge an Gewaltmitteln. Gewalt für sei Schwächlinge, sagte sie einmal sinngemäß. Dabei hatte Arendt kritisch die Studentenrebellion ihrer Zeit in den Blick genommen und Jean-Paul Sartre mit seiner Gewaltbefürwortung kritisiert. Wenn mit Gewalt ein Sieg errungen wird, so schreibt Arendt, ändere sich damit weder die Welt noch das System, sondern lediglich das Personal. Gewalt führe zu Rachegedanken und blinder Wut und so würden aus Menschheitsträumen Alpträume. Das Gegenteil von Gewalt ist für Arendt jedoch nicht Gewaltfreiheit, sondern Macht. Macht kann Gewalt überwinden. Macht entsteht in der Freiheit von Menschen, sich frei und gemeinsam für eine bestimmte Sache zu entscheiden. Mit guten Argumenten und mit Fakten soll eine freiwillige Übereinkunft erreicht werden. Gewalt lässt sich auf Werkzeuge wie Waffen zurückführen, Macht hingegen baut auf Argumenten auf.
Vom Ausschwitz-Überlebenden Primo Levi wird folgender Satz überliefert: „Monster gibt es, aber es sind zu wenige, um eine echte Gefahr darzustellen.“ Das knüpft nahtlos an jenen Gedanken an, die Hannah Arendt am Beispiel von Eichmann erläutert hatte. Die Schreckensherrschaft der Nazis wäre ohne die Unterstützung durch die Masse nicht möglich gewesen. Eichmann war ein Durchschnittsmensch, der perfekt funktionieren wollte, der nicht dachte, sondern Befehlen gehorchte und Anweisungen erfüllte.
Arendt hat in ihrem Denken schon vor 70 Jahren erkannt, was auch heute bleibend gültig ist. In einer modernen Kriegsführung wird es nur Verlierer geben. Wer auf atomare Abschreckung setzt, gefährdet all das, was ee vorgibt zu schützen.
(4) Baumaterial: Methoden der gewaltfreien Aktion
„Wir haben mit allem gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebet.“
(SED-Funktionär im Oktober 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer)
Für meine friedenspolitisches Denken war die Begegnung mit Gene Sharp ein wichtiger Impuls zum Verständnis dessen, wie eine gewaltfreie Verteidigung funktionieren kann. Ich lernte den Sozialwissenschaftler Sharp bei einer Konferenz über Soziale Verteidigung an der Friedensuniversität Bradford in England kennen. Ein Jahr später vermittelte er mir einen Studienaufenthalt in Cambridge, Massachusetts. (1993/94) Ich konnte am Center vor International Affairs an der Harvard University an Seminaren teilnehmen und vor allem bei der Civilian Based Defense Association mitarbeiten. Schwerpunktmäßig forschte ich zu drei Fragestellungen: Welchen Beitrag können die Kirchen für eine gewaltfreie Verteidigung beitragen? Welche Erfahrungen gibt es aus Österreich im zivilen Widerstand? Welche Bedeutung hat das Konzept der Neutralität Österreichs für die Etablierung einer gewaltfreien Verteidigung? Die Ergebnisse wurden in drei Essays im Fachjournal der Civilian Based Defense Association veröffentlicht. Am Albert Einstein Institution war zu dieser Zeit Peter Ackermann in der Finalisierung seiner Arbeit zu „Strategic Nonviolent Conflict“. Von Sharp hatte ich vor allem gelernt, welche Methoden – wobei Sharp lieber von Strategien und Taktiken sprach – es gibt, um erfolgreich und nachhaltig in gewaltsamen Konflikten erfolgreich zu sein. Sharp analysierte in seinem Grundlagenwerk „The Power of Nonviolent Action“ 198 unterschiedliche Methoden bzw. Taktiken. Ackermann und Kruegler haben daraus 12 Strategien herausgefiltert, mit denen eine gewaltfreie Intervention erfolgreich sein kann.
Gene Sharp hatte in seinem dreibändigen Werk „The Politics of Nonviolent Action“ fünf Kategorien vorgegeben. Zu Kategorie Protest und Überzeugung zählen Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen oder Botschaften vermitteln, z.B. Demonstrationen, Gebete, Kunstaktionen. Zur Kategorie soziale Nichtkooperation können Maßnahmen gezählt werden, die soziale Strukturen durch Nichtteilnahme stören, z.B. Boykotte, Verweigerung sozialer Bräuche). Zur wirtschaftlichen Nichtkooperation werden Streiks, Boykotte oder andere wirtschaftliche Aktionen gezählt, die ökonomischen Druck erzeugen. Politische Nichtkooperation wiederum kann durch eine Verweigerung der Zusammenarbeit mit Regierungen und Behörden geschehen, um deren Handlungsfähigkeit einzuschränken. Gewaltfreie Interventionen sind schließlich direkte Eingriffe in bestehende Systeme wie Besetzungen oder das Errichten alternativer Strukturen.
Seit der Systematisierung der 198 Taktiken des gewaltfreien Widerstands sind fast 50 Jahre vergangen. Michael Beer hat 2021 ein neues Buch vorgelegt (Civil Resistance Tactics in the 21st Century), in dem er fast 400 Methoden der gewaltfreien Aktion analysierte. Der Baukasten gewaltfreier Methoden ist also erweitert worden und umfasst inzwischen vor allem auch jene Methoden bzw. Taktiken, die mit der Digitalisierung zu tun haben.
(5) Bauspirit: Zivilcourage
Alle Theorien über Soziale Verteidigung setzen auf den gewaltfreien Widerstand von unten, der wesentlich mit Zivilcourage zu verknüpfen ist. Soziale Verteidigung bzw. ziviler Widerstand werden oftmals sogar synonym verwendet, wobei hier festgehalten werden soll, dass Soziale Verteidigung stets der übergeordnete Begriff ist.
Zivilcourage in einem engeren Sinn wird definiert als Mut von Bürgerinnen und Bürgern, gegen ein Unrecht aufzutreten und dabei auch selbst bereit zu sein, die Konsequenzen eines solchen Protests in Kauf zu nehmen. Am besten kann dies mit ein paar Beispielen gezeigt werden. Zivilcourage von Aktivistinnen und Aktivisten der Klimabewegung wie Extinction Rebellion oder der Letzten Generation. Zivilcourage von Pussy Riot gegen das russische Regime wie zu Beginn der Biennale in Venedig. Zivilcourage von Tausenden Menschen in den USA, die gegen die Abschiebungen von Menschen mit einem Migrationshintergrund durch die ICE-Beamten auftreten. Zivilcourage der Schülerinnen und Schüler im Herbst 2025 in der Slowakei gegen die Fico-Regierung, als einer ihrer Mitschüler wegen seiner LGTBQ-Bewegung beschämt worden ist.
(6) Abbau- und Aufbau: Entmilitarisierung und Abschaffung der Armee
„Wer sein Vaterland liebt und seine Lage erkennt, der muß es davor bewahren, sich mit seiner eigenen Bewaffnung zu gefährden.“ (Österreichische Friedensgesellschaft, 1947)
In Zeiten der Aufrüstung, auch in Österreich, mag es tatsächlich utopisch klingen. Die eigene Armee abschaffen? Österreich ohne Armee? Österreich ohne Wehrpflicht? Dabei zeigt ein Faktencheck, dass es gerade jene Länder sind, die am meisten in Kriege verwickelt sind, die auch die höchsten Militärbudgets haben. Costa Rica könnte als anderes Modell genannt werden, ein Land ohne Armee. Bereits 1948 hat das mittelamerikanische Land seine Armee komplett aufgelöst. Parallel dazu wurde aus dieser Friedensdividende das Sozial- und Bildungsbudget erhöht. In der Verfassung von Costa Rica heißt es: „Die Armee als dauerhafte Institution ist verboten. Die zur Überwachung und zum Erhalt der öffentlichen Ordnung notwendigen Polizeikräfte werden eingesetzt.“ Anders als in vielen Nachbarstaaten dieser Region herrscht in Costa Rica seit 1948 Frieden. Wegen der Konflikte in den Nachbarländern verkündete Costa Rica 1983 seine dauerhafte und aktive unbewaffnete Neutralität. Diesen Status verband das Land immer auch damit, sich bewusst für Friedensaktivitäten zu engagieren. Es wurde eine Friedensuniversität in der Nähe der Hauptstadt San José aufgebaut. Der ehemalige Staatspräsident Sanchez erhielt den Friedensnobelpreis. Leo Gabriel, ein profunder Kenner Mittelamerikas, resümiert wie folgt: „Durch Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Sozialversicherungssysteme könnten Länder möglicherweise eine größere Sicherheit und Stabilität erreichen als jene politischen Kräfte, die heute wieder auf die militärische Abschreckung setzen.“
Auch in Österreich gab es mehrere Ansätze, das heimische Heer abzuschaffen und gleichzeitig auf die Fülle an friedenspolitischen nicht-militärischen Aktivitäten zu setzen. Der bekannteste Plan dafür stammte von dem Physiker Hans Thirring. 1963 wurde der Thirring-Plan der Öffentlichkeit unter dem Titel „mehr Sicherheit ohne Waffen“ vorgestellt. Thirring ging von der Vorstellung aus, dass ein kleines Land wie Österreich inmitten der Aufrüstungsspiralen des Kalten Krieges eine andere Logik in Gang setzen könnte. Eine einseitige und freiwillige Abrüstung eines einzelnen Staates könnte von weltpolitischer Bedeutung werden. Entmilitarisierte Zonen wären das Gegengewicht zu einer Politik, die auf Militarisierung und Abschreckung setzt. Österreich hätte als neutraler Staat besondere Möglichkeiten dafür. Schon damals wurde klar festgestellt, dass die Formulierung, „mit allen zu Geboten stehenden Mitteln die Neutralität zu verteidigen“, nicht auch eine Bewaffnung zwingend vorsehe. Im Gegenteil: Wenn die Verteidigung und die Sicherheit ohne militärische Mittel garantiert werden kann, dann muss logischerweise der nicht-militärische Weg gewählt werden.
Hand in Hand mit der Abschaffung der Armee würde natürlich auch die Wehrpflicht bzw. der Kriegsdienstzwang aufgehoben. Dies hätte vielfach positive Auswirkungen. Es würden nicht mehr automatisch alle jungen Männer auf gewalttätige Konfliktlösungsmuster festgelegt. Der Blick würde frei werden für die Vielfalt an gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien. Das könnte auch bedeuten, dass nun spezialisierte Friedensfachkräfte ausgebildet werden, die aus der entstehenden Friedensdividende finanziert werden könnten.
(7) Bauumfeld: Aktive Neutralitätspolitik, Friedenspolitik und Diplomatie
Gerade neutrale Staaten wie Österreich bringen optimale Voraussetzungen mit sich, auf eine nicht-militärische Friedenspolitik und auf Soziale Verteidigung zu setzen. Eine Friedenslogik, so beispielsweise Friedrich Glasl, würde immer für eine intensive direkte Kommunikation zwischen den Konfliktparteien eintreten, würde auf Vermittlung durch internationale Foren wie UNO, OSZE oder NGOs wie dem Internationalen Roten Kreuz setzen. In einer Friedenslogik würden auch die Bedürfnisse des Gegners ernst genommen, was einen Raum für Verhandlungen schaffen würde. In solchen Verhandlungen gilt es weiters, Vorschläge zu machen, die für beide Seiten Vorteile bringen und man sollte selbst zu Nachteilen bereit sein, um Friedens- und Versöhnungsschritte zu setzen.
Klaus Heidegger, Mai 2026
Baupläne in Auswahl: Wissenschaftliche Fundamentierungen
Afheldt, Horst (1983): Defensive Verteidigung, Reinbek b. Hamburg:Rowohlt Taschenbuch Verlag
Arendt Hannah (2003): Macht und Gewalt, München, Zürich:Piper-TB
Chenoweth, Erica &Maria J. Stephan, Maria J. (2011): Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict. New York: Colombia University Press
Chenoweth, Erica (2021): Civil Resistance. What everyone needs to know. Oxford University Press
Gärtner, Heinz (2025): Ideen zum positiven Frieden. delta Verlag
Müller, Barbara (2025): Kämpferische Demokratie. Militärische Besetzung und gewaltlose Befreiung des Ruhrgebiets 1923- 25. Sparsnäs: Irene Publishing
Nolte, Hans-Heinrich & Wilhelm Nolte (1984): Ziviler Widerstand und autonome Abwehr. Baden-Baden:Nomos
Roithner, Thomas (2025): Granaten, Geld, Gewaltverbot. Buchschmiede
Sharp, Gene (1992): Self-reliant Defense. Without Bankruptcy or War. Considerations for the Baltics, East Central Europe, and members of the Commonwealth of Independent States. Cambridge: The Albert Einstein Institution
Schweitzer, Christine (2025) Ohne Waffen, aber nicht wehrlos. https://www.versoehnungsbund.at/wordpress/wp-content/uploads/2025/07/Spinnrad2_2025_Christine_Schweitzer.pdf
Schweitzer, Christine (2025): Unbewaffneter ziviler Schutz. Anregungen für die Planung von Sozialer Verteidigung. IFGK AP 25, https://www.ifgk.de/ap-30-unbewaffneter-ziviler-schutz