Kumpelhaft und leibhaftig

Brot wie Lebenschancen
sind teilbar
der Himmel wird greifbar

Brot wie Glück
ist teilbar
der Himmel wird spürbar

Brot wie Liebe
ist teilbar
der Himmel wird herzeigbar

Mein 3×3-Gedicht, mit drei Strophen und je drei Zeilen, geschrieben am Fronleichnamstag, begleitet mich bei der kurzen Gravelbiketour rund um Innsbruck. Auch wenn ich aktuell aus einer Pfarrgemeindestruktur hinausgefallen bin und nicht mehr, wie in meinem „früheren Leben“ im Schritt einer Prozession mitgehe und mitsinge, so bleibt meine Andacht und das Wissen: ich bin Teil der kirchlichen Gemeinschaft. Die Bedeutung des Fronleichnamfestes bleibt mir wichtig. Ich schätze das, was an diesem Tag geschieht und mich auch heute begleitet: von den Böllerschüssen am Morgen, den geschmückten Dorfgassen mit grünen Sträuchern, die in den Asphaltboden gesteckt werden, den achtsam aufgestellten Altären, bei denen das Allerheiligste in alle Himmelsrichtungen „hochgelobt“ wird, den Schützen und Musikkapellen, die die Prozessionen begleiten, den Statuen aus der Kirche, die durch die Gassen und Straßen getragen werden, dem Glockengeläute von den Kirchtürmen, von denen gelb-weiße oder rot-weiße Fahnen im warmen Frühsommerwind flattern. Ich glaube daran, dass das „hoc corpus“, dies ist mein Leib, der unter dem „Himmel“ in einer Monstranz getragen wird, kein Hocuspocus ist, sondern unsere Welt retten kann. Gleich mehrere religiöse Seins- und Ausdrucksweisen verdichten sich in der althergebrachten Fronleichnams-Kultur, die selbst ohne Aufnahme in das Weltkulturerbe weiterhin Land und Leute prägen sollte. Gerne lasse ich mich bei der Fahrt durch die Dörfer im Mittelgebirge in den abgesperrten Straßen aufhalten und meinen Gedanken zum Fest Raum geben.

Erstens geht es im christlichen Glauben um eine „Kumpanei“ mit Jesus. Wir sind als Christinnen und Christen im etymologischen Wortsinn „Mitbrotmenschen“ – con pane.

Zweitens wird dieses Brot so bedeutsam, weil es sinnbildlich für Nahrung für den Leib und die Seele steht, für das Lebensnotwendige und nicht den Luxus. Dieses Brot freilich erhält gerade dann seine Bedeutung, wenn es geteilt wird, wenn es – so wie beim Letzten Abendmahl – „gebrochen“ wird. Dann kann sich ereignen, was in den biblischen Erzählungen gleich mehrfach geschildert wird: „und alle wurden satt“.

Drittens zeigt das Fronleichnamsfest auf das Leibliche, auf die Bedeutsamkeit dessen, was in der Verbindung von Körper-Seele-Geist als Einheit möglich ist. Fronleichnam ist das Gegenbild zu einer KI-gesteuerten Digitalwelt, weil es das Analoge feiert, ist die Antithese zu jeder Leibfeindlichkeit, in der Zärtlichkeit und achtsam gelebte Sexualität schräg angesehen werden, ist der Widerspruch zu jeder Vertröstung, weil die Kirchentüren an diesem Tag weit aufgemacht werden, um Jesus und all die Heiligen auf die Straßen zu tragen.

Mit solchen Fronleichnamsgedanken drehe ich meine Runde. Die Straßen in Innsbruck sind feiertäglich leer – der Autowahn geschieht auf der Autobahn, unter der ich einmal quere. Hinauf geht es einen Waldweg Richtung Igls. Die Wälder, die Bäume und Sträucher, die Farne und die fetten Blattgewächse sind von dem gestrigen kräftigen Regen tiefgrün. Vogelgezwitscher begleitet die Radelnden. Der Holler duftet mit seinen weißen Blüten, die teils schon wie ein Sternenmeer auf die aufgeweichte Erde fallen. Sanft schlängeln sich die Geleise der Waldbahn hinauf und lassen an eine längst vergangene Zeit erinnern. Der Mühlsee liegt verborgen in einer Senke. Vorbei sind die Zeiten, in denen man hier noch schwimmen konnte. Heute ist das Kleinod privat und mit Zäunen umgeben. Auch der Weiterweg Richtung Lans sieht in seinem Zustand „privatisiert“ aus. Es fehlt nur noch ein Verbotsschild. An der Friedhofsmauer in Lans sind zwei konträre Denkmäler. Auf der rechten Seite erinnert ein steinerner Held mit Gewehr und starrem Blick unter dem Stahlhelm an die „Gefallenen“ der Kriege des 20. Jahrhunderts. Galizien wird öfters auf den Tafeln der Gefallenen genannt. Auch da wird heute gekämpft, getötet. Schon das 5. Jahr. Auf der linken Seite ist eine Skulptur von Lois Anvidalfarei „gegen jede Gewalt“ und eine Tafel erinnert an Georg Trakl. Sein Gedicht Grodek ist an der Friedhofsmauer angebracht. Während die Schützen ihre letzte Salve für das Allerheiligste schießen und die Patronenbuben die Hülsen auflesen, lese ich das Gedicht. Es ist, als würde es aus einem der Kriegsgebiete von heute stammen und nicht aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.“


Zurück fahren wir vorbei am Gasthof Traube, wo Trakl viele seiner Gedichte schrieb, hinauf nach Sistrans und dann mit einem bewussten Umweg über das Knappental. Die Schönheit der satten Natur, der leise plätschernde Bach entlang des Waldweges und die frisch gemähten Wiesen, Menschen, die Freude an Bewegung haben – trotz allem: Die Welt hat ihre schönen Seiten, für die ich leibhaftig kämpfen möchte und dankbar bin für all die Kumpaninnen und Kumpanen auf meinen Wegen.

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