Einklänge und Missklänge hören bei einer Fahrt über den Piller

Mein Startpunkt an diesem Sonntagmorgen ist der Bahnhof Imst. Der kurze Abschnitt vom Bahnübergang hinauf zur Pitztaler Straße ist frisch asphaltiert und zum Radler-Glück wurde ein eigener Radfahrstreifen auf den Asphalt gepinselt, weil wegen der Bauarbeiten auf der großen Brücke nun auch der ganze Pitztal-Verkehr diesen Teil nützt.   Während ich mit dem Rad entlang der Pitztalerstraße fahre, lasse ich manchmal wie Kiri, meiner Lieblingsfigur aus der Avatar-Welt, die rechte Hand über die hochwachsenden Gräser streichen, so als würde ich mich verbinden wollen mit der Natur um mich. Radfahren stellt eine Einheit zwischen Körper und Natur wieder her. Ich liebe die Steigungen. Mit meinem heutigen moderaten Gravelbike-Tempo bin ich in einer halben Stunde in Wenns. Wie befürchtet setzt schon der Motorradverkehr ein. In einer Kurve kommt mir tatsächlich eines dieser Monster auf meiner Straßenseite ganz nahe. Gerade noch, dass der Raser sein Gefährt nach rechts reißt und mich nicht touchiert. Zwischendrin höre ich wieder den sanften Wind in den Bäumen und Sträuchern. Nach ca 900 Höhenmetern bin ich am Piller. Smaragdgrün fließt der Inn weit unten im Inntal. Bei der Aussichtsplattform stehen Dutzende Motorräder. In ihrem dicken Motorradoutfit hocken sie rund um die Maschinen. Was würden die Biker wohl sagen, wenn ich sie nach der Bedeutung des kategorischen Imperativs von Kant fragte? Gerne würde ich mit ihnen zur Frage debattieren, was jeder und jede einzelne tun müsste, damit die menschengemachten Treibhausgasemissionen zurückgehen und die Erderhitzung gebremst wird. Mein Rad surrt leise weiter auf der Panoramastrecke hoch über dem obersten Teil des oberen Inntals. Mächtig wirken die Dreitausender des Kaunergrats. Die Bergwiesen sind kräftig voll mit den unterschiedlichsten Blumen. An einem Bächlein mache ich kurz Rast und höre dem Plätschern zu. Hier ist noch Frühling.  Ich versuche im Augenblick zu vergessen, was mich so unruhig und traurig macht: Die Zerstörung der Schöpfung durch klimaschädliches Verhalten der Masse, die Kriege in der Welt durch die vorherrschende Unvernunft, die vielen Lieblosigkeiten und Unversöhntheiten, die Lust und Liebe zum Leben stören. Schnell sause ich die 800 Höhenmeter steil hinunter. In Kauns spielt am Dorfplatz die Musikkapelle. Menschen haben sich zu einem Fest versammelt. Gemeinschaft wird gepflegt. In Prutz ist gerade der Sonntagsgottesdienst aus. Gemeinschaft wird gelebt. Nach Heimatbesuch im Zug zurück. Eine andere Zufalls-Begegnung mit einem bislang unbekannten Menschen schenkt Hoffnung und Zuversicht angesichts der Weltbefindlichkeit.

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