
Ich ging noch in Kindergarten und Volksschule Prutz, als für mich ungeheuerlich riesige Monsterlaster und Monsterbagger vorbei an meinem damaligen Zuhause donnerten. Es wurde der Kaunertalstausee gebaut. Das Bauprojekt spülte Geld und Arbeitsplätze in die kleinen Ortschaften meiner Heimat. Schon vor dem Bauende, als sich der Speicher aus dem damals noch mächtigen Gletscher des Gepatschferners füllte, hing im Eingangsbereich unseres neugebauten Hauses an der Kaunertalerstraße ein Flutwellen-Alarmplan. Dort stand auch, wie viel Zeit wir hätten, um bei einem Alarm möglichst schnell einen Abhang hinauf zu laufen. Den Sirenenton mit einem bestimmten Intervall hörten wir aus Übungszwecken. Zu meinen frühen Kindheitserinnerungen zählt der kleine Rucksack, den ich für den Notfall stets mit ein paar Lieblingsdingen gepackt hatte. Beim Einschlafen spürte ich manchmal die Angst. Werde ich den Alarm rechtzeitig hören?
Jahrzehnte später ist mir diese Erinnerung geblieben. Der Stausee mit seinem mächtigen Schüttdamm hat gehalten und über die Jahrzehnte wohl wertvolle Energie geliefert. Seither ist die Nordwand der mächtigen Weißseespitze dahinter im Sommer längst nicht mehr weiß und die Gletscherzunge des Gepatschferners hat sich weit zurückgezogen. Ölgrubenspitzen und andere der mächtigen Dreitausender, die ich später als Student noch gefahrlos besteigen konnte, sind inzwischen auf manchen Routen kaum mehr ohne Steinschlaggefahr begehbar. Der auftauende Permafrost hat sichtlich das ganze Gebirge rund um das Kaunertal instabil gemacht. Ein Hangrutsch auf der linken Seite des Speichersees – gerade dort – wo ein Tunnel hinüber ins Platzertal gebaut werden soll – demonstriert ein neues Gefahrenpotenzial für den Speicher heute. Und trotzdem halten TIWAG und politische Verantwortungsträger weiterhin an dem Magaprojekt zum Ausbau des Kaunertalkraftwerks mit einem gigantischen Pumpspeichersee im benachbarten Platzertal und mit kilometerlangen Ableitungen aus den Bächen des Ötztals fest.
Heute bin ich wieder Teil einer Demonstration in Innsbruck. Treffpunkt ist vor dem Goldenen Dachl. 17 Meter glänzt es über uns. Der Stadtturm gegenüber ist 51 Meter hoch. Die Staumauer im Platzertal wäre 120 Meter hoch und 660 Meter breit wäre ihre Krone. Es versammeln sich an diesem Abend genügend Menschen, um eine Menschenkette von ebendieser Dimension zu bilden. Sie reicht vom Goldenen Dachl die ganze Maria-Theresien-Straße bis zum Landhaus hinauf. Es ist nicht die erste Demonstration gegen das Platzertal-Projekt der TIWAG. Seit mehr als einem Jahrzehnt haben Betroffene aus den Tälern, Umweltschutzorganisationen, Bürgerinitiativen und vor allem auch Energieexperten und Wissenschaftler vor diesem Projekt gewarnt. Hunderte Demonstrationen, Kundgebungen, Petitionen, Informationsveranstaltungen, Filmprojekte, eine Dorfbefragung in Pfunds und Exkursionen in das Platzertal gab es dazu. Auf den Websites – zum Beispiel „lebenswertes Kaunertal“ – kann nachgelesen werden, warum aus Naturschutz- und Klimaschutzgründen aber auch aus der Perspektive einer nachhaltigen Energieversorgung die bisherigen TIWAG-Pläne für Ausbau vom Kraftwerk Kaunertal gestoppt werden müssten. Es gäbe eine Politik, die nachhaltige Energieversorgung und Natur- und Klimaschutz in Einklang bringen könnte. Und – was heute schon für jede und jeden lebbar ist – es gibt die Möglichkeit zu einem energiesensiblen Lebensstil, in dem die planetarischen Grenzen im Alltagsverhalten beachtet werden.