„Der Held bleibt den Kämpfen fern …“

In diesen Tagen der Aufrüstung und Kriegshysterien in Österreich tut es gut, sich zu ermutigen mit jener Poesie, die für ein friedliches Österreich steht. Während Bundeskanzler Christian Stocker, ehemaliger Präsenzdiener, gemeinsam mit ehemaligem Panzergrenadier Andreas Babler und der Neos-Chefin in der Schwarzenbergkaserne in Salzburg stolz die geplante 50-prozentige Verlängerung der Wehrdienstzeit verkündet, lese ich das Gedicht „Alle Tage“ von Ingeborg Bachmann.

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

Ingeborg Bachmann wird von allen gelobt, wird in Reden zitiert – vom Bundespräsidenten abwärts – doch bleibt es beim Loben. Die Mächtigen des Landes folgen nicht ihren Worten, dabei wäre „die Wahrheit doch allen zumutbar“, wie Bachmann einmal schrieb. Die Wahrheit, dass mit Blut kein Blutflecken weggewischt werden kann, wie es die österreichische Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner formuliert hatte. Fast alle Mitglieder der Bundesregierung sind durch die Schule des Militärs gegangen. Staatssekretär Leichtfried trägt wohl stolz sein Nahkampfabzeichen; Gerhard Karner darf sich „Korporal“ nennen.  Auch die Grünen haben ihren Pazifismus an den Populismus verkauft – weil sich mit Militärkritik keine Stimmenmaximierung erreichen lässt. Werden sie nun der Wehrdienstreform im Parlament ihre Zustimmung geben? Wo bleibt die Kritik aus der Zivilgesellschaft?  Die höchsten geistlichen Würdenträger der katholischen Kirche – sie reden so gerne von Feindesliebe und Gewaltverzicht – finden keine Worte zu all den Aufrüstungsschritten in Österreich. Streife ich durch die katholische Presseagentur oder diözesane Aussendungen, so lese ich nichts zur geplanten Wehrdienstzeitverlängerung oder anderen Aufrüstungsplänen im Heer. Dort, wo das Reden über Feindesliebe und Gewaltfreiheit konkret werden könnte, verstummen die Worte von den Kanzeln. Einst wurde die Schwarzenbergkaserne vom damaligen Erzbischof „eingeweiht“ – und was im Sinne der militärischen Landesverteidigung geschieht, wird seither kirchlich nicht angetastet. Dagegen gab es in den späten 80er-Jahren eine klare Positionierung der katholischen Jugendorganisationen – deren Vertreter ich sein durfte: Wir kämpften für eine Kürzung der Wehrdienstzeit, für eine Gleichbehandlung von Zivil- und Wehrdienst und arbeiteten in zahlreichen Workshops überall im Land an Alternativen wie der Sozialen Verteidigung – ganz ohne Militär. Unser Traum, dass das „Trommelfeuer“ verstummt, ist ein Traum geblieben und ich erwache in einer kriegerischen Zeit, in der das Unerhörte nicht zum Alltag wurde.

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