Rennradfahrend im Nordtiroler Unterland vorbei an Kulturdenkmal und Badesee

Soll ich schreiben von einer Rennradstrecke – knapp 100 Kilometer – hinauf auf der südöstlichen Talseite nach Bad Häring, hinunter nach Kirchbichl, hinauf auf der nordwestlichen Seite nach Mariastein, hinunter nach Brandenberg, hinauf zur Abkühlung im Reintalersee und dann in Windeseile zurück durch das in der Hitze glühende Unterinntal nach Innsbruck? Wichtiger sind mir als Schreibender die Gedanken bei solchen Fahrten zu schreiben.

Wenn wir die Unterinntalautobahn unterfahren oder ihr entlangfahren, spüre ich die Wut und Verzweiflung. Lkws lärmen Stoßstange an Stoßstange, Pkws sausen auf der zweiten Fahrspur fast Stoßstange an Stoßstange. Die Welt brennt angesichts der Folgen der Erderhitzung. Man macht weiter so, als gäbe es keine Treibhausgase, die unsere Welt zerstören. Dann bin ich froh, wenn die Fahrt fern von der Autobahnwirklichkeit auf entlegenen Straßen über das Mittelgebirge im Unterinntal geht.

Der imposante Wohnturm von Mariastein, der auf einem senkrechten Felsen im östlichen Teil des Angerberg-Plateaus liegt, ist immer wieder ein Hingucker und ich werde wieder zum Hineingeher. Im steinernen Gemäuer, das im unteren Teil auf die Mitte des 14. Jahrhunderts zurückgeht, sind seit vielen Jahrzehnten einige Kapellen untergebracht. Eine steile Wendeltreppe führt in den vierten Stock zur Gnadenkappelle mit der gotischen Maria-mit-Kind-Statue.  Einst sollen hier Pilger auf den Knien die 150 Stufen hinaufgerutscht sein und auf jeder Stufe ein Avemaria gebetet haben. „Maria, Königin des Friedens“, steht auf der bestickten Altardecke unter dem Gnadenbild. Unsäglich viele Kriege sind geschlagen worden, seit die Gnadenstatue hier steht: Religionskriege, Ressourcenkriege, Eroberungskriege, Totale Kriege, nationalistische Kriege. Die heutigen Nachrichten meldeten wieder Angriffe und Gegenangriffe aus dem nun schon fünften Kriegssommer in der Ukraine. „Königin des Friedens, hilf!“ Der Auf- und Abstieg im Turm zwischen Kapellen mit Beichtstühlen und Marienstatuen, mit Engelköpfen im Stiegenhaus, mit einer Kreuzkapelle und einem Heiligen Grab ist wie ein Gang durch alte katholische Volksreligiosität. Über Jahrhunderte pilgerte man zum Gnadenort, um für den Frieden zu beten. Heute wird für Kriege gerüstet. Auch dieses offizielle Österreich passt in diesen Tagen schrittweise das eigene Heer für Kriegsfähigkeit an. Man glaubt nicht mehr an die Kräfte, die mit dem Glauben an die Friedenskönigin zu tun haben könnten. Im Hof vor dem Wohn-/Kapellenturm sind Kriegerdenkmäler mit fragwürdigen Inschriften. Man preist den Heldenmut der Männer, die in „Vätertradition“ ihr Leben im Kampf ließen. Lieber schon ist mir das Gedicht von Rilke, das auf einer Messingtafeln am Brunnen angebracht ist, wenngleich mir die Bedeutung sich nur ahnend erschließt.

„Wie der Wasser Oberflächen schweigend
von der Erde zu den Himmeln schweben,
bin ich knieender, um dir mein steigend
übergehendes Gesicht zu geben.“

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