Geborgenheit inmitten der schmelzenden Gletschermassen

Brandenburger Haus (3277m)

Das Brandenburger Haus ist in meiner Wahrnehmung in vieler Hinsicht die extremste Schutzhütte in den Ostalpen. Es gibt keinen Zustieg, der nicht über einen Gletscher ginge. Wer hierher aus dem Ötztal, dem Kaunertal oder aus dem Langtauferertal kommt, über den Kesselwandferner oder den schier endlos weiten Gepatschferner, braucht komplette Gletscherausrüstung und entsprechende Erfahrung damit. In diesem Sommer besonders, in dem die Spalten zwar alle (alle?) offen sind, aber das Eis dafür blank und die Spalten an Zahl unvergleichlich zugenommen haben. Mein subjektiver Vergleich bezieht sich auf den Juli 2023, als ich zuletzt hier war.

Das Brandenburger Haus wird in manchen Beschreibungen zu Recht als „Gletscherschloss“ bezeichnet. Wenn das denkmalgeschützte Haus ein „Schloss“ ist, dann gibt es darin auch eine Königin. Das ist die neue junge Hüttenpächterin Teresa. Die Leidenschaft für die Berge spricht aus ihren Augen. Als Bergretterin bringt sie auch mehr als alpine Erfahrung mit sich. Da braucht es tatsächlich eine Fülle an Fähigkeiten, damit es Wasser gibt – sie zeigt uns den neuen Hochbehälter, der mit Wasser aus einem Toteisfeld oberhalb der Hütte gespeist wird, damit es Essen für die Gäste gibt – es schmeckt hervorragend, damit die Zufuhr mit Hubschrauberflügen funktioniert, damit die Photovoltaik-Anlage genügend Strom zur Verfügung stellt, damit das ökologische Toiletten-Anlage-System seine Arbeit leistet, damit sie ein unterstützendes und motiviertes Team um sich hat  und vor allem auch, damit man sich dort geborgen fühlt, wo vor der Hütte kein Gras wächst, sondern die größten Gletscherflächen Österreichs sich ausbreiten. Der Gipfel der Weißseespitze ist in sechs Kilometer Entfernung von der Hütte. Dazwischen nur Eisfläche und gefühlt Tausende Spalten. Es gäbe auch einen Übergang hinunter über die Vernaglwände und hinüber zur Weißkugel. Die Bedingungen sind inzwischen anders. Man hat selbst das Kreuz von der Weißkugel vor kurzem abgetragen, weil das Fundament des Sockels sich lockerte. Die Zustiege zur Weißkugl, dem dritthöchsten Berg Österreichs, sind gefährlich geworden. Steinschlag oder schwer überwindbare Spalten. Die Weißkugl wirkt auch gar nicht mehr weiß – und es ist nicht nur der Saharastaub, der sich in den letzten Tagen über die Gletscher legte. Vom Hausgipfel, der Dahmannspitze – sie lässt sich schnell von der Hütte aus über Blockwerk und einen Steig erreichen – sieht man unten die Rauhekopfhütte auf einem längst aperen bräunlich-rötlich-grauem Moränenrücken.

Eine Beschreibung auf der Website des Brandenburger Hauses trifft genau mein Empfinden: „Es ist kein Ort für Eile. Kein Ort für Komfortdenken. Diese Hütte ist ein Platz, der Respekt einfordert – gegenüber dem Berg, den Bedingungen und den Menschen, die diesen Stützpunkt unter extremen Umständen möglich gemacht haben.“ Das hochgelegene Eisschloss erzählt auch noch von einer anderen Geschichte, die wenig rühmlich ist. Die nationalsozialistisch gesinnte Sektion Mark Brandenburg, von der Jüdinnen und Juden ausdrücklich ausgeschlossen waren, wollte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem kühnen Bauwerk am Scheidepunkt zwischen Gepatsch- und Kesselwandferner ihrem heroischen Eroberergeist einen markanten Ausdruck verleihen. Das ist tatsächlich gelungen. Auf einem soliden Grundstockwerk wurden noch weitere drei Stockwerke aus Stein gemauert. Granitsteine gibt es oberhalb der Hütte ja genug. Am Eingang der Hütte erinnert eine Tafel an die Geschichte und zieht daraus Lehren für die Jetztzeit: Zwischen dem Edelweiß-Logo des AV und einem Davidstern steht: „Gegen Intoleranz und Hass uns Bergsteigern zur Mahnung … uns ist es eine Stätte der Freundschaft und Begegnung für alle Bergsteiger, unabhängig von Nationalität, Religion oder Hautfarbe …“ Meine Gedanken gehen in jene Gegenden im Osten Deutschlands, aus denen die Mitglieder des Vereins Mark Brandenburg kamen. Landtagswahlkampf ist dort. Die AfD mit ihren rechtsextremen Inhalten der Fremdenfeindlichkeit ist im Aufwind aber auch das BSW operiert mit populistisch antisemitischen Wahltönen. Am Gipfel der Dahmannspitze wehen die tibetischen Fahnen, die von einer Freundschaft zwischen den Völkern und von einer Verbindung zwischen den Menschen und der Erde erzählen.

Fluchtkogel und Spaltenlabyrinth

Mein Freund sucht sich gekonnt einen Weg durch das Spaltenlabyrinth des Kesselwandferners. „Passt auf die Löcher auf …“, meinte Teresa mit einem gewissen Understatement. Nach der Randspalte ziehen wir uns die Eisen aus. Inzwischen ist es möglich geworden, ohne die Berührung von Gletscherfeldern problemlos am Felsen und Grat entlang über einen Bogen bis auf die Spitze zu steigen. Das ist zwar weniger edel, entspricht mir aber besser. Vom ursprünglicen Plan, über das Guslarjoch und den Guslarferner hinunter zur Vernagthütte zu steigen, lassen wir ab. Es wäre sehr steinschlaggefährdet, meinte Teresa, und wir sind dankbar für diesen Hinweis. Es bedeutet allerdings, noch einmal sich einen Weg im Zickzack zwischen den Spalten des Kesselwandferners zu suchen.

Umweg über die Vernagthütte nach Vent

Wir entscheiden spontan: Sollen wir den Steig nehmen, der über die Guslarspitzen zur Vernagthütte (2750 m) führt oder jenen, der in einem weiten Bogen knapp oberhalb vom Hochjoch-Hospitz südlich um die Guslarspitzen führt? Wir wählen letzteren, der sich dann als wesentlich länger entpuppt, dafür eine wunderbare Wanderung in leichtem Auf- und Ab und hochalpinem Ambiente weit oberhalb des Rofnertales bietet mit einem nochmals kräftigen Gegenanstieg hinauf zu Hütte.

Die Vernagthütte spielt in einer anderen Liga als das Brandenburger Haus. Es liegt fast lieblich in einem Almgelände. Das Eis des Guslarferners und des Vernagtferners hat sich weit in die Becken Richtung Gipfel- und Grate zurückgezogen. Weit unterhalb ist der Vernagtbach mit tosendem Schmelzwasser gefüllt. Beim Blick auf die Bäche denke ich unweigerlich auch an die Sturzflut in Nepal vor einigen Tagen. Andrea Fischer hat als Glaziologin die Botschaft klar formuliert. Solche Ereignisse könnten sich in kleinerem Maßstab auch in den Alpen abspielen. In diesem Jahr, in dem laut Berechnungen die Eisfläche um bis zu zehn Prozent zurückgeht und der Permafrost allerorten aufbricht, sind Vermurungen und Sturzfluten auch bei uns möglich. Der Klimawandel ist längst angekommen: allerdings nicht im Bewusstsein jener, die rechtspopulistischer Propaganda auf den Leim gehen oder halbherzige Klimaschutzziele zu verantworten haben.

Die Vernagthütte kann mit einer Materialseilbahn versorgt werden. So einfacher ist das als die Versorgung auf dem Brandenburger Haus. Weniger extrem. Viel weniger exponiert. Das bringt auch mehr Hüttengäste. Auch an diesem Tag. Auf die Kasspatzln müssen wir kaum warten. In den Fensterbänken und vor der Hütte sind Töpfe mit blühenden Blumen. Beim Abstieg nach Vent kommen uns noch einige Menschen entgegen. Man braucht keine Gletscherausrüstung, um zu dieser Hütte zu kommen. Nun merke ich die Schwere von Pickel, Steigeisen und Seil auf meinem Rücken und beginne langsamer gelenkschonend zu gehen. In diesem Spätsommer-Frühherbst-Licht sind die Farben intensiv. Tiefblau der Himmel mit knallweißen Wolken, tiefbraun-orange die Hänge hinauf zum Ramolkogel oberhalb von Vent, tiefgrün die Wiesen bei den Rofanhöfen. Nur im Tal unten in Sölden möchte ich dann die Augen vor dem Massen-Event-Tourismus und dem Blechwurm schließen. Dabei war ich selbst vor neun Jahren noch jemand, der beim Ötztal-Radmarathon mitfuhr. „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.“

Kommentare

  1. Lieber Klaus!

    Danke dir für die Reise durch die Bergwelt, die ich mit wachen Herzen verfolgt habe. Habe große Sehnsucht, auch wieder in die Höhe zu kommen, vielleicht geht’s wieder aufwärts.

    Lg Andreas

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