Der Prophet Jeremia, Otto Neururer, Hannah Arendt und die Freiheit zum Neinsagen

Liebe Wallfahrende!

Bewusst möchte ich Euch heute und hier bei der Nachtwallfahrt am Piller so anreden. Wallfahrende haben ein besonderes Merkmal. Sie haben ein Ziel vor Augen. Wir wallen – das heißt wir fahren oder gehen – einem Ziel entgegen. Unser Ziel ist hier die Kaplaneikirche und damit ist unser gemeinsames Ziel, uns mit Otto Neururer zu verbinden, jenem Seligen, der hier am Piller geboren ist, in diesem kleinen Weiler seine Familie und seine Heimat hatte, der in dieser Kirche seinen Glauben lebte und seine Berufung erfuhr. Es war für mich zuvor ein tiefes Erleben, als wir bei der kurzen Wallfahrt um die Kirche hinter der Fahne des Märtyrers aus dem Piller gegangen sind. Es ist die einzige Fahne, die für mich Bedeutung hat. Gefühlsmäßig geographisch befindet man sich hier auf dem Sattel zwischen Pitztal und Oberem Gricht, zwischen Venet und Aifner fast wie am Ende der Welt. Politisch-seelisch beginnt hier die Welt, wird das Ziel zum Ausgangspunkt für ein Handeln, das den Mächten des Todes trotzt. Ich kann es für mich sagen: Das Vorbild von Otto Neururer ist mein Ziel. In meiner Ansprache möchte ich drei Zielperspektiven benennen, die für mich mit dem Seligen vom Piller zu tun haben.

(1) Der Prophet Jeremia oder die Versuchung vom Apostel Simon Petrus

Zunächst werde ich auf die biblischen Lesungen Bezug nehmen, die für den heutigen Sonntag vorgesehen sind. Eigentlich wollte ich zunächst in meiner Ansprache gar nicht darauf eingehen – und dann habe ich aber gemerkt, wie sie genau für unsere Beschäftigung mit Otto Neururer passen. Wenn ich hier in der Kirche

In der Lesung aus dem Alten Testament hören wir den Propheten Jeremia. Irgendwie war der Prophet genau aus jenem Holz geschnitzt, das wir von Otto Neururer kennen. Jeremia lebte am Übergang vom 7. zum 6. Jahrhundert in einer Zeit und an einem Ort, die geprägt waren von äußerster Gewalt. Jeremia hat es sich nicht einfach gemacht. Es wäre naheliegend gewesen, sich anzupassen, um nicht Opfer dieser Gewalt zu werden. Das hat Jeremia nicht getan. Er hat sich nicht auf die Seite der Gewalttätigen gestellt, sondern gegen sie das Wort erhoben. Kurz vor der Stelle, die wir zuerst hörten, können wir lesen, dass er geschlagen wurde und in den Block gespannt wurde. Ein Block bedeutete damals Folter: Kopf und Hände wurden schmerzhaft in eine hölzerne Vorrichtung eingezwängt. Da denken wir hier mit Blick auf die Lebensgeschichte von Neururer wohl auch an die brutalen Schläge, die der Selige in den Konzentrationslagern in Dachau und Buchenwald erlitt. Doch zurück zum Propheten Jeremia. Dort heißt es, dass in ihm „ein Feuer brannte, eingeschlossen in seine Gebeine“. Das macht ihn widerständisch. Das machte ihn auch bereit, Verfolgung auf sich zu nehmen, um laut zu rufen „Unterdrückung und Gewalt!“.

Auf dieser Geschichte aus dem Buch Jeremia baut auch die heutige Lesung aus dem Matthäusevangelium auf. Man hört hier so ganz genau auch die Geschichte von Otto Neururer heraus. Die Rede ist davon, dass unser Leben nicht darin besteht, sich anzupassen an jene Mächte der Gewalt, Ausbeutung, Zerstörung und Unterdrückung, sondern auch die Bereitschaft zu haben, das Kreuz auf sich zu nehmen. Die Worte, die Jesus dem Petrus entgegenhält, sind radikal. Er nennt ihn „Satan“. Das Satanische ist, sich anzupassen an Systeme und Strukturen, wo die Würde von Menschen missachtet wird, wo Lebensmöglichkeiten geraubt werden und Gewalt und Krieg herrschen. Dies führt mich zum zweiten Blickwinkel.

(2) Hannah Arendt und ihre sozial-philosophische Kritik am Mitläufertum

In meinem Nachdenken über die Schreckenszeit des Nationalsozialismus, die zum Martyrium von Otto Neururer führte, denke ich oft an die jüdische Philosophin Hannah Arendt. Ihre sozialwissenschaftlichen Forschungen widmete sie der Frage, wie es möglich gewesen ist, dass so viele Menschen den Terror der Nazis unterstützt hatten, dass es zugleich so wenige waren, die den Mut hatten, nicht Rädchen und Mitläufer oder Täter in dieser Zeit zu sein.

„In schwierigen Situation sind die einzig Zuverlässigen diejenigen, die einfach nicht anders können.“ So hat es Hanna Arendt einmal ausgedrückt. Der Prophet Jeremia konnte nicht anders, Jesus konnte nicht anders und Otto Neururer konnte nicht anders. Warum: Weil in ihnen das Wort Gottes „brannte“. Hannah Arendt beschrieb in ihren Büchern genau die conditio humana, das heißt die menschliche Natur. Jene sind moralisch standhaft und verfallen nicht der Banalität des Bösen, die es nicht über sich bringen, unethisch zu handeln. Die Philosophin sagt auch mit Blick auf den Nationalsozialismus: Es gab immer die Alternative zu sagen: ich mache nicht mit. Dazu gehört es freilich, dass man selbst urteilt, sich bildet, sich nicht hinter einem „Wir“ versteckt, sondern „Ich“ sagt. Wenn ich heute in den Schriften der Philosophin Hannah Arendt lese, dann ist es, als hätte sie auch Otto Neururer im Blick gehabt.

3) Abschließend: Dem eigenen Gewissen folgen

Was möchte ich also festhalten, mit Blick auf die heutigen Schriftlesungen, auf Otto Neururer und mit Blick auf Hannah Arendt. Wir sollen keine Mitläufer:innen sein, sondern stets bereit, dem Gewissen zu folgen, auf das brennende Herz, das bis in unsere Gebeine geht, ein Gewissen, das politisch wachsam ist, weil es aufmerksam und kritisch gegenüber dem ist, was in unserer Zeit vor sich geht. Das eigene Gewissen ist keine egoistische Selbstbezogenheit. Es ist aber geprägt von Empathie, von einer Leidenschaft für die anderen Menschen.

Dazu passen wohl auch drei lokale Bezüge. Unten in Prutz auf der anderen Seite des Piller führt der Theaterverein Winklbühne heute das Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach auf. Da geht es genau darum: Jedes Ich ist herausgefordert, in seinem letzten Tun dem eigenen Gewissen zu folgen. Ich denke aber auch an die Bürgerinitiative in der Fließerau. Sie steht dafür: Wir lassen es nicht zu, dass giftige Abfallstoffe unsere Umwelt belasten. Dem eigenen Gewissen folgen, das hat schließlich auch mein Großonkel Joachim Nairz getan, der sich der Einberufung in die Wehrmacht entzog und sich über viele Monate in einer Höhle oberhalb von der Pontlatzer Schlucht versteckte. Als er nach Kriegsende aus seiner Höhle zurück nach Prutz kam, galt er für viele als „Deserteur“, als Feigling, als Spinner. Hannah Arendt hätte ihn wohl als vorbildlichen Menschen gesehen. Wie Jeremia, wie Otto Neururer.

Niemand von uns ist gezwungen, dem Bösen zu folgen, sagte die deutsche Philosophin mit Blick auf die Naziherrschaft. Und Kurt Tucholsky warnte 1921 vor dem aufkeimenden Militarismus und Nationalismus der Weimarer Republik mit dem bekannten Zitat: „Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“ Der Prophet Jeremia wusste, wozu er Nein sagte, Jesus wusste es und Otto Neururer wusste es. Wenn wir politisch wachsam in unsere Welt sehen, in der für neue Kriege gerüstet wird und alte nicht beendet werden, in der eine selbstzerstörerische Vernichtung von Lebensgrundlagen stattfindet und selbstbezogene Narzissmen gepflegt werden, dann braucht es den Mut des Seligen vom Piller, unüberhörbar dieses Nein zu sagen und zu leben – das immer aber auch ein Ja ist zum Leben, zu einem Leben in Fülle. Wenn wir uns auch hier in der Kirche das Foto von Otto Neururer ansehen, dann sehen wir in seinen Augen hinter den typischen runden Nickelbrillen lebenslustige Augen und Lippen, die sich zu einem fast schelmischen Lächeln formen. Darin steckt keine fanatische, leibfeindliche, selbstaufopfernde und unversöhnliche Haltung. Otto Neururers widerständisches Wesen wurde selbst unter den brutalsten Bedingungen von Folter und Hohn nicht in Hass geformt. Ein einzelner blieb stärker als der Terror. Diese Haltung des Seligen vom Piller zu leben, das ist das Ziel von uns Wallfahrenden.

AMEN

Bild: Watterkarte der Katholischen Jungschar

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