
Wäre ich noch in meiner Lehrertätigkeit, so würde ich wohl zu Beginn des neuen Schuljahres in meinen Unterrichtsstunden eine Büroklammer sprechen lassen. Auf jedem Pult würde dieses kleine gebogene Drahtding liegen und Neugierde wecken. Meine Schülerinnen und Schüler würden es sofort als Symbol für etwas Besonderes identifizieren. „Welche Funktion hat eine Büroklammer?“, so wäre meine rhetorische Frage. Die Antwort läge wortwörtlich begreifbar auf der Hand und wäre unmittelbar im Schülermund. „Ich kann damit verbinden, Blätter, die zusammengehören.“ „Ich kann eine Büroklammer verwenden, um etwas zu markieren, eine Seite im Buch zum Beispiel.“ Dann würde ich eine Geschichte erzählen – und hätte in meiner Präsentation auch genügend Bilder zur Veranschaulichung zur Verfügung, denn die Geschichte hinter der Büroklammer begleitet mich schon lange. Einer meiner Lehrer in Harvard, Gene Sharp, hatte sie tief im Herzen verankert und dann in seinen Forschungen als Musterbeispiel für gewaltfreien zivilen Widerstand gegen ein Unrechtsregime erforscht und beschrieben. Oftmals habe ich dieses Beispiel europäischer Widerstandsgeschichte in meinen Seminaren und Vorträgen verwendet, um Strategien und Taktiken einer möglichen Sozialen Verteidigung zu erörtern
Wir sind in Norwegen zur Zeit der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkrieges. Hitler und seine Mördertruppen hatten 1940 Norwegen besetzt. Der norwegische König floh mit seiner Entourage nach Großbritannien, genauso hatten vormalige norwegische Regierungsmitglieder Exil in England genommen. Norwegen war für Hitlerdeutschland aus zwei Gründen besonders wichtig. Es war militärstrategisch aufgrund seiner Lage und der langen Küste bedeutsam und es hatte enorme Rohstoffvorkommen. Die Eroberung und Besetzung im Frühsommer 1940 fiel den Hitlertruppen vor allem deswegen leicht, weil es damals in Norwegen Menschen und Parteien gab, die mit der faschistischen Ideologie der Nazis sympathisierten. Einer von ihnen war Viktor Quisling. Wie Hitler phantasierte er von der Überlegenheit der nordischen Rasse und wie die Nazis war er geprägt von einem tiefen Antisemitismus. Als Norwegen von Hitlerdeutschland okkupiert wurde, wurde Quisling als Chef er Marionettenregierung eingesetzt und war verantwortlich für die Massendeportation von Juden sowie für die Unterdrückung jedes Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht.
Diesen Widerstand gab es. Dafür steht die Büroklammer. Widerstand in Form von zivilem Ungehorsam, verdeckter Hilfe und militärischer Sabotage gegen die deutsche Besatzung, die durchdrungen war vom norwegischen Faschismus in den Jahren 1940 – 1945. Meist war der Widerstand „still“. Passiver Widerstand wird es auch genannt. Lehrpersonen streikten gegen die Nazifizierung der Schulen. Verantwortliche der Kirchen verweigerten jede Unterstützung für die Besatzung und die Kollaborateure. Den aktiven Widerstandskämpfern wurde Unterschlupf gewährt und es gab die verschiedensten Boykottmaßnahmen. Hitlerdeutschland hatte in der Besatzungszeit rund 400.000 Soldaten nach Norwegen geschickt. Das bedeutete umgerechnet: ein Besatzungssoldat für acht Norweger. Ab 1940 trugen Menschen, die mit den ausländischen wie inländischen Faschisten nichts zu tun haben wollten, Büroklammern sichtbar an ihrer Kleidung. Die Botschaft dahinter: Wir halten zusammen in unserem Nein zu Faschismus und Besatzung. Die Kollaborationsregierung drohte daraufhin mit Festnahmen, wer immer so eine Klammer demonstrativ trug.
Herbst 2026. Die Büroklammer ist nun zurück. Ihre Bedeutung wird in den Sozialen Medien neu diskutiert. Sie wird heute wieder getragen als Zeichen gegen Faschismus und Rechtsextremismus. Die Büroklammer verbindet Antifaschistinnen und Antifaschisten und sie warnt vor den rechtsextremen Entwicklungen in unseren Gesellschaften. Und nun könnte ich eingehen auf die Wahlerfolge der AfD in Sachsen-Anhalt oder auf die Identitären hierzulande und ihren Verbindungen in jene Partei, die sich auch in Österreich in einem populistischen Aufwind befindet. Ich würde als Lehrperson die Partei nicht nennen, sondern hinter Begriffe wie „Remigration“ schauen. Personen aus dem Umfeld der AfD und ihrer österreichischen Schwesterpartei wollen Hunderttausende „abschieben“ und „loswerden“. Sie werden als „kulturfremd“ diffamiert. Ich könnte den Begriff von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ erklären am Beispiel von Aussagen aus dem Bereich bestimmter Parteien gegenüber Menschen aus der LGTBQ+-Bewegung. Überhaupt müsste dem Unterrichtsprinzip „politische Bildung“ entsprechend die Dynamik analysiert werden, wie durch völkischen Nationalismus, Infragestellung demokratischer Grundprinzipien, Propaganda, Feindbilddenken, Militarisierung, Verächtlichmachung des politischen Gegners, Spaltung der Gesellschaft und Führer-Volkskanzler-Denken zu einem faschistischen System führen.
Vor fast zehn Jahren schon hatte ich die Wahlkämpfe einer Rechtsaußenpartei, damals noch unter der Führung des Ibiza-Reisenden, in meinen Blogs analysiert und manchmal wurde dies auch unweigerlich zum Thema im Unterricht. Was bedeutet es beispielsweise, wenn ein Parteichef bei einer Wahlkampfrede mit einem Kreuz in der Hand auftritt und ungeniert aus der Bibel zitiert und mit dem Begriff Nächstenliebe eine Politik des „Ausländer-raus“ propagiert? Ein Nationalratsabgeordneter eben jener Partei stürzte daraufhin einmal wutentbrannt in die Direktion und forderte meine Abmahnung oder Absetzung als Lehrperson. Er nahm voraus, was die AfD in ihrem Wahlprogramm fordert: Kontrolle der Lehrpersonen und Abmahnungen, wenn kritisch über Inhalte wie Remigration oder Rechtsextremismus diskutiert wird.
Bei meiner kurzen Rennrad-Trainingsrunde über das westliche Mittelgebirge oberhalb von Innsbruck bremse ich bei der Wallfahrtskirche in Götzens ab. Dort ist die Urne von Otto Neururer. Hier war seine Wirkungsstätte, bevor er von den Nazis festgenommen und dann in die Konzentrationslager gebracht wurde. Er ist für mich auch so ein Büroklammer-Mensch. Ich lege eine Klammer zu seiner Gedenkstätte und eine andere stecke ich ins Anliegenbuch und schreibe dazu: „nie wieder!“
klaus.heidegger, 15.9.2026