
Bei meiner wöchentlichen Fahrt über den Piller mache ich wieder eine kurze Rast in der dortigen Kirche, setze mich an die Gedenkstätte für Otto Neururer und lege meine Büroklammer auf das Buch, das er in der Hand hält. Der Selige vom Piller schenkt heute noch Kraft. Widerstandskraft. Vielleicht würde er auch heute auf seinen Talar eine Büroklammer stecken und die Farbe einer rosaroten Klammer würde sich besonders auf dem Hintergrund des Schwarz hervorheben.
Mein Enkelkind fragt so gerne „warum?“ Er ahnt mit seinen vier Jahren: Für alles gibt es eine Erklärung. „Warum versteckt sich die kleine Kröte immer wieder am gleichen Platz … warum rinnt jetzt kein Wasser im Bach … warum ist Wasser in den Wolken … warum …“ Die Fragen der Erwachsenen sind da anders gestrickt – und würden sie doch fragen! Warum gewinnen rechtsradikale Parteien die Wahlen? Die Frage des „Warum?“ lässt sich in Bezug auf historische Ereignisse leichter beantworten und alles ist längst mit aller Ausführlichkeit erforscht und in hunderten Büchern beschrieben worden. Warum, so wird mit Blick auf die Schreckenszeit des Nationalsozialismus immer wieder gefragt, war es möglich, dass Hitler auf demokratischem Wege an die Macht kam? Warum gab es nicht mehr Widerstand? Warum sind rechtspopulistische Parteien im Aufwind und warum rutscht die mächtigste Nation der Welt in den Autoritarismus.
Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung. Die Brutalität und Unmenschlichkeit von Hitler und der nationalsozialistischen Diktatur verträgt keine Gleichsetzung. Zugleich kann aus der Geschichte gelernt werden und wer die Warum-Frage stellt – warum war es möglich, dass die erste Demokratie in Deutschland scheiterte und Hitler an die Macht kam – wird daraus Lehren für die Gegenwart folgern können. Ich blicke auf 10 Faktoren, die für das Heute bedeutsam sind – und Parallelen im Heute drängen sich – wenngleich in anderen Dimensionen – auf.
- In der deutschen Bevölkerung gab es in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg keinen ausgeprägten antifaschistischen Zusammenhalt. Rechte und Linke und Liberale bekämpften sich gegenseitig, statt miteinander faschistischen Entwicklungen entgegen zu halten.
- Andere Parteien hatten sich nicht klar gegenüber Hitler und der NSDAP abgegrenzt. Eine Brandmauer gegenüber Rechtsextremen gab es nicht. Die Zusammenarbeit von Nationalsozialisten und Rechtskonservativen höhlte die Demokratie von Innen aus. Es war Reichspräsident Hindenburg selbst, der Hitler zur Macht verhalf im Irrglauben, damit könnte der Nationalsozialismus gezähmt werden.
- Es gab einen wirtschaftlichen Niedergang (Weltwirtschaftskrise 1929) verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit und Verarmung weiter Teile der Bevölkerung. Die enorme Inflation hatte ihre Ursache auch in der Kriegsfinanzierung und damit einhergehender Verschuldung im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg. Die rechtsradikalen Kräfte boten nun einen Sündenbock an, der für die wirtschaftliche Misere verantwortlich gemacht wurde. Für das Elend wurde zugleich das „System“ verantwortlich gemacht. Das System und die Systemparteien und Systemmedien müssten bekämpft werden. Prinzipiell gilt: Krisensituationen sind immer auch eine Gefahr für die Demokratie. Dann gibt es die Heilsversprechungen der Verführer.
- Im Volk gab es eine lang antrainierte kulturell- bedingte Sehnsucht nach einem „Führer“, der zeigt, wo es lang geht. Man wünscht sich einen starken Kanzler für das Volk.
- Demokratische Grundprinzipien wurden infrage gestellt. Am Ende der Weimarer Republik wurde mit Notverordnungen Politik gemacht. Es war in der Weimarer Zeit schwer, Regierungsmehrheiten zu finden.
- Völkischer Nationalismus wurde genährt, vor allem auch als Umgang mit der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und als Reaktion auf die Reparationszahlungen, die mit dem Versailler Vertrag verbunden waren.
- Eine gewisse Gewaltkultur war in der Bevölkerung latent vorhanden und konnte sich dann mit dem Sieg der Nationalsozialisten ungehemmt entfalten. Gewalt wurde ausgeübt von gewaltbereiten jungen Männern – in Gruppen oder als Einzeltäter. Der Erste Weltkrieg war eine „Maschine zur Brutalisierung der Welt“ (E.Hobsbawm). Der Kult heroischer Maskulinität und ein Freund-Feind-Denken wirkten fort.
- Militärisches Denken bestimmte die Logik der Mächtigen und wurde von einem großen Teil der Bevölkerung mitgetragen. Für die militärische Niederlage beim Ersten Weltkrieg wurde die Politik, nicht aber das Militär verantwortlich gemacht. (Dolchstoßlegende) General Hindenburg steht für den Militarismus des Ersten Weltkriegs, der mit seinem Ende nicht verschwunden war.
- Die Nationalsozialisten setzten massive Propaganda ein, um die Bevölkerung zu blenden. Fake News wurden kolportiert. In dieser Zeit entstand auch der Begriff von der „Lügenpresse“.
- Die Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft war ein wesentlicher Faktor für das Ende der Weimarer Republik und für die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur. Der politische Gegner wurde verhöhnt und verspottet. Der erste Präsident der Weimarer Republik, Theodor Ebert, wurde von den Demokratiefeinden systematisch verächtlich gemacht – und selbst „Bodyshaming“ war eine der fiesen Taktiken.
Es würde uns nicht schwerfallen, die zehn Faktoren auch mit Blick auf aktuelle Ereignisse in Österreich wie in Deutschland anzuwenden. Ich denke an das „Volkskanzler“-Auftreten und seine überlange Rede im Kongresshaus in Innsbruck am 12. September 2026. Sie war übertitelt mit „Ehre, wem Ehre gebührt“. Der FPÖ-Chef sprach vom „Wegsprengen“ mit Blick auf die „Systemparteien“ und die „Systemmedien“. Kickl kritisiert „das System“ – doch was meint er damit: Den Parlamentarismus? Die Sozialpartnerschaft? Kickl will jedenfalls das System sprengen. Er will die „Altparteien vor sich hertreiben“ – und zitiert dabei Jörg Haider, er will wie David die Steinschleuder benützen und so den Goliath bezwingen. Das ist Ausdruck einer politischen Gewaltkultur, bei der ich auch an FPÖ-Vorfeld-Aktionen wie den zusammengeschlagenen Taxifahrer in Leoben denke oder an Einschüchterungen durch mit Baseballschläger bewaffnete junge Männer und ihre Kampfsport-Vorlieben. Kickl treibt mit hetzerischen Worten einen Keil zwischen parlamentarisch gewählten Abgeordneten der anderen Parteien und den Regierenden – er nennt sie „Feiglinge“ – einerseits und dem Volk andererseits. Für Kickl ist Remigration der wichtigste politische Hebel und framed ihn mit der Angst vor dem Islam. Er will nicht, dass seine Urenkel einmal in einem islamischen Staat leben, so in seiner langen Festtagsrede zum 40-jährigen FPÖ-Putsch in Innsbruck unter Jörg Haider, bei der das Liberale der Freiheitlichen beendet wurde. Bundeskanzler Friedrich Merz hat in einer Rede nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt an die Adresse von Alice Weibel unmissverständlich gesagt, woran ihn „Remigration“ erinnere: an „ethnische Säuberung“.
klaus.heidegger